29. Juli, 2026

Quartalszahlen

Dow Chemical explodiert operativ und wird trotzdem an der Börse abgestraft

Umsatz plus 20 Prozent, Ebitda mehr als verdreifacht, und trotzdem rutscht die Aktie ab. Der Grund liegt im vagen Ausblick auf die zweite Jahreshälfte.

Dow Chemical explodiert operativ und wird trotzdem an der Börse abgestraft
Der Nahost-Konflikt treibt Kunststoffpreise nach oben, Dow profitiert kräftig, doch das dritte Quartal dürfte schwächer ausfallen.

Steigende Kunststoffpreise verhelfen Dow zu einem regelrechten Comeback

Der US-Chemieriese Dow hat am Donnerstag Zahlen präsentiert, die auf den ersten Blick wie ein Befreiungsschlag wirken. Der Umsatz kletterte im zweiten Quartal um 20 Prozent auf 12,1 Milliarden Dollar und traf damit die Analystenschätzung von rund 12,15 Milliarden Dollar praktisch punktgenau. Getrieben wurde dieses Wachstum vor allem von einem historischen Preissprung, die Polyethylen-Preise legten in sämtlichen Weltregionen um bis zu 40 Prozent gegenüber dem Vorjahr zu.

Noch eindrucksvoller fällt der Ergebnissprung aus. Das bereinigte operative Ergebnis Ebitda kletterte auf 2,3 Milliarden Dollar, nach mageren 703 Millionen Dollar im Vorjahreszeitraum, mehr als eine Verdreifachung. Das operative Ergebnis je Aktie drehte von einem Verlust von 0,42 Dollar auf einen Gewinn von 1,44 Dollar. Bemerkenswert dabei, der Absatz selbst ging leicht zurück, während Dow gleichzeitig die Verkaufspreise um 20 Prozent anhob, ein klassisches Preis-vor-Menge-Quartal.

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Die Straße von Hormus wird zum unerwarteten Preistreiber der Branche

Hinter dem Preissprung steckt eine geopolitische Ursache. Die anhaltenden Spannungen an der Straße von Hormus verknappten zuletzt das weltweite Angebot an Chemikalien und trieben die Preise für Kunststoffe und Polymere kräftig nach oben. Konzernchefin Karen Carter verwies darüber hinaus auf zusätzliches Aufwärtspotenzial durch die steigenden Rohöl- und Rohstoffkosten infolge der erneuten Störungen an der wichtigen Meerenge, wobei die von Dow bereits angekündigte Preiserhöhung um 5 Cent je Pfund im aktuellen Ausblick noch gar nicht eingepreist sei.

Alle drei operativen Segmente des Konzerns profitierten von der günstigen Preisdynamik. Die Sparte Verpackungen und Spezialkunststoffe führte mit einem Umsatzplus von 27 Prozent und einem operativen Ergebnis von 1,3 Milliarden Dollar die Entwicklung an. Der Bereich Industrielle Zwischenprodukte und Infrastruktur verzeichnete ein Umsatzplus von 14 Prozent bei einer Ergebnisverbesserung von 431 Millionen Dollar. Lediglich die Sparte Funktionsmaterialien und Beschichtungen wuchs zwar beim Umsatz um 11 Prozent, verzeichnete beim operativen Ergebnis aber einen Rückgang von 19 Millionen Dollar, belastet durch höhere Fixkosten und Wartungsaufwendungen, darunter die Stilllegung des Siloxan-Werks im britischen Barry.

Das Sparprogramm läuft deutlich besser als vom Management selbst erwartet

Parallel zur günstigen Marktentwicklung treibt Dow sein eigenes Effizienzprogramm mit Nachdruck voran. Das sogenannte Transform-to-Outperform-Programm übertraf die internen Erwartungen des Managements bereits im zweiten Quartal mit einem Beitrag von über 300 Millionen Dollar. „Team Dow hat durch diszipliniertes und zeitnahes Handeln starke Ergebnisse im zweiten Quartal erzielt“, erklärte Carter, die den Ergebnisruf zum ersten Mal als Konzernchefin leitete.

Der Konzern hob sein Ziel für die diesjährigen Einsparungen aus dem Programm auf 700 Millionen Dollar an, 200 Millionen Dollar mehr als zuvor geplant. In Summe steigt der gesamte Beitrag aller Selbsthilfemaßnahmen für das laufende Jahr damit auf mehr als 1,3 Milliarden Dollar. Bereits abgeschlossen ist das vorangegangene, auf eine Milliarde Dollar angelegte Sparprogramm aus dem Jahr 2025. Um die Kostenbasis dauerhaft zu senken, plant Dow zudem einen deutlichen Personalabbau, die Belegschaft soll von 37.000 Ende 2024 auf 29.000 bis Ende 2027 sinken, ein Rückgang von mehr als 20 Prozent.

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Der fehlende Ausblick auf das zweite Halbjahr verunsichert Investoren

Trotz der auf den ersten Blick blendenden Zahlen reagierte die Börse verhalten bis negativ auf die Vorlage. Der Grund dafür liegt weniger im vergangenen Quartal als in dem, was Dow für die kommenden Monate in Aussicht stellte, oder eben nicht in Aussicht stellte. Der Konzern verzichtete auffällig auf eine aktualisierte Gesamtjahresprognose für das zweite Halbjahr, eine Zurückhaltung, die zusammen mit rückläufigen Absatzmengen in allen drei Geschäftsbereichen für spürbare Verunsicherung unter Investoren sorgte.

Konkret rechnet Dow für das dritte Quartal nur noch mit einem Ebitda von etwa 1,7 Milliarden Dollar, deutlich weniger als die 2,3 Milliarden Dollar des zweiten Quartals. Grund dafür ist eine im Juni in Nordamerika vereinbarte Polyethylen-Preisabrechnung von 0,15 Dollar je Pfund, die im dritten Quartal zu einer spürbaren Margenverengung führen dürfte. Der ungewöhnlich starke Preissprung des zweiten Quartals erweist sich damit zumindest teilweise als vorübergehender Sondereffekt, den der Markt nun wieder ein Stück weit zurücknimmt.

Bilanzdisziplin bleibt für das Management oberste Priorität

Finanzchef Jeff Tate machte auf der Telefonkonferenz mit Analysten deutlich, dass der Schuldenabbau vorerst klar Vorrang vor Aktienrückkäufen hat, solche seien für das laufende Jahr 2026 nicht vorgesehen. Der operative Cashflow aus fortgeführten Geschäftsbereichen belief sich im Quartal auf 1,3 Milliarden Dollar, im selben Zeitraum zahlte Dow 253 Millionen Dollar an Dividenden aus und tilgte rund 80 Millionen Dollar an Schulden.

Mit einer Liquidität von rund 14 Milliarden Dollar und keinen wesentlichen Schuldenfälligkeiten vor 2029 sieht sich der Konzern finanziell komfortabel aufgestellt. Zusätzlich sollen Maßnahmen im Working Capital in der zweiten Jahreshälfte mehr als 500 Millionen Dollar an zusätzlicher Liquidität freisetzen. Beim umstrittenen kanadischen Großprojekt in Alberta, einem milliardenschweren Ausbauvorhaben, das zuletzt auch von Analysten kritisch hinterfragt wurde, betonte Carter, der Konzern bleibe fokussiert auf den Projektabschluss und werde bei den Renditeanforderungen diszipliniert bleiben.

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Zwischen operativer Stärke und vorsichtigem Ausblick

Dow liefert damit ein Quartal, das zwei völlig unterschiedliche Geschichten gleichzeitig erzählt. Auf der einen Seite ein Konzern, der dank geopolitisch bedingter Preissprünge und eines überdurchschnittlich erfolgreichen Sparprogramms operativ deutlich stärker dasteht als noch vor einem Jahr. Auf der anderen Seite ein Management, das selbst nicht bereit ist, diese Dynamik für die kommenden Monate in eine belastbare Prognose zu gießen.

Für Anleger bleibt am Ende die Frage entscheidend, ob die Rohstoffknappheit rund um die Straße von Hormus und die damit verbundenen Preiseffekte tragfähig genug sind, um das starke zweite Quartal auch strukturell zu untermauern, oder ob Dow lediglich einen einmaligen geopolitischen Rückenwind genutzt hat, der im dritten Quartal bereits wieder abflaut.