Micron liefert das sechste Rekordquartal in Folge
Aktien aus dem europäischen Chipsektor haben am Donnerstag zunächst von den starken Zahlen und dem optimistischen Ausblick des US-Speicherchipherstellers Micron Technology profitiert. Der KI-Boom treibt die Geschäfte des Unternehmens überraschend kräftig an. Im vierten Fiskalquartal, das am Mittwochabend vorgelegt wurde, erzielte Micron einen Umsatz von 54,23 Milliarden Dollar, ein Plus von 379 Prozent gegenüber dem Vorjahr und bereits das sechste Quartal in Folge mit einem Umsatzrekord. Der bereinigte Gewinn je Aktie lag bei 33,42 Dollar, deutlich über der von LSEG erhobenen Analystenerwartung von 31,61 Dollar, die Bruttomarge erreichte 87 Prozent.
Besonders der Bereich High-Bandwidth-Memory, kurz HBM, speziell für KI-Beschleuniger entwickelter Hochleistungsspeicher, wuchs schneller als der Gesamtkonzern. Micron ist der einzige US-amerikanische Hersteller von HBM-Chips und teilte mit, bereits den Großteil des für das Kalenderjahr 2027 benötigten HBM-Angebots zu deutlich höheren Preisen vertraglich gesichert zu haben. Für das laufende erste Quartal des neuen Geschäftsjahres stellte das Unternehmen einen Umsatz von rund 61,5 Milliarden Dollar sowie einen bereinigten Gewinn je Aktie von 38,15 Dollar in Aussicht, abermals deutlich über den Markterwartungen von 35,40 Dollar. Die Micron-Aktie selbst ist binnen eines Jahres bereits um mehr als 500 Prozent gestiegen.
Infineon und PVA TePla profitieren zunächst deutlich
Die positiven Impulse von Micron waren im europäischen Chipsektor zunächst deutlich zu sehen. In Deutschland legten die Aktien von Infineon im Xetra-Handel um 0,64 Prozent auf 59,87 Euro zu. Auch PVA TePla gewannen 2,31 Prozent auf 33,66 Euro. Infineon erreichte zwischenzeitlich ein Hoch seit Mitte August und lag zeitweise 3,5 Prozent im Plus, konnte die Gewinne im weiteren Handelsverlauf aber nicht halten. Der Dax ist zugleich weniger stark von Technologiewerten geprägt als viele andere große Aktienindizes, was die Übertragung der Micron-Euphorie auf den deutschen Leitindex insgesamt begrenzte.

Bei Infineon kommt hinzu, dass der Chiphersteller am Donnerstag die Eröffnung einer neuen Fabrik in Thailand bekannt gab. Der Konzern setzt nach eigenen Angaben auf weiteres Wachstum in der Region, ein zusätzlicher, unternehmensspezifischer Impuls, der zeitlich günstig mit der positiven Branchenstimmung zusammenfiel.
Andere Chipausrüster geraten unter Druck
Bei anderen europäischen Halbleiterwerten überwogen dagegen die Verluste. Die Aktie von Süss MicroTec verlor 1,09 Prozent auf 72,60 Euro, Jenoptik büßte 0,91 Prozent auf 41,60 Euro ein. Der Waferhersteller Siltronic gab 1,78 Prozent auf 79,60 Euro nach. Auch Aixtron stand unter Druck und verlor zeitweise 3,40 Prozent auf 36,63 Euro. Diese uneinheitliche Reaktion zeigt, dass die Branche keineswegs geschlossen von Microns Speicherchip-Boom profitiert, Micron ist in erster Linie im Bereich DRAM und HBM aktiv, während viele europäische Werte in anderen Segmenten der Halbleiter-Wertschöpfungskette positioniert sind, etwa bei Fertigungsausrüstung oder Wafern, und daher nicht automatisch von denselben Nachfragetrends profitieren.
Anziehende Ölpreise und Anleiherenditen bremsen den Gesamtmarkt
Im weiteren Handelsverlauf gerieten die europäischen Tech-Werte unter Druck. Anziehende Ölpreise und weiter steigende Anleiherenditen belasteten den Gesamtmarkt, ein Belastungsfaktor, der branchenübergreifend wirkte und die anfängliche Micron-Euphorie bei Infineon und PVA TePla zumindest teilweise wieder auffraß.
Selbst Micron selbst konnte seine eigenen Gewinne nicht nachhaltig halten
Auch die Micron-Aktie selbst konnte von den starken Zahlen und dem optimistischen Ausblick nicht nachhaltig profitieren. Das Papier geriet vorbörslich zeitweise ins Minus. Grund dafür waren unter anderem Warnungen vor steigenden Kosten, die auf die Profitabilität und damit auf die Margen drücken könnten. Marktbeobachter Stephen Innes bezeichnete den Speicherboom bei Micron deshalb als zweischneidiges Schwert, denn die hohe Nachfrage nach HBM-Speicher geht parallel mit massiven Investitionen in neue Fertigungskapazitäten einher. Micron baut unter anderem für rund 250 Milliarden Dollar zwei neue Werkskomplexe für die HBM-Produktion, das größte Projekt im Bundesstaat New York hatte bereits im Januar den Spatenstich erlebt, während das erste neue Werk in Boise, Idaho, im kommenden Jahr den Betrieb aufnehmen soll. Solche Investitionen zahlen sich erst mit Verzögerung aus und könnten kurzfristig auf die Margen drücken, selbst wenn die langfristige Nachfrage nach Speicherchips für KI-Infrastruktur laut Unternehmensangaben bis mindestens Ende 2027 angespannt bleiben dürfte.


