31. Juli, 2026

Quartalszahlen

ArcelorMittal übertrifft die Erwartungen: Europas Stahlschutzwall zeigt erste Wirkung

Der Stahlkonzern verdient im zweiten Quartal mehr als erwartet, gestützt von schärferen EU-Importbeschränkungen. Konzernchef Aditya Mittal blickt zuversichtlich auf die zweite Jahreshälfte.

ArcelorMittal übertrifft die Erwartungen: Europas Stahlschutzwall zeigt erste Wirkung
Höhere Marge, aber weniger Nettogewinn, ArcelorMittal-Chef Mittal bleibt für die zweite Jahreshälfte dennoch zuversichtlich.

Ein überraschend starkes Quartal übertrifft die Analystenerwartungen deutlich

ArcelorMittal, gemessen an der Produktionsmenge der zweitgrößte Stahlkonzern der Welt, hat am Donnerstag Zahlen präsentiert, die den Markt positiv überrascht haben. Das operative Ergebnis Ebitda belief sich im zweiten Quartal auf 2,06 Milliarden Dollar, deutlich mehr als die von Analysten im Schnitt erwarteten 2,01 Milliarden Dollar. Gegenüber dem ersten Quartal entspricht das einem Anstieg von fast 23 Prozent, getragen von einer Ebitda-Marge von 155 Dollar je Tonne, einem im historischen Vergleich außergewöhnlich hohen Wert.

Der Umsatz kletterte im zweiten Quartal um 8,4 Prozent gegenüber dem Vorquartal auf 16,8 Milliarden Dollar. Für das gesamte erste Halbjahr summierten sich die Erlöse auf 32,2 Milliarden Dollar, ein Plus von 4,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr, getragen vor allem von rund 10 Prozent höheren Preisen. Das Halbjahres-Ebitda stieg um 8,8 Prozent auf 3,7 Milliarden Dollar.

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Europa wird vom Sorgenkind zum wichtigsten Wachstumstreiber

Der entscheidende Wendepunkt für den Konzern liegt ausgerechnet in jener Region, die ArcelorMittal in den vergangenen Jahren am meisten Kopfzerbrechen bereitet hatte. „Ein wesentlicher Faktor ist der verbesserte Ausblick für unser europäisches Geschäft“, erklärte Konzernchef Aditya Mittal am Donnerstag. Nach Jahren mit schwacher Nachfrage, hohem Importdruck und dünnen Margen zeigt das europäische Kerngeschäft nun erste deutliche Erholungstendenzen.

Für das dritte Quartal rechnet ArcelorMittal in Europa mit stabilen bis leicht steigenden Stahlauslieferungen gegenüber dem zweiten Quartal, ein bemerkenswerter Ausblick, da die Branche in diesem Zeitraum saisonal normalerweise eher eine Abschwächung erlebt. Für das gesamte zweite Halbjahr erwartet der Konzern sogar höhere Liefermengen als in den ersten sechs Monaten, und zwar über sämtliche Geschäftsbereiche hinweg, gestützt von einem sich füllenden Auftragsbuch.

Brüssel schützt die heimische Stahlindustrie mit einem ganzen Bündel an Maßnahmen

Hinter dieser Erholung steckt vor allem politisches Handeln aus Brüssel. Zum 1. Juli hatte die EU ihre Importbeschränkungen für Stahl deutlich verschärft, zollfreie Kontingente wurden gekürzt, während die Zölle auf darüber hinausgehende Lieferungen auf 50 Prozent verdoppelt wurden. Zusätzlich soll die geplante CO2-Grenzabgabe der EU auf emissionsintensive Importe die heimischen Stahlhersteller vor Billigkonkurrenz aus Asien schützen, indem ausländische Produzenten für ihren CO2-Fußabdruck stärker zur Kasse gebeten werden.

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Gleichzeitig beschloss die EU, das Tempo der Verschärfung der Emissionsgrenzwerte im eigenen CO2-Handelssystem für das kommende Jahrzehnt zu drosseln, eine Reaktion auf den wachsenden Druck energieintensiver Branchen angesichts steigender Kosten. In der Summe entsteht damit ein regulatorisches Umfeld, das die europäische Stahlproduktion spürbar begünstigt, ein Umstand, von dem ArcelorMittal als größter integrierter Stahlkonzern des Kontinents überproportional profitiert.

Unter dem Strich bleibt trotz besserer Marge deutlich weniger Gewinn übrig

Trotz der operativen Verbesserung fiel der Nettogewinn im Jahresvergleich spürbar niedriger aus. Im zweiten Quartal erzielte ArcelorMittal einen Reingewinn von 683 Millionen Dollar beziehungsweise 0,90 Dollar je Aktie, mehr als die 575 Millionen Dollar des ersten Quartals, aber deutlich weniger als die 1,8 Milliarden Dollar aus dem Vorjahresquartal. Für das gesamte erste Halbjahr belief sich der Nettogewinn auf 1,3 Milliarden Dollar, belastet vor allem durch höhere Währungsverluste und gestiegene Nettozinsaufwendungen.

Auch die Verschuldung nahm zu, die Nettoverschuldung stieg zum Halbjahr auf 9,5 Milliarden Dollar, nach 7,9 Milliarden Dollar zum Jahresende 2025, bei einer weiterhin komfortablen Liquidität von 10,4 Milliarden Dollar. Der um Wachstumsinvestitionen bereinigte freie Cashflow lag im ersten Halbjahr bei 0,5 Milliarden Dollar, nach Abzug von 0,8 Milliarden Dollar strategischer Wachstumsinvestitionen, während der ausgewiesene freie Cashflow inklusive Working-Capital-Effekten mit minus 1,5 Milliarden Dollar tatsächlich negativ ausfiel.

Der Ausblick auf die zweite Jahreshälfte macht Konzernchef Mittal zuversichtlich

Für die kommenden Monate zeigte sich Mittal ausdrücklich optimistisch. Er rechne sowohl im dritten Quartal als auch im gesamten zweiten Halbjahr mit höheren Liefermengen als in den ersten sechs Monaten des laufenden Jahres. Angesichts der positiven Aussichten für die Profitabilität in der zweiten Jahreshälfte sollte eine gesunde Cash-Generierung weiterhin Ausschüttungen an die Aktionäre unterstützen und gleichzeitig die Nettoverschuldung senken, teilte der Konzern ergänzend mit.

Die aktuellen Ergebnisse zeigten die fortlaufende Entwicklung des Geschäfts hin zu strukturell höheren Profitabilitätsniveaus, resümierte Mittal mit Blick auf die überdurchschnittliche Ebitda-Marge je Tonne.

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Kapitalrückführungen und Wachstumsprojekte sollen die Story zusätzlich stützen

Trotz der gestiegenen Verschuldung hält ArcelorMittal an seiner Investitionsstrategie fest. Die Prognose für die Investitionsausgaben 2026 bleibt mit 4,5 bis 5,0 Milliarden Dollar unverändert, darunter 1,7 bis 1,9 Milliarden Dollar für strategische Wachstumsprojekte. Der Konzern bekräftigte zudem seine Erwartung, dass die laufende Projektpipeline ab 2026 zusätzliches jährliches Ebitda-Potenzial von rund 1,8 Milliarden Dollar liefern soll.

Im ersten Halbjahr flossen bereits 0,7 Milliarden Dollar an die Aktionäre zurück, und der Konzern signalisierte, die Ausschüttungen für das Gesamtjahr 2026 dürften über dem eigenen Mindestziel liegen. Zwischen einer politisch gestützten Erholung in Europa, einer strukturell verbesserten Marge und einer weiterhin steigenden Verschuldung bewegt sich ArcelorMittal damit in einem Spannungsfeld, das für Anleger sowohl Chancen als auch Risiken birgt, je nachdem, wie nachhaltig sich Brüssels Schutzmaßnahmen tatsächlich als tragfähig erweisen.