Der Pharmariese schlägt die Erwartungen der Analysten deutlich
Novartis hat am Dienstag Zahlen vorgelegt, die auf den ersten Blick nach Stillstand aussehen, bei genauerem Hinsehen aber eine handfeste Überraschung bereithalten. Der Konzern aus Basel steigerte seinen Nettoumsatz im zweiten Quartal um drei Prozent auf 14,4 Milliarden Dollar, ein Wert, der die durchschnittliche Analystenschätzung von Visible Alpha klar übertraf. Auch das bereinigte operative Kernergebnis, eine der von Novartis bevorzugten Kennzahlen, hielt sich mit 5,94 Milliarden Dollar stabil auf Vorjahresniveau und lag damit weit über den von Analysten erwarteten 5,31 Milliarden Dollar.
Noch deutlicher fiel die Überraschung beim Kerngewinn je Aktie aus. Mit 2,41 Dollar übertraf Novartis die Konsensschätzung von 2,17 Dollar spürbar. Nach einem schwachen ersten Quartal, in dem der Konzern sowohl beim Umsatz als auch beim operativen Ergebnis die Markterwartungen verfehlt hatte, ist Novartis damit auf den Wachstumspfad zurückgekehrt, mit einer Bewertung an der Börse von aktuell rund 315 Milliarden Dollar.
Ausgerechnet das einstige Kassenschlager Entresto bricht um die Hälfte ein
Der eigentliche Belastungsfaktor des Quartals war und bleibt das Herzmedikament Entresto, einst der wichtigste Umsatzbringer im gesamten Novartis-Portfolio. Der Umsatz brach im zweiten Quartal um satte 50 Prozent auf 1,18 Milliarden Dollar ein und verfehlte damit sogar die bereits gedämpften Erwartungen der Analysten von 1,23 Milliarden Dollar. Zum Vergleich, im ersten Quartal hatte der Rückgang noch bei 42 Prozent gelegen, die Erosion beschleunigt sich also weiter.
Auslöser ist der Verlust der Patentexklusivität in den USA, dem mit Abstand größten Absatzmarkt für das Medikament. Ab November droht Entresto zusätzlich der Patentverlust in Europa, was die Talfahrt in den kommenden Monaten weiter befeuern dürfte. Novartis rechnet allerdings damit, dass sich der Rückgang in der zweiten Jahreshälfte etwas abschwächt. Auch andere frühere Blockbuster leiden massiv unter Generika-Konkurrenz, der Thrombozyten-Booster Promacta stürzte um 64 Prozent ab, das Leukämie-Mittel Tasigna verlor 57 Prozent seines Umsatzes.

Krebsmedikamente werden zum entscheidenden Rettungsanker des Konzerns
Während die alten Zugpferde einbrechen, entwickelt sich die Onkologie-Sparte zum eigentlichen Stabilisator des Konzerns. Das Brustkrebsmedikament Kisqali legte im Quartal um 44 Prozent auf 1,695 Milliarden Dollar zu und avancierte damit zum zweitstärksten Einzelprodukt im gesamten Portfolio. Noch dynamischer wuchs das Leukämiemittel Scemblix mit einem Plus von 89 Prozent auf 562 Millionen Dollar.
Auch außerhalb der Onkologie liefert die Pipeline ab. Das Multiple-Sklerose-Medikament Kesimpta wuchs um 32 Prozent auf 1,424 Milliarden Dollar, das Prostatakrebsmittel Pluvicto legte um 43 Prozent auf 651 Millionen Dollar zu, und das Cholesterinmedikament Leqvio steigerte seinen Umsatz sogar um 61 Prozent auf 480 Millionen Dollar. Insgesamt summierten sich die zwanzig größten Marken des Konzerns auf ein Plus von zwei Prozent, ein Beleg dafür, dass die neuen Wachstumstreiber die schrumpfenden Altprodukte bereits weitgehend kompensieren können.
CEO Vas Narasimhan brachte die Entwicklung selbst auf den Punkt und verwies auf die anhaltende Dynamik der wichtigsten Wachstumsmarken als Grund für die Rückkehr auf den Wachstumspfad.
Der Gewinn unter dem Strich sinkt trotzdem deutlich
So erfreulich die operativen Kennzahlen ausfielen, unter dem Strich blieb weniger übrig als im Vorjahr. Der Konzerngewinn brach um 19 Prozent auf rund 3,26 Milliarden Dollar ein, nach noch 4,02 Milliarden Dollar im Vorjahresquartal. Der ausgewiesene Gewinn je Aktie sank entsprechend von 2,07 auf 1,71 Dollar. Als Ursachen nannte Novartis vor allem gestiegene Ertragssteuern sowie einen höheren Zinsaufwand, Faktoren, die mit dem eigentlichen operativen Geschäft nur bedingt zu tun haben.
Auch das ausgewiesene, nicht bereinigte operative Ergebnis gab um zwei Prozent auf knapp 4,75 Milliarden Dollar nach. Die Diskrepanz zwischen dem robusten Kernergebnis und dem schwächeren Reingewinn zeigt, wie sehr Sondereffekte und steuerliche Belastungen das Bild in diesem Quartal verzerrt haben, während das eigentliche operative Geschäft deutlich stabiler dasteht als die Gewinnzeile suggeriert.

Novartis durchlebt nach eigenen Worten die schlimmste Patentwelle der Firmengeschichte
Nach Angaben des Managements befindet sich Novartis derzeit inmitten der schwersten Serie von Patentabläufen in der gesamten Unternehmensgeschichte. Gleich mehrere frühere Kassenschlager verloren binnen kurzer Zeit ihren Patentschutz, neben Entresto und Promacta auch das Leukämiemittel Tasigna. Konzernchef Narasimhan hatte bereits im Vorfeld betont, dass die negativen Effekte in der ersten Jahreshälfte 2026 deutlich stärker ausfallen dürften als in der zweiten, eine Einschätzung, die sich mit dem Verlauf zwischen erstem und zweitem Quartal bislang bestätigt.
Um diesen Umbruch abzufedern, setzt Novartis parallel auf eine Serie von Übernahmen und Lizenzdeals sowie auf eine ambitionierte Forschungspipeline. Bei den experimentellen Wirkstoffen richtet sich der Blick unter anderem auf del-brax gegen Muskelerkrankungen, auf Radiopharmazeutika gegen Prostatakrebs sowie auf den Kandidaten Rhapsido gegen chronische Nesselsucht. Erst kürzlich erhielt zudem das Nierenmedikament Vanrafia eine Zulassung in Kanada, ein weiterer kleiner Baustein im Bemühen, die wegbrechenden Umsätze der Altprodukte durch neue Zulassungen zu ersetzen.

Der Ausblick bleibt bestätigt doch die zweite Jahreshälfte muss liefern
Trotz des durchwachsenen Halbjahres hält Novartis an seiner ursprünglichen Jahresprognose fest. Der Konzern erwartet für das Gesamtjahr weiterhin ein währungsbereinigtes Umsatzwachstum im niedrigen einstelligen Prozentbereich, während das bereinigte operative Kernergebnis in ähnlicher Größenordnung sinken soll. Im ersten Halbjahr insgesamt lag der Nettoumsatz bei 27,52 Milliarden Dollar, ein Plus von einem Prozent währungsbereinigt, während das operative Kernergebnis währungsbereinigt um sieben Prozent nachgab.
An der Börse reagierten Anleger im Vorfeld der Zahlen zunächst verhalten, die Aktie war am Vortag noch mit einem Minus von rund zwei Prozent in den Berichtstag gestartet, nachdem sie bereits Ende Februar mit 131 Franken ihr Zwölfmonatshoch markiert hatte. Ob die überraschend robusten Zahlen des zweiten Quartals nun tatsächlich das lange erwartete Ende der Talsohle einläuten, dürfte sich endgültig erst zeigen, wenn die schwersten Entresto-Rückgänge im weiteren Jahresverlauf tatsächlich hinter dem Konzern liegen.

