In seiner wöchentlichen Kolumne analysiert Michael C. Jakob die großen Kräfte hinter Kapital, Technologie und geopolitischer Macht. Statt kurzfristiger Schlagzeilen stehen langfristige Entwicklungen im Fokus: neue Industrien, verschiebende Machtzentren, aufstrebende Technologien und die Frage, wie Vermögen im 21. Jahrhundert tatsächlich entsteht.
Die Kolumne richtet sich an Leser, die Märkte nicht nur beobachten, sondern verstehen wollen.
Im November 2025 gab das US-Handelsministerium bekannt, dass zwei Unternehmen aus dem Golf Nvidias neueste KI-Chips kaufen dürfen: G42 aus den Vereinigten Arabischen Emiraten und Humain, ein vom saudischen Staatsfonds gestütztes Technologieunternehmen. Jedes darf nach Angaben der Regierung Chips im Gegenwert von bis zu 35.000 Blackwell-GB300 erwerben, verbunden mit strengen Sicherheits- und Berichtspflichten.
Man muss einen Moment innehalten, um das einzuordnen. Saudi-Arabien und die Emirate haben jahrzehntelang bestimmt, was Washington, Berlin und Peking für Energie bezahlen. Nun warten sie auf eine Genehmigung, um Hardware zu kaufen, die sie bezahlen können. Geld ist vorhanden. Zugang ist es nicht.

Die These
Die Macht der Öl-Exporteure beruhte auf einer Rohstoffrente, die Macht der Chip-Exporteure beruht auf einem Engpass. Das ist mehr als ein Wortspiel. Eine Rente fließt aus der Natur: Wer das Öl im Boden hat, kassiert, solange die Welt es braucht. Ein Engpass entsteht dagegen durch Menschen, Kapital und Jahrzehnte an Lernkurve, und er lässt sich politisch steuern.
Wie stark ist die Konzentration? Nach Zahlen des Marktforschers TrendForce, die Medien zitieren, lag der Anteil von TSMC am weltweiten Auftragsfertigungsmarkt für Chips im zweiten Quartal 2025 bei 70,2 Prozent. Samsung kam auf 7,3 Prozent. Das ist der gesamte Markt der Auftragsfertiger, bei den modernsten Chips, auf die es für KI ankommt, dürfte die Konzentration eher höher liegen. Eine belastbare Zahl dafür habe ich nicht gefunden, deshalb nenne ich keine.
Meine These: Die Verschiebung ist keine Ablösung des Öls, sondern eine Verschiebung dessen, was knapp ist. Wer den Engpass kontrolliert, kontrolliert die Bedingungen, unter denen andere Wirtschaftsleistung aufbauen können. Öl war Treibstoff der industriellen Wirtschaft. Rechenkapazität wird zum Treibstoff einer Wirtschaft, in der Software Arbeit verrichtet.

Erstens: Der Hebel wechselt vom Preis zum Zugang
Die OPEC konnte über Jahrzehnte Preise beeinflussen, indem sie Mengen verknappte. Das traf alle Käufer gleich, es war ein Instrument der Marktmacht. Eine Exportkontrolle trifft dagegen gezielt. Sie erlaubt es, einen Staat zu belohnen und einen anderen auszuschließen. Die Maschinen des niederländischen Konzerns ASML, ohne die sich die modernsten Chips nicht fertigen lassen, unterliegen seit September 2024 für bestimmte ältere Lithografiesysteme einer Lizenzpflicht. Das ist ein anderes Werkzeug als ein Förderlimit: nicht der Markt entscheidet, sondern eine Regierung.
Für die Machtbalance heißt das, dass Chip-Macht stärker politisch aufgeladen ist als Ölmacht, und die Kontrolle liegt nicht bei den Fertigungsländern allein. Sie liegt bei einer Kette von Staaten: den USA bei Designsoftware und Chipdesign, den Niederlanden bei den Maschinen, Taiwan und Südkorea bei der Fertigung. Wer eine Position in dieser Kette hält, hat ein Vetorecht, aber niemand hat den ganzen Hebel.
Zweitens: Wer Rente hatte, versucht, sich in den Engpass einzukaufen
Der Golf hat verstanden, was auf dem Spiel steht. Die Staatshaushalte hängen noch immer am Öl. Der Washingtoner Think Tank AGSI rechnet vor, dass Einnahmen jenseits des Öls in Saudi-Arabien nahe 40 Prozent der Staatseinnahmen ausmachen, das Öl liefert also den größeren Teil. Bloomberg Economics beziffert den Ölpreis, den Riad für einen ausgeglichenen Haushalt braucht, auf 94 Dollar je Barrel, mit den Ausgaben des Staatsfonds im Inland sogar auf 111 Dollar. Im Oktober 2025 lag Brent bei etwas über 61 Dollar.

Wer so rechnet, muss etwas anderes aufbauen. Der Umweg führt über Rechenzentren: Das Geld aus dem Öl wird in Kapazität für KI investiert, in der Hoffnung, ein Standort der nächsten Wertschöpfung zu werden. Eine Rendite ist das nicht von selbst. Rechenzentren sind ein Geschäft mit hohen Fixkosten und raschem Wertverlust der Hardware, und ob sich aus Rechenkapazität ein eigener Wettbewerbsvorteil formen lässt, ist offen.
Drittens: Energie bleibt der Hebel, den die alten Exporteure nicht verlieren
Hier liegt die Gegenbewegung, die mich am meisten interessiert. Rechenzentren brauchen Strom in einer Menge, die Netzplaner ernsthaft beschäftigt. Die Internationale Energieagentur schätzt den Stromverbrauch der Rechenzentren weltweit auf rund 415 Terawattstunden, etwa 1,5 Prozent des globalen Verbrauchs, und erwartet bis 2030 rund 945 Terawattstunden.
Wer billige und verlässliche Energie hat, besitzt also genau das, was die Chip-Ökonomie braucht, nämlich einen Standortvorteil. Die Frage ist, ob er ihn ausspielen kann. Energie ist die Eintrittskarte, aber nicht der Gewinn: Ohne Zugang zu den Chips, ohne Fachkräfte, ohne Kunden bleibt ein Rechenzentrum eine Halle mit Kühlung. Der Golf verfügt über eines der drei Elemente. Die anderen beiden muss er sich kaufen oder aufbauen.

Viertens: Die neue Macht ist verletzlicher als die alte
Öl lässt sich nicht herbeizaubern, aber es lässt sich ersetzen und verteilen. Die USA haben mit der Schieferölförderung gezeigt, dass ein einzelner Förderer den Kartellpreis aufbrechen kann. Bei Chips ist die Lage anders und gefährlicher: Eine einzige Region fertigt den größten Teil der modernsten Chips, und sie liegt in einem geopolitischen Spannungsfeld. Taiwan exportierte im September 2025 Waren für 70,2 Milliarden US-Dollar, ein Plus von 30,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr und ein Monatsrekord, getrieben nach Angaben des Wirtschaftsministeriums von der Nachfrage nach KI. Ein solcher Aufschwung zeigt Stärke und zugleich Abhängigkeit.
Ein Schock in einem Ölland trifft den Preis. Ein Schock in Taiwan würde Lieferketten treffen, für die es kurzfristig keinen Ersatz gibt. Das ist der Grund, warum Staaten Milliarden bewegen, um Fertigung zu verlagern. Ob sich die Konzentration in zehn Jahren spürbar verringert hat, ist offen. Neue Werke in den USA, Europa und Japan brauchen Jahre und sind teurer.

Was das für Anleger bedeutet
Drei Folgerungen halte ich für belastbar, ohne daraus Empfehlungen zu machen.
Erstens verändert sich, wo Unternehmensgewinne konzentriert anfallen. Wer Engpässe kontrolliert, kann Preise setzen. Das gilt für die Fertigung genauso wie für die Anbieter, die um sie herumsitzen. Die Konzentration ist zugleich ein Klumpenrisiko, denn dieselben Namen tauchen in vielen Portfolios und in vielen Indizes auf.
Zweitens gewinnt das politische Risiko an Gewicht. Bei Öl war der Preis das Signal, bei Chips ist es die Genehmigung. Wer Unternehmen aus der Kette hält, hält eine Position, die sich mit einem Dekret verändern kann.
Drittens sollte man die Gewinner der Verschiebung nicht mit den Verlierern der Vergangenheit verwechseln. Die Ölstaaten verschwinden nicht. Sie bleiben Energielieferanten und Kapitalgeber, und sie haben Geld, um sich Positionen zu kaufen.

Ein Beispiel: Die Golfstaaten selbst
Die Emirate und Saudi-Arabien sind das beste Studienobjekt für die These. Sie sind keine Verlierer der Entwicklung, sondern versuchen, deren Bedingungen mitzubestimmen. Sie investieren, bauen Rechenzentren, verhandeln mit Washington und hoffen, dass die Genehmigungen von heute zu Beteiligungen von morgen werden. Ob das gelingt, entscheidet sich nicht beim Kapital, sondern bei Fragen, die Geld nur begrenzt beantwortet: Fachkräfte, Rechtssicherheit, Kunden, Vertrauen Washingtons.
Ausblick: Zehn bis zwanzig Jahre
Ich halte drei Entwicklungen für plausibel, ohne sie vorherzusagen. Die Fertigung wird breiter verteilt sein, aber die Spitze bleibt eng. Energie wird als Standortfaktor an Gewicht gewinnen, und damit auch die Länder, die davon reichlich haben. Und der Zugang zu Rechenleistung wird wie früher der Zugang zu Öl zu einer Frage der Außenpolitik, mit Allianzen, Abkommen und Druckmitteln.
Die Machtverschiebung ist kein Tausch zweier Branchen. Es ist ein Wechsel dessen, was knapp ist. Vor fünfzig Jahren war es der Rohstoff, der die Maschinen antrieb. Heute ist es zunehmend die Fähigkeit, Rechenleistung zu bauen und zu betreiben. Wer das versteht, stellt andere Fragen: nicht, wer am meisten besitzt, sondern, wer die Bedingungen setzt, unter denen andere besitzen dürfen.





