03. Juni, 2026

Quartalszahlen

Salesforce: Warum der Cloud-Gigant trotz Milliarden-Macht am Abgrund steht

Die Sorge vor einer totalen Erosion des klassischen Software-Geschäfts durch künstliche Intelligenz frisst sich immer tiefer in die Wall Street. Nun liefert der SAP-Konkurrent Salesforce zwar starke Zahlen und fette KI-Umsätze, doch ein mauer Ausblick versetzt den Bullen den nächsten Todesstoß.

Salesforce: Warum der Cloud-Gigant trotz Milliarden-Macht am Abgrund steht
SaaSpocalypse bei Salesforce? Marc Benioffs Agentforce-KI wächst rasant, doch die nackte Angst vor dem Lizenz-Kollaps lähmt die Wall Street.

Die nackte Angst vor dem plötzlichen Ende der Software-Ära

Die Nerven im globalen Software-Sektor liegen blank, und an diesem Donnerstag hat es den unangefochtenen König des Cloud-basierten Kundenmanagements eiskalt erwischt. Als Salesforce-Chef Marc Benioff am Mittwoch nach dem offiziellen US-Börsenschluss in San Francisco die Bilanz für das erste Quartal des Geschäftsjahres 2027 präsentierte, blickte die Tech-Welt auf ein tiefes Dilemma.

Obwohl die nackten Zahlen auf den ersten Blick eine solide Dynamik vorgaukeln, reagierte die Salesforce-Aktie im vorbörslichen Handel an der New York Stock Exchange mit spürbarer Härte und sackte zeitweise um 1,53 Prozent auf 174,80 US-Dollar ab.

Michael C. Jakob — Gründer von AlleAktien & Eulerpool
MIT, McKinsey, UBS. 26,8 % Rendite p.a. seit 2010. 120 Mio. EUR Depot. Gründer von AlleAktien (2 Mio.+ Anleger) und Eulerpool Research Systems.

Dieser neuerliche Dämpfer reiht sich nahtlos in ein brutales Katastrophenjahr für die Aktie ein. Seit Beginn des Jahres hat der Kurs im Haupthandel bereits rund ein Drittel seines gesamten Wertes eingebüßt.

Hinter der heftigen Kursreaktion verbirgt sich eine fundamentale, fast schon existenzielle Panik der institutionellen Investoren. Die große, ungesprochene Angst lautet, dass die rasante Ausbreitung autonomer KI-Tools das klassische, auf Lizenzen pro Mitarbeiter basierende Geschäftsmodell der etablierten Software-Konzerne komplett pulverisieren könnte.

Wenn KI-Agenten die Arbeit von hunderten Angestellten übernehmen, fallen die teuren Software-Abos der Konzerne weg. In diesem so genannten „SaaSpocalypse“-Szenario kämpfen Giganten wie Salesforce oder der deutsche Rivale SAP um ihr nacktes Überleben. SAP verlor in diesem Zuge in diesem Jahr ebenfalls mehr als ein Viertel an Wert, wodurch sich der Marktwert der Walldorfer auf 184 Milliarden Euro einpendelte, während Salesforce auf 145 Milliarden US-Dollar schrumpfte.

Ein glänzender Schleier aus massiven Aktienrückkäufen

Dabei liest sich das Zahlenwerk auf den ersten Blick wie ein klarer Sieg der Bullen. Salesforce konnte den Erlös im abgelaufenen ersten Quartal des Geschäftsjahres 2027 auf 11,133 Milliarden US-Dollar hochschrauben. Damit übertraf der Konzern die durchschnittlichen Analystenschätzungen, die von einer Steigerung auf 11,05 Milliarden US-Dollar ausgegangen waren, nachdem im Vorjahreszeitraum noch 9,83 Milliarden US-Dollar in den Büchern standen.

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Auch beim gemeldeten Gewinn je Aktie (EPS) zeigte die Kurve nach oben: Nach 1,59 US-Dollar im Vorjahr wies Salesforce nun ein bereinigtes EPS von 2,42 US-Dollar aus.

Doch diese Gewinnsteigerung hat einen faden Beigeschmack. Der heftige Sprung ist zu erheblichen Teilen das Resultat eines aggressiven, 25 Milliarden US-Dollar schweren beschleunigten Aktienrückkaufprogramms, das die Zahl der im Umlauf befindlichen Papiere künstlich verknappt und so den Gewinn optisch aufbläht.

Zudem hatten die schärfsten Analysten im Vorfeld im Non-GAAP-Bereich sogar mit einem deutlich höheren Sprung gerechnet. Sobald man diesen künstlichen Schleier lüftet, bleibt eine Realität übrig, die die Anleger keineswegs in Euphorie versetzt.

Der verpatzte Ausblick entlarvt die Wachstumsbremse

Der eigentliche Vernichtungsschlag gegen die jüngste Erholungs-Hoffnung kam folgerichtig nicht aus dem Blick in den Rückspiegel, sondern mit der Prognose für das laufende Quartal. Für das zweite Geschäftsviertel, das Ende Juli abschließt, stellt Konzernchef Marc Benioff einen Umsatz zwischen 11,27 und 11,35 Milliarden US-Dollar in Aussicht.

Das Problem dabei ist die Wall Street. Die Analysten hatten im Schnitt fest das oberste Ende dieser Spanne oder sogar Werte darüber ins Visier genommen. Dass das Wachstumstempo ausgerechnet jetzt ins Stocken gerät, tut weh.

Da half es am Ende auch wenig, dass Benioff die Prognose für den bereinigten Gewinn je Aktie im Gesamtjahr kräftig von zuvor maximal 13,19 US-Dollar auf nun 14,06 bis 14,12 US-Dollar nach oben schraubte. Auch die wiederholten Beschwichtigungen von Finanzchefin Robin Washington, wonach sich das Umsatzwachstum in der zweiten Jahreshälfte organisch beschleunigen werde, verhallten an der Börse ungehört. Der Markt glaubt den Versprechen der Führungsetage schlicht nicht mehr blind.

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Der wertlose KI Trumpf im unbarmherzigen Überlebenskampf

Dabei versucht Salesforce mit aller Macht, sich als Speerspitze der neuen technologischen Revolution zu positionieren. Das hauseigene, hochgelobte KI-Tool Agentforce verzeichnete laut Unternehmensangaben ein explosives Wachstum. Der jährliche Vertragsbestand dieser Sparte schwoll rasant auf 1,2 Milliarden US-Dollar an – Ende Februar hatte dieser Wert noch bei 800 Millionen Dollar gelegen.

„Agentic AI is the biggest growth opportunity for our customers and for Salesforce“, gab sich der CEO Marc Benioff im Rahmen der Analystenkonferenz kämpferisch. Die Nutzung von KI-Modellen innerhalb der Plattform habe sich im Vergleich zum Vorquartal mehr als verdoppelt, und die Kunden buchten eifrig die neuen Funktionen.

Doch die harten Skeptiker an der Wall Street lassen sich von diesen KI-Parolen nicht blenden. Der renommierte Barclays-Analyst Raimo Lenschow goss in einer ersten, vielbeachteten Einschätzung eiskaltes Wasser in den Wein der Tech-Optimisten. Er meldete massive Zweifel an, ob das eigentlich solide Auftaktquartal ausreicht, um die tiefen KI-Sorgen der Anleger nachhaltig zu vertreiben.

Zwar entwickele sich der mit künstlicher Intelligenz im Zusammenhang stehende, jährlich wiederkehrende Umsatz gut, doch im Gesamtkontext des Multi-Milliarden-Konzerns bleibe dieser Beitrag verschwindend gering. Überhaupt stünden sowohl die zugekaufte Arbeitsplattform Slack als auch die neuen KI-Module operativ gut da – doch ausgerechnet die künstliche Intelligenz führe eben zu spürbaren, strukturellen Herausforderungen bei der klassischen Monetarisierung.

Die bittere Pointe dieses Quartalsberichts ist unmissverständlich: Salesforce verdient im Kern immer noch sein Geld mit dem Verkauf traditioneller Lizenzen. Solange die neuen KI-Agenten diesen schmerzhaften Transformationsprozess nicht vollständig kompensieren können, bleibt die Aktie ein Spielball der Angst.

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