Marge von 6,5 auf ein Prozent
Der französische Zughersteller Alstom hat seine Prognose am Montag erneut gesenkt, und die Aktie stürzt ab. Die Papiere verloren in den ersten Handelsminuten an der Pariser Börse rund ein Viertel an Wert. Alstom rechnet nach Problemen mit den Nahverkehrszügen vom Typ Coradia Max in Deutschland nur noch mit einer Gewinnmarge von rund einem Prozent, 5,5 Prozentpunkte weniger als zuletzt. Dazu kommt ein Mittelabfluss von 1,5 Milliarden Euro, bislang war Alstom von einem Zufluss ausgegangen.

Im ersten Halbjahr schrieb der Konzern nach vorläufigen Zahlen einen Verlust. Die Marge lag bei minus vier Prozent, nach 6,4 Prozent im Vorjahr. Konzernchef Martin Sion, seit April im Amt, kündigte Einsparungen und Schuldenabbau an. Ab dem kommenden Jahr soll es wieder in stabileres Fahrwasser gehen.
Die zweite Warnung in sieben Monaten
Es ist der zweite schwere Rückschlag in diesem Jahr. Am 17. April hatte Alstom die mittelfristigen Ziele zurückgenommen: Die Marge von 8 bis 10 Prozent sei nicht mehr zu halten, das Ziel eines Free Cashflows von über 1,5 Milliarden Euro über drei Jahre wurde gestrichen. Für das laufende Geschäftsjahr nannte der Konzern damals eine Marge von etwa 6,5 Prozent und für das erste Halbjahr einen Mittelabfluss von rund 1,5 Milliarden Euro, den er mit saisonalen Effekten erklärte. Als Grund nannte Sion Verzögerungen bei mehreren Großprojekten. Die Aktie brach damals um fast 30 Prozent auf rund 16 Euro ein. Analysten von Oddo BHF vermuteten schon damals, die Coradia-Max-Plattform sei betroffen.

Der Konzern hat damit seit Ende 2023 zwei große Warnungen zu Cash und Ergebnis ausgegeben. Barclays erklärte im April, die Glaubwürdigkeit „wackele“. Die Bilanz im Mai zeigte trotz Rekordaufträgen von 27,6 Milliarden Euro eine stagnierende Marge von 6,1 Prozent bei einem bereinigten operativen Ergebnis von 1,17 Milliarden Euro und 19,2 Milliarden Euro Umsatz. Der Auftragsbestand liegt bei rund 100 Milliarden Euro.
Kapitalerhöhung vom Tisch?
Wichtig für Aktionäre ist die Frage nach frischem Geld. Finanzchef Bernard Delpit hatte im Mai eine Kapitalerhöhung ausdrücklich ausgeschlossen. Alstom musste 2024 schon einmal mehr als eine Milliarde Euro über eine Kapitalerhöhung aufnehmen, auch wegen der teuren Integration der Bombardier-Zugsparte. Ob die Aussage nach dem neuen Mittelabfluss von 1,5 Milliarden Euro noch gilt, steht in der Meldung nicht. Das ist die Frage, die Anleger jetzt stellen werden.

Einordnung für Anleger
Die Meldung zeigt ein Muster: Jedes Mal, wenn Alstom die Lage entschärfen will, kommt eine neue Hiobsbotschaft. Eine Marge von einem Prozent bei einem Umsatz von knapp 20 Milliarden Euro bedeutet kaum Gewinn, und ein Abfluss von 1,5 Milliarden statt eines Zuflusses verschiebt die Bilanz um ein Vielfaches davon. Der Auftragsbestand von 100 Milliarden Euro ist ein Pfund, aber nur dann, wenn die Aufträge profitabel abgearbeitet werden. Das scheitert derzeit an der Ausführung.
Wer investiert ist, sollte auf drei Dinge achten: die Zahlen zum Halbjahr, die Aussagen zur Finanzierung und zur Schuldenlage, und ob Alstom Konsequenzen bei den Coradia-Max-Verträgen und bei Schadenersatz nennt. Für den Wettbewerber Siemens Mobility und andere Hersteller kann das Chancen bei Ausschreibungen bringen. Das ist meine Einschätzung. Dies ist keine Anlageberatung.


