Der Gewinn verdoppelt sich und übertrifft sogar die kühnsten Analystenschätzungen
Die Zahlen, die Julius Bär am Dienstag präsentierte, lesen sich wie ein Befreiungsschlag. Der Zürcher Vermögensverwalter für Reiche und Superreiche steigerte seinen Konzerngewinn im ersten Halbjahr 2026 auf 673 Millionen Franken, ein Plus von 128 Prozent gegenüber den 295 Millionen Franken des Vorjahreszeitraums. Der Gewinn je Aktie kletterte im selben Verhältnis auf 3,27 Franken, nach zuvor 1,44 Franken.
Mit diesem Ergebnis übertraf Julius Bär die Erwartungen der Analysten deutlich. Der von der Nachrichtenagentur AWP erhobene Konsens hatte im Schnitt lediglich mit rund 630 bis 640 Millionen Franken gerechnet. Auch beim Vorsteuergewinn nach IFRS zeigt sich das Ausmaß der Verbesserung, dieser stieg um 120 Prozent auf 814 Millionen Franken, während die Ertragssteuern im gleichen Zeitraum um 88 Prozent auf 141 Millionen Franken zulegten, ein Beleg dafür, dass der operative Sprung nicht durch steuerliche Effekte verzerrt wurde, sondern tatsächlich im Kerngeschäft stattfand.
Ein Blick ins Vorjahr zeigt warum der Vergleich so gewaltig ausfällt
Ein Wachstum von 128 Prozent klingt zunächst atemberaubend, verliert bei genauerem Hinsehen aber etwas von seiner Dramatik. Im Vorjahreszeitraum hatte Julius Bär noch mit erheblichen Sonderbelastungen zu kämpfen, darunter Wertberichtigungen auf dem Kreditportfolio in Höhe von 130 Millionen Franken sowie Verluste aus dem Verkauf des lokalen Geschäfts in Brasilien. Diese Belastungen drückten den Vorjahresgewinn künstlich nach unten und lassen den Vergleich zum aktuellen Halbjahr entsprechend spektakulär erscheinen.
Aussagekräftiger ist deshalb der Blick auf den bereinigten Konzerngewinn, der im Vorjahr bei 511 Millionen Franken gelegen hatte. Gegenüber dieser bereinigten Basis wuchs der Gewinn im ersten Halbjahr 2026 um 32 Prozent, ein immer noch beachtliches, aber deutlich realistischeres Bild der tatsächlichen operativen Verbesserung. Getragen wurde dieses Wachstum vor allem von einer lebhaften Kundenaktivität im Umfeld volatiler Finanzmärkte sowie von einem spürbar verbesserten operativen Hebel.

Auch die Kostenseite lieferte einen wichtigen Beitrag. Das zugrundeliegende Kosten-Ertrags-Verhältnis verbesserte sich von 68,2 auf 62,6 Prozent, ein Fortschritt, der auf das laufende Effizienzprogramm der Bank zurückgeht. Bis 2028 will Julius Bär auf diesem Weg Bruttoeffizienzsteigerungen von 130 Millionen Franken realisieren, im ersten Halbjahr standen dabei Umsetzungskosten von 7 Millionen Franken bereits realisierten Nettoeinsparungen von 11 Millionen Franken gegenüber.
Die verwalteten Vermögen erreichen ein neues Allzeithoch
Auch beim eigentlichen Kerngeschäft, der Vermögensverwaltung für die Reichen dieser Welt, zeigte sich Julius Bär in Bestform. Die verwalteten Vermögen kletterten bis Ende Juni auf ein Allzeithoch von 547 Milliarden Franken, ein Plus von rund fünf Prozent gegenüber dem Jahresende 2025. Getragen wurde dieser Anstieg sowohl von einer freundlichen Entwicklung an den Aktienmärkten als auch von positiven Währungseffekten sowie von frischem Kundengeld.
Damit bleibt Julius Bär der größte reine Vermögensverwalter für Reiche und Superreiche in der Schweiz, ein Status, den die Bank trotz eines insgesamt schwierigen Übergangsjahres 2025 offenbar erfolgreich verteidigen konnte.
Das Neugeld wächst deutlich langsamer als noch vor einem Jahr
Ein Wermutstropfen bleibt allerdings, und ausgerechnet er dürfte die Aktie in den kommenden Tagen stärker beschäftigen als der reine Gewinnsprung. Der Netto-Neugeldzufluss belief sich im ersten Halbjahr auf 5,7 Milliarden Franken, deutlich weniger als die 7,9 Milliarden Franken des Vorjahreszeitraums. Hochgerechnet auf das Gesamtjahr entspricht das lediglich einem Wachstum von 2,2 Prozent, nach 2,9 Prozent im gesamten Jahr 2025.

Bereits im Mai hatte Julius Bär angesichts eines verhaltenen Jahresstarts seine Wachstumsprognose gekappt und eine Verlangsamung in Aussicht gestellt. Damals hatte der annualisierte Neugeldzufluss der ersten vier Monate mit gerade einmal 1,7 Prozent die eigene Zielsetzung von 4 bis 6 Prozent bis 2028 deutlich verfehlt, selbst als das operative Ergebnis mit einem bereinigten Vorsteuergewinn von 598 Millionen Franken die Markterwartungen um rund 23 Prozent übertraf. Die Reaktion der Börse fiel damals eindeutig aus, die Aktie verlor an jenem Tag zeitweise fast neun Prozent, ein deutliches Signal, dass Anleger bei Vermögensverwaltern in erster Linie auf das Wachstum schauen und weniger auf die Kostendisziplin.
Julius Bär begründete den schwachen Zufluss zum Jahresauftakt unter anderem mit einem bewussten Risikoabbau bei bestimmten Kundenvermögen, eine Folge der konsequenten Umsetzung strengerer Compliance- und Risikovorgaben. Interessant in diesem Zusammenhang, die Nachrichtenagentur Bloomberg hatte Anfang Juli berichtet, dass die Privatbank ihre Einschränkungen bei der Aufnahme bestimmter risikoreicherer Kunden künftig wieder etwas lockern will, ein möglicher Hinweis darauf, dass die Bank die eigenen Wachstumsbremsen inzwischen selbst als zu scharf empfindet.
Der CEO steht nach dem Signa-Debakel vor seiner ersten echten Bewährungsprobe
Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht bei diesen Zahlen vor allem CEO Stefan Bollinger. Nach einem schwierigen Übergangsjahr 2025 und den Nachwirkungen des Signa-Debakels, das Julius Bär mit erheblichen Kreditausfällen belastet hatte, muss Bollinger nun beweisen, dass sein eingeschlagener Kurs die Zürcher Privatbank tatsächlich zurück zu nachhaltigem Wachstum führt. Die diesjährigen Halbjahreszahlen gelten deshalb als sein erster echter Härtetest im Amt.
Der Rekordgewinn spricht für sich, doch die entscheidende Frage bleibt, ob sich das starke operative Momentum auch in dauerhaft höheren Neugeldzuflüssen niederschlägt. Die Bank selbst bekräftigte ihr mittelfristiges Ziel eines Neugeldwachstums von 4 bis 5 Prozent bis 2028, räumte aber gleichzeitig ein, dass die Auswirkungen der Umsetzung des eigenen Risiko- und Compliance-Rahmens bis ins Jahr 2027 anhalten dürften.
Die Bank rüstet sich mit noch mehr Kapitalpolster für die Zukunft
Auch bilanziell zeigt sich Julius Bär deutlich robuster als noch vor einem Jahr. Das den Aktionären zurechenbare Eigenkapital stieg um zwei Prozent auf 7,4 Milliarden Franken, während die Liquiditätsdeckungsquote von 261 auf beeindruckende 344 Prozent kletterte. Auch bei der harten Kernkapitalquote legte die Bank spürbar zu, das CET1-Kapital wuchs um 9 Prozent auf 4,3 Milliarden Franken. Selbst nach der Rückzahlung von Zusatzkapitalinstrumenten (AT1) im Volumen von 350 Millionen Dollar im März 2026 erhöhten sich sowohl das Tier-1-Kapital als auch das Gesamtkapital der Bank weiter.

Ein Institut mit derart komfortablem Kapitalpolster und einem verdoppelten Gewinn hat theoretisch allen Spielraum, um beim Neugeld wieder aufzuholen. Ob Bollinger diesen Spielraum tatsächlich nutzen kann, wird sich frühestens in den kommenden Quartalen zeigen, wenn sich die gelockerten Risikorichtlinien erstmals in den Zuflusszahlen niederschlagen sollten.

