In seiner wöchentlichen Kolumne analysiert Michael C. Jakob die großen Kräfte hinter Kapital, Technologie und geopolitischer Macht. Statt kurzfristiger Schlagzeilen stehen langfristige Entwicklungen im Fokus: neue Industrien, verschiebende Machtzentren, aufstrebende Technologien und die Frage, wie Vermögen im 21. Jahrhundert tatsächlich entsteht.
Die Kolumne richtet sich an Leser, die Märkte nicht nur beobachten, sondern verstehen wollen.

Am 2. Februar 2026 meldete Japan, zum ersten Mal Schlamm mit Seltenen Erden vom Meeresboden geborgen zu haben, aus rund 6.000 Metern Tiefe nahe der Insel Minamitorishima, etwa 1.900 Kilometer südöstlich von Tokio. Das Bohrschiff Chikyu hatte das Gebiet am 17. Januar erreicht und an drei Stellen Material gehoben. Gesucht wurden unter anderem Dysprosium und Neodym, Grundstoffe für die Magnete von Elektromotoren. Für Februar 2027 plant Tokio einen Förderversuch im größeren Maßstab, sofern keine größeren Probleme auftreten.

Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Wie Reuters berichtete, hatte China im Monat zuvor die Ausfuhr von Gütern mit doppeltem Verwendungszweck nach Japan untersagt, darunter Seltene Erden, im Zuge eines diplomatischen Streits. Ein Hersteller wie TDK erklärte, von den Beschränkungen betroffen zu sein und seine Lieferanten zu diversifizieren. Wer wissen will, warum ein Industriestaat Schiffe zum Meeresboden schickt, findet die Antwort in dieser Abfolge.
Die These
Rohstoffmacht liegt nicht dort, wo die Vorkommen sind, sondern dort, wo Regeln gesetzt und Verarbeitung kontrolliert wird. Das 20. Jahrhundert lehrte uns, dass Öl Macht verleiht. Das 21. Jahrhundert lehrt eine feinere Version: Macht hat, wer das Metall veredeln kann und wer den Zugang zu neuen Quellen rechtlich absichert.

Genau deshalb wird der Meeresboden zu einer Arena. Er ist der einzige große Raum, in dem bestehende Lieferketten noch nicht verteilt sind, und er gehört formal niemandem. Das Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen erklärt die Bodenschätze jenseits nationaler Gewässer zum gemeinsamen Erbe der Menschheit. Was sich so edel liest, ist in der Praxis ein ungeklärter Anspruch, und ungeklärte Ansprüche sind Stoff für Geopolitik.
Das Muster, gegen das sich Staaten wehren
Wie stark die Abhängigkeit an Land ist, zeigt die Internationale Energieagentur am Beispiel der Seltenen Erden. China steuerte 2024 rund 60 Prozent der weltweiten Förderung von Magnet-Seltenen-Erden bei, aber 91 Prozent der raffinierten Menge und 94 Prozent der Dauermagnete. Die Konzentration nimmt mit jeder Verarbeitungsstufe zu. Außerhalb Chinas würden die bestehenden und geplanten Kapazitäten 2035 nur etwa die Hälfte des Förderbedarfs, rund ein Viertel des Raffinationsbedarfs und deutlich weniger als ein Fünftel des Magnetbedarfs decken.
Das ist der Hintergrund, vor dem Staaten ihre Rohstoffpolitik neu schreiben. Eine Abhängigkeit, die sich in diesem Ausmaß als diplomatisches Druckmittel einsetzen lässt, wird zum Sicherheitsproblem. Der Meeresboden ist eine der Antworten, die zur Debatte stehen.

Erste Konsequenz: Das Recht wird zum Rohstoff
Wer unter Wasser fördern will, braucht eine Genehmigung, und über deren Quelle wird gestritten. Auf der einen Seite steht die Internationale Meeresbodenbehörde ISA in Jamaika. Ihr Regelwerk für den Abbau, der Mining Code, ist nach Berichten vom März 2026 weiter unfertig. Frankreich, Deutschland, Brasilien, Mexiko, Costa Rica, Palau und Südafrika verwiesen auf offene wissenschaftliche, ökologische und rechtliche Fragen, und 40 Staaten unterstützen ein Moratorium.
Auf der anderen Seite steht ein US-Gesetz von 1980. Die Vereinigten Staaten sind dem Seerechtsübereinkommen nicht beigetreten, und die Behörde NOAA bestätigte im August 2026, dass der Antrag von TMC USA auf Exploration und kommerziellen Abbau im Pazifik die Formvorschriften erfüllt. Die Anhörung fand am 13. Oktober statt, die Kommentarfrist endete am 19. Oktober, ein Entscheidungstermin ist nicht genannt. Die Behörde begründet das Vorgehen mit einer Verfügung vom April 2025, die Tiefseeförderung mit nationaler Sicherheit und Wirtschaftspolitik verknüpft.

Das Ergebnis sind zwei konkurrierende Rechtsordnungen für denselben Meeresboden. Für Investoren ist das die erste und wichtigste Einsicht: Der Wert eines Vorkommens hängt davon ab, wer es genehmigen darf.
Zweite Konsequenz: Kleine Staaten werden zu Schaltstellen
Die Macht über die Verfahren liegt häufig bei Ländern, die man auf der Landkarte suchen muss. Unternehmen brauchen einen Sponsorstaat, der sie bei der ISA vertritt. Nauru Ocean Resources, die Tochter von TMC, hängt an Nauru. Als die Behörde Untersuchungen im Zusammenhang mit der Verlängerung ihres Explorationsvertrags einleitete, zog das Unternehmen vor den Seegerichtshof. Dessen Kammer für Meeresbodenstreitigkeiten entschied am 18. Juli 2026 einstimmig zu seinen Gunsten. Am 20. Juli verlängerte der ISA-Rat den Vertrag um fünf Jahre. Die Cookinseln gehen einen anderen Weg.

Sie schlossen 2025 ein Abkommen zur Zusammenarbeit bei Meeresbodenmineralien mit den USA, nachdem sie zuvor eine Vereinbarung mit China unterzeichnet hatten. Neuseeland, einst Kolonialmacht der Inseln, setzte daraufhin Hilfsleistungen aus. Ein kleiner Inselstaat wird so zur Bühne des Wettbewerbs zwischen Washington und Peking. Auch Kiribati prüft nach Berichten ein Abkommen mit China. Wer über Lizenzen und Sponsorenschaften entscheidet, entscheidet mit über die Verteilung der Rohstoffe.
Dritte Konsequenz: Der Engpass bleibt die Verarbeitung
Hier liegt die ernüchternde Einsicht. Selbst wenn die Tiefsee Mengen liefert, sind die Knollen noch kein Material für Batterien und Magnete. Der US-Geologische Dienst nennt eine konservative Schätzung von 21,1 Milliarden Tonnen trockener Knollen in der Clarion-Clipperton-Zone, größer als die bekannten Landreserven mehrerer kritischer Metalle. Die Zahl stützt sich auf eine einzelne Schätzung, und gefördert wurde bisher nichts. Die Knollen enthalten vor allem Nickel, Kupfer, Mangan und Kobalt, keine Seltenen Erden im engeren Sinn. Der japanische Schlamm ist ein anderer Fall.
Wer den Meeresboden erschließt, ohne Raffinerien zu besitzen, tauscht eine Abhängigkeit gegen eine andere. Deshalb sind für die Strategie eines Landes Verarbeitung, Recycling und Abnahmeverträge mindestens so wichtig wie der Zugriff auf neue Vorkommen.

Vierte Konsequenz: Die Gegenkraft hat Gewicht
Man sollte das Gegenargument nicht kleinreden. Norwegen setzte die Vergabe von Tiefseelizenzen in seinen Gewässern bis 2029 aus, in Verbindung mit einer Haushaltsvereinbarung mit der Opposition. Vierzig Staaten sprechen sich für ein Moratorium aus. Unternehmen, die auf ökologische Standards achten, könnten Metalle aus der Tiefsee meiden, solange die Folgen unklar sind. Wie groß dieser Effekt ist, lässt sich heute nicht sagen. Aber er zeigt, dass Tiefseebergbau nicht nur an Technik und Preisen scheitern oder gelingen kann, sondern an gesellschaftlicher Zustimmung.
Beispiel: Wer sich wie positioniert
Japan setzt auf ein Vorkommen im eigenen Umfeld und auf Technik. Die USA setzen auf ein nationales Verfahren und private Unternehmen. China, Bergbau- und Verarbeitungsmacht, verfügt über Kapazitäten, die andere erst aufbauen müssen. Die Cookinseln sprechen mit beiden Seiten. Und mehrere europäische Staaten, darunter Deutschland und Frankreich, setzen auf eine multilaterale Lösung, die noch nicht steht. Wer die Karte der Positionen liest, sieht, dass hier nicht Rohstoffe verteilt werden, sondern Einfluss.

Ausblick: Die kommenden zehn bis zwanzig Jahre
Ich halte drei Entwicklungen für plausibel, ohne sie vorherzusagen. Erstens ein gespaltenes Regime: Ein Teil der Welt fördert unter nationalem Recht, ein anderer wartet auf das multilaterale Regelwerk, und es entstehen Märkte mit unterschiedlichen Herkunftsnachweisen. Zweitens eine Verschiebung der Verhandlungsmacht: Wer Alternativen hat, muss sich bei Lieferbeschränkungen weniger fügen, auch wenn die Alternativen nur zu einem Teil eingesetzt werden. Und drittens ein Wettlauf bei der Verarbeitung, der die eigentliche Entscheidung bringt.
Als Meilensteine halte ich den Entscheid der NOAA, den japanischen Förderversuch im Februar 2027 und die Frage im Blick, ob der Mining Code überhaupt zustande kommt. Keiner davon sagt, ob Tiefseebergbau wirtschaftlich wird. Aber jeder davon sagt etwas darüber, wer die Regeln schreibt.
Für Anleger ist die Lehre einfach und unbequem. Bei Rohstoffen unter Wasser kauft man zuerst eine Rechtsposition, dann eine Technologie und erst zuletzt ein Metall. Wer die Reihenfolge umdreht, überschätzt, was im Boden liegt, und unterschätzt, wer ihn öffnen darf.




