In seiner wöchentlichen Kolumne analysiert Michael C. Jakob die großen Kräfte hinter Kapital, Technologie und geopolitischer Macht. Statt kurzfristiger Schlagzeilen stehen langfristige Entwicklungen im Fokus: neue Industrien, verschiebende Machtzentren, aufstrebende Technologien und die Frage, wie Vermögen im 21. Jahrhundert tatsächlich entsteht.
Die Kolumne richtet sich an Leser, die Märkte nicht nur beobachten, sondern verstehen wollen.

Wenn Investoren über Knappheit sprechen, meinen sie meist Öl, Gas, Lithium oder Seltene Erden. Es sind Güter, die einen Preis haben, einen Markt und einen Chart. Man kann sie kaufen, lagern und absichern. Das Gut, ohne das keiner dieser Märkte funktioniert, taucht in den Analysen dagegen selten auf, weil es auf den ersten Blick keinen Markt hat: Wasser.
Im Januar 2026 veröffentlichten Forschende der Universität der Vereinten Nationen einen Bericht, der einen drastischen Begriff prägte: „Wasser-Insolvenz“. Hauptautor war Kaveh Madani, Direktor des UN-Instituts für Wasser, Umwelt und Gesundheit. Gemeint ist ein Zustand, in dem Wasser dauerhaft über die erneuerbaren Zuflüsse hinaus entnommen und verschmutzt wird und wichtige Naturspeicher so stark geschädigt sind, dass sie sich nicht mehr wiederherstellen lassen. Die Zahlen dahinter: Mehr als die Hälfte der großen Seen der Welt ist seit Anfang der Neunzigerjahre geschrumpft, rund 35 Prozent der natürlichen Feuchtgebiete sind seit 1970 verloren gegangen, und fast drei Viertel der Weltbevölkerung leben in Ländern, die als wassergefährdet oder kritisch wassergefährdet gelten. Dürrefolgen kosten nach Schätzungen der Autoren jährlich rund 307 Milliarden US-Dollar.
Man kann über den Begriff streiten, und das wird in der Wissenschaft auch getan. Aber die Richtung ist klar genug, dass ich sie für relevanter halte als vieles, was in diesen Wochen die Wirtschaftsseiten füllt.

Die These
Meine These lautet: Wasser ist die einzige große Knappheit, bei der der Preis nicht als Steuerungsinstrument funktioniert. Und genau deshalb ist sie unterschätzt.
Bei Öl reagiert der Markt. Wird es knapp, steigt der Preis, die Nachfrage sinkt, das Angebot wächst, neue Quellen werden erschlossen. Bei Wasser funktioniert dieser Mechanismus kaum. Es ist in den meisten Ländern politisch gesetzt, oft stark subventioniert und lokal begrenzt, denn man kann es nicht wie Rohöl um die Welt verschiffen. Wo Wasser fehlt, entsteht deshalb keine Preisspitze, sondern ein Genehmigungsproblem. Wer keine Entnahmerechte bekommt, kann nicht produzieren, egal, wie viel er zu zahlen bereit wäre.
Das verschiebt die Frage von „Was kostet es?“ zu „Wird es mir erlaubt?“. Für Unternehmen ist das ein Unterschied wie zwischen einem Kostenrisiko und einem Existenzrisiko.

Was die Zahlen sagen
Das World Resources Institute (WRI) misst Wasserstress mit seinem Aqueduct-Modell. Extrem hoher Wasserstress liegt vor, wenn ein Land mindestens 80 Prozent seines verfügbaren Angebots nutzt. Nach den vom Institut veröffentlichten Daten trifft das auf 25 Länder zu, in denen rund ein Viertel der Weltbevölkerung lebt. Mindestens die Hälfte der Menschheit, etwa vier Milliarden Menschen, erlebt zudem mindestens einen Monat im Jahr stark wassergestresste Bedingungen. Bis 2050 sollen nach WRI-Prognosen etwa eine Milliarde Menschen zusätzlich unter extrem hohem Stress leben, bei einer um 20 bis 25 Prozent höheren Nachfrage.
Zwei Einschränkungen: Die Zahlen sind Modellrechnungen und hängen von Annahmen zu Klima und Verbrauch ab. Und sie sagen wenig über einzelne Standorte, denn Wasserstress ist ein regionales, kein nationales Phänomen.
Vier strategische Konsequenzen
Erstens: Wasser wird zum Standortfaktor. Wo früher Energie, Fachkräfte und Steuern die Standortwahl bestimmten, kommt ein weiteres Kriterium hinzu. Industrien mit hohem Wasserbedarf müssen künftig fragen, ob am Standort die Zuteilung langfristig gesichert ist, nicht nur, ob sie heute gesichert scheint.
Zweitens: Die Preise werden steigen, aber nicht über den Markt. Wasser ist vielerorts zu billig, gemessen an dem, was Aufbereitung, Leitungen und Speicher kosten. Wenn die Lücke zwischen Preis und Kosten größer wird, schließt der Staat sie durch Gebühren, Auflagen und Zuteilungen. Das ist keine Marktbewegung, sondern eine politische Entscheidung, und sie lässt sich schwer vorhersagen.
Drittens: Infrastruktur wird zum Engpass. Aufbereitung, Wiederverwendung, Entsalzung und Leitungsnetze erfordern große, langfristige Investitionen. Sie sind ein Geschäft für Versorger, Ingenieurbüros und Anlagenbauer, aber auch eines mit regulierten Renditen und politischen Risiken.
Viertens: Lieferketten werden verwundbarer. Landwirtschaft, Chemie, Papier, Textil, Chipfertigung: Viele Wertschöpfungsketten hängen an Standorten, deren Wasserlage sich verschlechtert. Wer die Wasserabhängigkeit seiner Lieferanten nicht kennt, kennt sein Risiko nicht.

Das Beispiel: Die Halbleiterindustrie
Kaum eine Branche zeigt das Problem so deutlich wie die Chipfertigung. Eine einzelne Fabrik verbraucht nach Branchenschätzungen etwa 20 bis 38 Millionen Liter Wasser pro Tag. Der taiwanische Hersteller TSMC verbrauchte 2023 laut Schätzung von IDTechEx rund 101 Milliarden Liter. Nach einer Analyse der Taskforce on Nature-related Financial Disclosures (TNFD) vom Februar 2026 liegen rund 40 Prozent der bestehenden Fabriken in Gebieten, in denen bis 2030 hoher oder extrem hoher Wasserstress erwartet wird. Bei den seit 2021 angekündigten neuen Fabriken liegt der Anteil sogar über 40 Prozent. [PRÜFEN: Zahlen gegen die Originalquellen abgleichen, hier nach Robeco, März 2026]
Die Branche reagiert, und das ist aufschlussreich. TSMC baut in Arizona eine Anlage, die bis zu 90 Prozent des Abwassers der Fabriken wiederverwerten soll. Taiwan investiert rund 508 Millionen Euro in eine Meerwasserentsalzungsanlage bei Hsinchu, die 2028 fertig werden soll. In Sachsen stellen die Behörden 320 Millionen Euro bereit, um die Wasserversorgung des dortigen Chipclusters zu sichern. Führende Fabriken streben Recyclingquoten über 70 Prozent an.
Das Muster ist bemerkenswert. Die Konzerne tragen die Kosten nicht allein, die öffentliche Hand zahlt mit. Was wie eine private Investitionsfrage aussieht, ist in Wahrheit ein Verteilungsproblem: Wer bekommt das Wasser, die Fabrik oder die Stadt? Und die Verhandlung darüber findet nicht am Markt statt, sondern in Genehmigungsverfahren.
Auch zwischen Staaten kann daraus Konfliktstoff werden. Indien setzte nach dem Anschlag von Pahalgam im April 2025 den Indus-Wasservertrag mit Pakistan aus. [PRÜFEN: aktuellen Stand des Vertrags prüfen] Pakistans Landwirtschaft hängt am Wasser des Indus, und man muss kein Prophet sein, um zu verstehen, was ein Streit darüber bedeutet. Ob er eskaliert, weiß ich nicht. Aber er zeigt, wie nah Wasser und Sicherheitspolitik beieinanderliegen.

Ausblick: Zehn bis zwanzig Jahre
Ich halte drei Entwicklungen für wahrscheinlich.
Erstens wird die Wasserverfügbarkeit in Standortentscheidungen und Geschäftsberichten sichtbarer werden. Heute stehen Wasserkennzahlen meist in Nachhaltigkeitsberichten. In zwanzig Jahren dürften sie in den Risikoabschnitten stehen, neben Energie- und Rohstoffabhängigkeiten.
Zweitens wird Wiederverwendung zum Normalfall. Was heute als Pionierprojekt gilt, etwa Recyclingquoten von 70 oder 90 Prozent in der Industrie, wird in wasserarmen Regionen zur Voraussetzung für eine Genehmigung.
Drittens wird Wasser teurer, und zwar ungleich verteilt. Regionen mit knappem Wasser müssen mehr bezahlen, Regionen mit reichlichem Wasser könnten zum Standortvorteil kommen. Das gilt auch innerhalb Europas.

Was das für Anleger bedeutet
Ich leite daraus keine Kaufempfehlung ab, aber drei Fragen, die ich bei jedem Unternehmen stellen würde. Wie hoch ist der Wasserbedarf, und wo liegen die Standorte? Wie abhängig ist das Geschäft von Lieferanten in Regionen mit hohem Wasserstress? Und welche Antwort gibt das Management darauf: Zahlen, Ziele und Investitionen, oder nur Absichtserklärungen?
Wer Wasser als Thema direkt investieren möchte, sollte wissen, dass es kein einfacher Weg ist. Versorger arbeiten unter staatlicher Preisaufsicht, und was politisch knapp ist, ist selten ein ungebremstes Wachstumsgeschäft.

Fazit
Die Knappheit, die am wenigsten diskutiert wird, ist oft die, die am spätesten sichtbar wird und am schwersten zu lösen ist. Wasser hat keinen Weltmarkt, keinen globalen Preis und keinen Chart. Es hat Standorte, Genehmigungen und Konflikte.
Für Investoren heißt das: Es genügt nicht, die großen Rohstoffe zu beobachten. Man muss auch auf das Gut achten, das alle anderen erst möglich macht. Wer es unterschätzt, wird es irgendwann in einer Zahl wiederfinden, an einer Stelle, an der er es nicht erwartet hat.




