In seiner wöchentlichen Kolumne analysiert Michael C. Jakob die großen Kräfte hinter Kapital, Technologie und geopolitischer Macht. Statt kurzfristiger Schlagzeilen stehen langfristige Entwicklungen im Fokus: neue Industrien, verschiebende Machtzentren, aufstrebende Technologien und die Frage, wie Vermögen im 21. Jahrhundert tatsächlich entsteht.
Die Kolumne richtet sich an Leser, die Märkte nicht nur beobachten, sondern verstehen wollen.

Ende September 2025 entzog die niederländische Regierung dem chinesischen Eigentümer des Chipherstellers Nexperia die Kontrolle über das Unternehmen. China antwortete mit einem Stopp der Ausfuhr von Nexperia-Produkten für die Autoindustrie. Nach internen Angaben von Volkswagen entfallen rund 40 Prozent des weltweiten Angebots an Standardchips für Autos auf dieses eine Unternehmen. Es geht nicht um Hochleistungsprozessoren, sondern um simple Bauteile, die in Steuergeräten stecken. Wenige Wochen später prüften Zulieferer und Hersteller Ersatzlieferanten und warnten vor Produktionsausfällen. Ein Wechsel dauere Monate, hieß es, weil die Teile spezifisch qualifiziert werden müssen.
Ein Bauteil, das nur wenige Cent kostet, konnte eine Industrie ins Stocken bringen, auf der Hunderttausende Arbeitsplätze hängen. Das ist der Moment, in dem aus einem Wort der Politik eine Rechnung wird.

Die These
Souveränität ist das Wort der Stunde. Europa will unabhängiger werden bei Energie, Chips, Rohstoffen, Verteidigung und Technologie. Ich halte das strategisch für richtig. Aber ich halte es für unehrlich, darüber zu sprechen, als sei es gratis. Souveränität ist eine Versicherung, und eine Versicherung hat eine Prämie. Diese Prämie zahlt am Ende, in der Summe, die Rendite.
Die Logik ist einfach. Die effiziente Welt der letzten drei Jahrzehnte beruhte darauf, dass man dort einkauft, wo es am billigsten ist, und kein Geld für den Fall bindet, dass etwas ausfällt. Ein Lager ist totes Kapital, ein zweiter Lieferant ist doppelte Qualifizierung, eine eigene Fabrik ist teurer als eine fremde. Wer das alles tut, um unabhängig zu sein, hat höhere Kosten, geringere Margen und mehr gebundenes Kapital. Im Normalfall sieht das schlechter aus als bei einem Wettbewerber, der nichts davon tut. Erst im Ausnahmefall zeigt sich der Wert. Das Problem: Börsen bewerten den Normalfall jeden Tag, den Ausnahmefall aber nur selten.
Vier Konsequenzen
Erstens: Die Prämie landet in den Zahlen. Redundanz sieht in der Bilanz aus wie Ineffizienz. Höhere Lagerbestände binden Kapital, zusätzliche Standorte erhöhen Fixkosten, Qualifizierung zweiter Lieferanten kostet Zeit und Geld. Ein Unternehmen, das heute Sicherheit einbaut, verdient bei gleichem Umsatz weniger als eines, das es nicht tut. Wer Margen vergleicht, ohne zu fragen, wie sie zustande kommen, vergleicht Äpfel mit Versicherungsverträgen.

Zweitens: Der Staat wird zum Kunden und zum Schuldner. Souveränität wird selten privat bezahlt. In Deutschland wurde im März 2025 die Schuldenbremse für Verteidigungsausgaben oberhalb von einem Prozent der Wirtschaftsleistung gelockert und ein Sondervermögen für Infrastruktur von 500 Milliarden Euro beschlossen. Die NATO-Staaten einigten sich im Juni 2025 auf das Ziel, bis 2035 insgesamt fünf Prozent der Wirtschaftsleistung für Sicherheit auszugeben, davon 3,5 Prozent für Kernverteidigung. Das schafft Aufträge. Es schafft aber auch Schulden, höhere Zinsen auf lange Sicht und Konkurrenz um knappe Ressourcen wie Fachkräfte, Flächen und Energie. Geld, das in Rüstung und Infrastruktur fließt, fließt nicht in anderes.
Drittens: Preismacht entscheidet, wer die Prämie weitergeben kann. Die Kosten der Absicherung bleiben nicht bei allen gleich hängen. Ein Unternehmen mit starker Marktstellung gibt sie an den Kunden weiter. Ein Zulieferer mit austauschbarem Produkt bleibt darauf sitzen. Das erzeugt innerhalb derselben Branche Gewinner und Verlierer, und es macht die Frage nach dem Burggraben wichtiger als die nach dem Thema. Dass etwas strategisch wichtig ist, heißt nicht, dass es auch profitabel ist. Nichts ist strategischer als Energie, und doch haben Versorger über Jahrzehnte oft kaum mehr als die Kapitalkosten verdient.
Viertens: Knappheit wird eingepreist, bevor man sie erlebt. Sobald Anleger erkennen, dass Unabhängigkeit gefragt ist, steigen die Bewertungen derer, die sie liefern. Das gilt für Rüstung, Netze, Rohstoffe und Halbleiter. Der Markt kauft die Geschichte oft, bevor der Gewinn da ist. Wer dann einsteigt, zahlt womöglich schon heute die Prämie, die erst über Jahre verdient werden muss. Das ist keine Warnung vor diesen Branchen, sondern eine vor dem Gedanken, dass ein richtiges Thema automatisch eine richtige Aktie ergibt.

Das Beispiel: Europas Energie
Das deutlichste Beispiel für den Preis der Unabhängigkeit liefert die Energie. Vor dem Krieg in der Ukraine kam rund 45 Prozent des in die EU importierten Erdgases aus Russland, im Jahr 2024 waren es nach Angaben der EU-Kommission noch etwa 19 Prozent. Der Ausstieg war politisch richtig und ökonomisch teuer. Die Kosten sind nicht auf einer Rechnung zu finden, sondern verteilt: in höheren Gaspreisen als in den USA, im Bau von LNG-Terminals, in Förderprogrammen, in der Schwäche energieintensiver Industrien und in Investitionen, die ohne die Krise nie getätigt worden wären.
Man kann das als Preis für Sicherheit begreifen. Und man sollte sehen, dass dieser Preis nicht verschwindet. Er wird zur strukturellen Kostenlage Europas gegenüber Regionen, die diese Entscheidung nicht treffen mussten. Das ist der eigentliche Grund, warum der Satz „Souveränität kostet Rendite“ keine These über einzelne Unternehmen ist, sondern eine über einen ganzen Wirtschaftsraum.
Ausblick: Zehn bis zwanzig Jahre
Ich halte drei Entwicklungen für wahrscheinlich.
Erstens wird Unabhängigkeit zur Dauerausgabe. Rüstung, Netze, Lagerhaltung und Rohstoffsicherung sind keine einmaligen Programme, sondern laufende Kosten. Wer sie einplant, plant mit einer niedrigeren Basisrendite der Volkswirtschaft, nicht mit einem Strohfeuer.
Zweitens trennt sich der Markt in Gewinner der Absicherung und Verlierer ihrer Kosten. Unternehmen, die Sicherheit verkaufen oder weitergeben können, profitieren. Unternehmen, die Sicherheit bezahlen müssen, ohne den Preis zu erhöhen, verlieren. Die Zugehörigkeit zu einem Thema sagt wenig, die Stellung in der Wertschöpfungskette sehr viel.

Drittens wird sich zeigen, ob die Prämie ihr Geld wert war. Manche Absicherung wird sich als überflüssig herausstellen, manche als zu klein. Versicherungen kann man nur im Rückblick beurteilen, und das macht sie für Investoren unbequem: Sie zahlen für ein Ereignis, das vielleicht nie eintritt.
Was das für Anleger heißt
Ich leite daraus keine Empfehlung ab, sondern drei Fragen. Wer bezahlt die Absicherung in diesem Geschäftsmodell, und kann das Unternehmen den Preis weitergeben? Steckt die Souveränitätsgeschichte schon im Kurs, sodass ich die Prämie zweimal zahle? Und: Wie abhängig ist das Unternehmen von einem einzelnen Lieferanten, Standort oder Land, so wie die Autoindustrie von einem Chip für wenige Cent?

Fazit
Souveränität ist kein Widerspruch zu Rendite, aber sie ist auch kein Geschenk. Sie verschiebt Gewinne von der Effizienz zur Verlässlichkeit und senkt die Gewinne derer, die sie bezahlen müssen. Das Beispiel Nexperia zeigt, wie teuer fehlende Absicherung sein kann. Das Beispiel Energie zeigt, wie teuer Absicherung selbst ist.

Für Investoren gilt: Wer Souveränität als Thema kauft, kauft eine Geschichte. Wer sie als Kostenfaktor analysiert, kauft ein Verständnis. Der Unterschied zeigt sich dann, wenn die Prämie fällig wird.



