Visa wächst so stark wie seit 15 Jahren nicht
Der Zahlungsdienstleister hat im Geschäftsjahr 2025/26 den Umsatz um 15 Prozent auf 46 Milliarden Dollar gesteigert. Der Gewinn legte um 17 Prozent auf 23,5 Milliarden Dollar zu. Konzernchef Ryan McInerney spricht laut Mitteilung vom stärksten Wachstum seit 15 Jahren, wenn man die Erholung nach Corona und Übernahmen herausrechnet.

Für ein Unternehmen dieser Größe ist das bemerkenswert. Visa verdient an jeder Transaktion mit, ohne selbst Kredite zu vergeben, und wächst trotzdem zweistellig. Die Konsumausgaben der Amerikaner und der grenzüberschreitende Zahlungsverkehr halten das Geschäftsmodell am Laufen. Das Volumen im grenzüberschreitenden Geschäft stieg zuletzt um 13 Prozent, bereinigt um Währungseffekte.
Die Zahlen treffen genau die Erwartungen
Analysten hatten ähnliche Werte erwartet. Umsatz und Ergebnis fielen im Großen und Ganzen wie vorhergesagt aus. Wer eine Überraschung suchte, fand keine.
Die Aktie gab vorbörslich 1,47 Prozent auf 395,96 Dollar nach. Erst Ende vergangener Woche hatte sie mit 414,60 Dollar ihr bisheriges Rekordhoch erreicht. Gewinnmitnahmen nach einem starken Lauf sind kein Drama, aber sie zeigen, dass die guten Nachrichten im Kurs stehen.

Das Wachstum kommt zunehmend aus Zusatzgeschäften
Ein genauer Blick auf das dritte Geschäftsquartal zeigt, wo die Dynamik herkommt. Das Zahlungsvolumen überschritt erstmals die Marke von 4 Billionen Dollar. Noch schneller wuchsen die Zusatzdienste: Die Erlöse aus Value-Added Services stiegen um 34 Prozent auf 3,8 Milliarden Dollar, auch dank der Übernahme von Prisma. Die Transaktionen über Visa Direct nahmen um 21 Prozent auf 4 Milliarden zu.
Das Kerngeschäft mit den Kartengebühren bleibt der Motor, aber die Zusatzdienste machen den Konzern weniger angreifbar. Gleichzeitig baut Visa um. Im dritten Quartal fielen Abfindungskosten von 563 Millionen Dollar für Personalmaßnahmen an. Auch ein Rekordkonzern trimmt seine Belegschaft, wenn die Margen hoch bleiben sollen.
Der Iran-Konflikt hängt über dem Konsum
Dem Optimismus der Konzernspitze, die im neuen Geschäftsjahr Umsatz und Gewinn spürbar steigern will, trauen Anleger offenbar nur begrenzt. Der ungelöste Konflikt zwischen dem Iran und den USA wirkt über die Inflation auf die Konsumausgaben. Visa lebt vom Konsum. Ein schwächerer Verbraucher zeigt sich in den Zahlen schnell.

Bisher blieb der Effekt aus, denn die Ausgaben sind stabil geblieben. Genau das macht den Ausblick aber zur Wette darauf, dass es so bleibt.
Regulierer und Stablecoins greifen die Mautstelle an
Die größere Gefahr kommt nicht aus der Nachfrage, sondern aus den Regeln. Visa ist eine Art Mautstelle für den weltweiten Zahlungsverkehr, und genau diese Maut steht unter Druck. In einem Vergleich mit US-Händlern, dessen Umsetzung ab dem Geschäftsjahr 2027 erwartet wird, sollen die durchschnittlichen Gebühren für Kreditkarten über fünf Jahre um 10 Basispunkte sinken. Das Justizministerium verfolgt eine Kartellklage, und der Credit Card Competition Act könnte die Routing-Regeln verändern.
Dazu kommt die Technik. Nach Berichten prüfen Händler wie Walmart und Amazon eigene Stablecoins, um Gebühren zu sparen. Visa hält dagegen, indem es selbst Stablecoin-Abwicklung anbietet, mit einer annualisierten Rate von zuletzt rund 7 Milliarden Dollar. Das Geschäft ist noch klein, aber es zeigt, wie Visa die Konkurrenz einbindet, statt sie zu bekämpfen.

Die Bewertung lässt wenig Raum für Enttäuschungen
Seit Herbst 2016 hat sich der Kurs fast verfünffacht und damit Dow Jones und S&P 500 klar geschlagen. Der Börsenwert liegt bei etwa 750 Milliarden Dollar. Mastercard kommt auf 534 Milliarden, American Express auf etwas mehr als 200 Milliarden.
Ein Konzern mit diesem Vorsprung wird nach höheren Maßstäben bewertet. Wer 15 Prozent Umsatzwachstum liefert, erfüllt nur die Erwartung. Mehr ist im Kurs schon eingepreist.
Die Mautstelle wird nur dann teurer, wenn niemand eine Umgehung baut
Visa hat ein Rekordjahr hinter sich und ein Geschäftsmodell, um das es alle Welt beneidet. Das Risiko liegt nicht im Rückspiegel, sondern in der Frage, wie lange die Branche, die Politik und die Technik der Maut noch zusehen.



