Europas größter Softwarehersteller hat ein Problem mit seinem eigenen Erfolg. SAP meldete für das zweite Quartal 2026 ein Konzernergebnis nach Steuern von 2,21 Milliarden Euro. Das ist ein Plus von 26 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Der Gesamtumsatz legte um 9 Prozent auf 9,88 Milliarden Euro zu. Doch statt zu feiern, musste CEO Christian Klein nach US-Börsenschluss eine unangenehme Nachricht kommunizieren: Der Ausblick für das operative Ergebnis wird gestutzt.
Der Gewinn wächst kräftig doch der Ausblick wird dennoch gekappt
Das bereinigte operative Ergebnis vor Zinsen und Steuern stieg im zweiten Quartal um 7 Prozent auf 2,74 Milliarden Euro. Unter dem Strich machte SAP mit 2,21 Milliarden Euro gut ein Viertel mehr Gewinn als ein Jahr zuvor. Solide Zahlen auf den ersten Blick.

Doch der Teufel steckt im Detail. Das bereinigte operative Ergebnis wuchs schwächer als erwartet. Analysten hatten mit einem kräftigeren Anstieg gerechnet. Die Ursache liegt nicht im operativen Geschäft selbst, sondern in zwei strategischen Zukäufen, die SAP in den vergangenen Monaten getätigt hat.
Zwei Zukäufe belasten die Bilanz und zwingen zur Prognose-Korrektur
SAP hat den Ausblick für das um Sondereffekte bereinigte operative Ergebnis 2026 gesenkt. Statt zuvor erwarteter 14 bis 18 Prozent Wachstum rechnet der Konzern nun nur noch mit 13 bis 17 Prozent. Die Spanne wurde nach unten verschoben, und das hat einen konkreten Grund.
Die Übernahmen von Dremio und Prior Labs drücken auf die operative Marge. Wie CFO Dominik Asam im Earnings Call erläuterte, werden die beiden Akquisitionen im zweiten Halbjahr 2026 mit einem sehr niedrigen dreistelligen Millionenbetrag auf das operative Ergebnis wirken. Das ist keine Bagatelle für einen Konzern, der sonst für seine Kostendisziplin bekannt ist.
SAP hatte bereits im ersten Quartal die Übernahme von Reltio kommuniziert, die seit dem 7. Mai 2026 in die Bilanz einfließt. Reltio allein verursachte im zweiten Quartal einen IFRS-Verlust nach Steuern von 10 Millionen Euro. Auf Non-IFRS-Basis reduziert sich der Schaden auf einen hohen einstelligen Millionenbetrag. Doch die Summe der drei Akquisitionen addiert sich.
Der Cloud-Umsatz wächst unerwartet kräftig und treibt die Strategie voran
Während die Zukäufe den Gewinn drücken, entwickelt sich das Kerngeschäft besser als erwartet. Der Cloud-Umsatz zog im zweiten Quartal unerwartet kräftig um 22 Prozent an. Währungsbereinigt waren es sogar 24 Prozent. Der Cloud-ERP-Suite-Umsatz legte um 25 Prozent zu, währungsbereinigt sogar um 27 Prozent.
Der sogenannte Current Cloud Backlog, also das noch nicht umgesetzte Cloud-Geschäft, erreichte 22,9 Milliarden Euro. Das ist ein Plus von 27 Prozent gegenüber dem Vorjahr, währungsbereinigt 26 Prozent. Dieser Indikator gilt als wichtiger Frühindikator für zukünftiges Wachstum.
„We delivered another quarter of strong current cloud backlog growth, up 26% at constant currencies", so SAP-Chef Christian Klein. „This performance is underpinned by our Autonomous Enterprise strategy with strong momentum across our Autonomous Suite as well as our Business AI Platform."
Die Kosten explodieren während die Marge schmilzt
Hinter den wachsenden Umsätzen verbergen sich steigende Kosten. Die Forschungs- und Entwicklungsausgaben stiegen im zweiten Quartal um 14 Prozent. Die Vertriebs- und Marketingkosten legten um 7 Prozent zu. Die allgemeinen Verwaltungskosten wuchsen um 12 Prozent.

Die Cloud-Bruttomarge fiel von 75,2 Prozent im Vorjahr auf 74,6 Prozent. Währungsbereinigt betrug der Rückgang sogar 0,7 Prozentpunkte. Die operative Marge sank von 28,5 auf 27,8 Prozent. SAP investiert massiv in die eigene KI-Transformation, und das zehrt an der Profitabilität.
CFO Dominik Asam erklärte im Earnings Call, dass SAP gezielt in neue Jobprofile investiert habe: Data Scientists, Data Engineers, Full-Stack-Entwickler für Industry AI. Doch nun, da die KI-Produktivität mit durchschnittlich 30 Prozent zuschlage, werde der Konzern die Einstellungen für andere Profile deutlich verlangsamen.
Der Nahe Osten und die Makrounsicherheit bremsen das Geschäft aus
Ein weiterer Belastungsfaktor ist der Konflikt im Nahen Osten. Asam räumte ein, dass die anhaltende Unsicherheit in der Region das Kundenverhalten beeinflusse. Entscheidungen würden hinausgezögert, insbesondere in direkt betroffenen Branchen und Lieferketten.
SAP hat seine Prognose für 2026 explizit auf die Annahme gestützt, dass sich der Konflikt in naher Zukunft deeskaliere. Sollte die Situation weiter eskalieren oder über den aktuellen Umfang hinausgehen, könnten das Geschäft und die Finanzen des Konzerns erheblich beeinträchtigt werden.
Die Softwarelizenz-Einnahmen brachen um 32 Prozent ein. Das ist kein Ausrutscher, sondern der geplante Übergang vom Lizenz- zum Abonnementmodell. Doch dieser Übergang kostet kurzfristig Umsatz, den SAP erst über Jahre durch wiederkehrende Cloud-Einnahmen kompensieren muss.
Die Aktionäre müssen sich auf eine schwierige Übergangsphase einstellen
SAP steht an einem Scheideweg. Der Konzern transformiert sich vom traditionellen Softwarelizenzanbieter zum Cloud- und KI-Unternehmen. Diese Transformation ist strategisch richtig, aber teuer. Die Zukäufe von Dremio, Prior Labs und Reltio sollen die Position im Datenmanagement und in der KI stärken. Doch sie kosten kurzfristig Geld.
Der Free Cash Flow lag im zweiten Quartal bei robusten 3 Milliarden Euro. Die Nettoliquidität ist mit über 10 Milliarden Euro solide. SAP kann sich die Investitionen leisten. Die Frage ist, ob die Aktionäre die Geduld aufbringen, die diese Transformation erfordert.
hristian Klein hat den Kurs auf Wachstum und KI gesetzt. Die Zahlen zeigen, dass dieser Kurs funktioniert – zumindest beim Umsatz. Doch der Gewinn kommt erst später. Und genau darin liegt das Dilemma: SAP verdient heute mehr als je zuvor, doch der Markt bestraft den Konzern für eine Zukunft, die noch nicht greifbar ist.