06. Oktober, 2026

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Michael C. Jakob - der rationale Investor - Warum Städte die neuen Nationalstaaten werden

Neun der zehn wirtschaftsstärksten Städte liegen in den USA, 45 Prozent der Menschheit leben in Städten. Michael C. Jakob erklärt, warum Metropolen einen wachsenden Teil der wirtschaftlichen Rolle von Nationalstaaten übernehmen und was das für Anleger bedeutet.

Michael C. Jakob - der rationale Investor - Warum Städte die neuen Nationalstaaten werden
Warum Metropolen im Wettbewerb um Talente und Kapital zunehmend die Rolle von Nationalstaaten übernehmen.

In seiner wöchentlichen Kolumne analysiert Michael C. Jakob die großen Kräfte hinter Kapital, Technologie und geopolitischer Macht. Statt kurzfristiger Schlagzeilen stehen langfristige Entwicklungen im Fokus: neue Industrien, verschiebende Machtzentren, aufstrebende Technologien und die Frage, wie Vermögen im 21. Jahrhundert tatsächlich entsteht.

Die Kolumne richtet sich an Leser, die Märkte nicht nur beobachten, sondern verstehen wollen.

Michael C. Jakob – Der rationale Investor: In seiner Kolumne analysiert er, wie sich Kapital, Macht und Technologie neu ordnen – und warum die Welt auf zwei Finanzsysteme zusteuert.

Ein Blick auf die Liste der wirtschaftsstärksten Städte der Welt hat etwas Ernüchterndes. Im Ranking der Wirtschaftskraft des Oxford Economics Global Cities Index 2026 liegen neun der zehn führenden Städte in den USA: New York an der Spitze, danach Los Angeles, San Jose, Seattle, San Francisco, Dallas, dann London als einzige nicht amerikanische Stadt auf Platz sieben, gefolgt von Washington, Boston und Houston. New York übertrifft laut Oxford Economics die nächstgrößten Städte, Tokio und Los Angeles, fast um das Doppelte. San Jose weist unter 1.000 untersuchten Städten das höchste Pro-Kopf-Einkommen auf.

Man muss die Zahlen nicht überinterpretieren, um zu sehen, was sie andeuten: Wirtschaftliche Macht konzentriert sich nicht gleichmäßig über Länder, sondern ballt sich in einzelnen Metropolen. Und diese Ballung verändert, wo Entscheidungen fallen.

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Die These

Der Nationalstaat war über zwei Jahrhunderte die zentrale Einheit, in der Wirtschaft, Recht und Identität zusammenfielen. Er setzte Steuern, schuf Märkte, kontrollierte Währung und Grenzen. Dieser Zusammenhang lockert sich. Menschen, Kapital und Unternehmen entscheiden zunehmend nicht mehr, in welchem Land sie leben und arbeiten, sondern in welcher Stadt. Der Wettbewerb um Talente, Investitionen und Ansiedlungen findet auf Stadtebene statt, mit eigenen Regeln für Wohnen, Verkehr, Bildung und Genehmigungen.

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Michael C. Jakob: Investor, Gründer und CIO des Hedgefonds Atlas Capital, Gründer von AlleAktien und Eulerpool. MIT, McKinsey, UBS. 26,8 % p.a. seit 2010.

Meine These lautet daher: Städte werden nicht zu Staaten im rechtlichen Sinn, aber sie übernehmen einen wachsenden Teil der wirtschaftlichen Rolle, die bislang dem Nationalstaat zukam. Sie sind die Orte, an denen sich Produktivität, Innovation und Vermögen konzentrieren, und sie konkurrieren untereinander wie früher Länder. Wer wissen will, wo Wohlstand entsteht, sollte weniger auf Landesgrenzen schauen als auf die Karte der Metropolregionen.

Was die Zahlen zeigen

Nach dem Bericht der Vereinten Nationen zur Urbanisierung vom November 2025 leben 45 Prozent der Weltbevölkerung von 8,2 Milliarden Menschen in Städten, 1950 waren es 20 Prozent. Die Zahl der Megastädte mit mehr als zehn Millionen Einwohnern stieg von 8 im Jahr 1975 auf 33 im Jahr 2025, über die Hälfte davon in Asien. Jakarta ist mit knapp 42 Millionen Einwohnern die größte Stadt, vor Dhaka und Tokio. Bis 2050 soll die Zahl der Megastädte auf 37 wachsen, und zwei Drittel des globalen Bevölkerungswachstums werden in städtischen Gebieten erwartet. Die UN verwendet dabei erstmals ein einheitliches geografisches Verfahren, das Städte ab 50.000 Einwohnern von Kleinstädten und ländlichen Räumen abgrenzt. Der Vergleich mit früheren Zahlen ist deshalb nur eingeschränkt möglich.

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Vier strategische Konsequenzen

Erstens: Der Standortwettbewerb verschiebt sich auf die städtische Ebene. Für einen Softwareentwickler, eine Ärztin oder einen Gründer ist die Frage, ob er in Deutschland oder den Niederlanden lebt, oft weniger wichtig als die, ob er in Berlin, München oder Amsterdam lebt. Wohnungsmarkt, Verkehrsnetz, Genehmigungsverfahren und kulturelles Angebot entscheiden mit. Stadtverwaltungen, die schnell bauen, Genehmigungen zügig erteilen und Infrastruktur verlässlich bereitstellen, haben einen Vorteil, den kein nationales Gesetz ausgleicht.

Zweitens: Nähe erzeugt Produktivität, und Produktivität zieht Vermögen an. Unternehmen siedeln sich dort an, wo die Fachkräfte sind, und Fachkräfte ziehen dorthin, wo die Unternehmen sind. Dieser Kreislauf verstärkt sich selbst. In der Folge wachsen einzelne Metropolen deutlich schneller als der Rest des Landes, und die Unterschiede innerhalb von Staaten werden größer als die zwischen ihnen. Das schafft politische Spannungen, denn das Land finanziert die Infrastruktur, während die Stadt den Ertrag erzielt.

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Drittens: Kommunalfinanzen werden zum übersehenen Risiko. Städte tragen immer mehr Verantwortung, für Wohnraum, Verkehr, Klimaanpassung und Digitalisierung, verfügen aber nicht über die Mittel eines Nationalstaats: keine eigene Währung, begrenzte Steuerhoheit, oft hohe Abhängigkeit von Zuweisungen. Wenn sich Aufgaben und Einnahmen auseinanderentwickeln, entsteht Druck. Wie real dieses Risiko ist, zeigt der Fall Detroit, das 2013 die größte kommunale Insolvenz in der Geschichte der USA anmelden musste.

Viertens: Für Anleger wird der Standort zur Analysegröße. Ein Unternehmen wird nicht nur in einem Land, sondern in einer Stadt oder einer Region geführt, mit lokalen Fachkräften, lokalen Mieten und lokaler Politik. Immobilieninvestoren wissen das seit jeher. Für Aktienanleger ist es seltener Teil der Analyse, obwohl die Abhängigkeit eines Konzerns von einem einzelnen Ballungsraum ein Konzentrationsrisiko sein kann, ebenso wie ein Standortvorteil.

Ein historisches Beispiel, das nicht neu ist

Das Muster ist nicht ohne Vorbild. Die Hanse, ein Bündnis von Handelsstädten wie Lübeck und Hamburg, prägte den Handel in Nord- und Ostsee über Jahrhunderte, lange bevor es einen deutschen Nationalstaat gab. Venedig war über Generationen eine Handelsmacht, deren Einfluss weit über sein Territorium hinausreichte. Singapur, seit 1965 unabhängig, ist bis heute ein Beispiel dafür, wie ein Stadtstaat durch Offenheit, verlässliche Institutionen und Spezialisierung wirtschaftlich weit über seine Größe hinauswachsen kann.

Die Geschichte zeigt allerdings auch die Grenze dieser Entwicklung. Die Hanse verlor an Bedeutung, als sich größere Territorialstaaten mit eigener Armee und Steuerhoheit durchsetzten. Städte brauchen den Rahmen, den Nationalstaaten bieten: Rechtssicherheit, Sicherheit nach außen, ein größeres Hinterland. Wer von einem Ende der Nationalstaaten spricht, übertreibt. Die Nationalstaaten behalten das Gewaltmonopol, die Währungshoheit und die Rechtsordnung. Was sich verschiebt, ist die wirtschaftliche Gewichtung innerhalb des Systems.

Ausblick: Die nächsten zehn bis zwanzig Jahre

Für die kommenden zwei Jahrzehnte spricht vieles dafür, dass sich der Trend fortsetzt. Die UN rechnet mit weiterem Wachstum der Städte, und die Konzentration von Wissen und Kapital in Ballungsräumen hat sich bislang als stabil erwiesen. Zwei Entwicklungen könnten ihn bremsen. Zum einen die Möglichkeit, dass digitale Arbeit und künstliche Intelligenz den Zwang zur räumlichen Nähe verringern. Die Erfahrung der vergangenen Jahre mit Heimarbeit hat gezeigt, dass viele Menschen trotz technischer Möglichkeit in Städten bleiben oder dorthin zurückkehren, aber sicher ist das nicht. Zum anderen die Gefahr, dass Metropolen an ihrem eigenen Erfolg scheitern, wenn Wohnraum unbezahlbar wird und Verkehr und Infrastruktur an Grenzen stoßen.

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Für Anleger folgt daraus eine nüchterne Haltung: Wo ein Unternehmen oder eine Immobilie steht, ist keine Nebensache, sondern Teil der Geschäftsgrundlage. Städte, die ihre Hausaufgaben machen, gewinnen Menschen und Kapital. Städte, die es nicht tun, verlieren beides, unabhängig davon, in welchem Land sie liegen. Ob am Ende ein neues Zeitalter der Stadtstaaten steht oder nur eine Verschiebung der Gewichte innerhalb bestehender Staaten, wird sich zeigen. Sicher ist: Die Landkarte der Wirtschaft sieht heute weniger wie eine Karte von Ländern aus als wie ein Netz von Knotenpunkten.