In seiner wöchentlichen Kolumne analysiert Michael C. Jakob die großen Kräfte hinter Kapital, Technologie und geopolitischer Macht. Statt kurzfristiger Schlagzeilen stehen langfristige Entwicklungen im Fokus: neue Industrien, verschiebende Machtzentren, aufstrebende Technologien und die Frage, wie Vermögen im 21. Jahrhundert tatsächlich entsteht.
Die Kolumne richtet sich an Leser, die Märkte nicht nur beobachten, sondern verstehen wollen.

Die Welthandelsorganisation hat im Oktober ihre Prognose für den Warenhandel angehoben. Für 2026 erwartet sie nun ein Wachstum des Handelsvolumens von 3,9 Prozent, im März waren es noch 1,9 Prozent gewesen. Für 2027 rechnet sie mit 4,1 Prozent. Wer nach einem Beleg für das Ende der Globalisierung sucht, findet ihn hier nicht.
Und doch halte ich die Überschrift dieser Kolumne für richtig. Denn es kommt auf das Wort „billig“ an.
Die Beobachtung
Wer sich die Zahlen der WTO genauer ansieht, entdeckt eine Verschiebung, die in der Gesamtzahl verschwindet. Güter für die KI-Infrastruktur machten im ersten Halbjahr 2026 rund 47 Prozent des Wachstums des Warenhandelswerts aus. Ihr Anteil am gesamten Welthandel ist auf 14,8 Prozent gestiegen, nach 7 bis 8 Prozent in den Jahren 2016 bis 2023. Der Handelswert dieser Güter wuchs 2024 um 16 Prozent, 2025 um 31 Prozent und im ersten Halbjahr 2026 um 67 Prozent. Gleichzeitig stammen 40,4 Prozent der KI-Güterexporte aus Ostasien ohne China, obwohl dieser Raum nur 10,8 Prozent aller Warenexporte stellt.
Der Handel wächst also, aber er wächst entlang strategischer Linien. Er folgt nicht mehr vor allem dem niedrigsten Preis, sondern dem, was Staaten und Konzerne für unverzichtbar halten.

Parallel dazu ändert sich das politische Gerüst. In den Vereinigten Staaten hat der Supreme Court im Februar 2026 mit sechs zu drei Stimmen entschieden, dass das Notstandsgesetz IEEPA den Präsidenten nicht zur Erhebung von Zöllen ermächtigt. Die Regierung wich auf andere Rechtsgrundlagen aus: erst ein globaler Zoll von 10 Prozent nach Section 122, der Ende Juli auslief, seitdem Zölle von 10 oder 12,5 Prozent auf Importe aus 60 Volkswirtschaften nach Section 301. Nach Berechnungen des Penn Wharton Budget Model lag der durchschnittliche effektive Zollsatz im August 2026 bei 7,1 Prozent, nach 2,3 Prozent im Januar 2025. Zölle von rund 166 Milliarden Dollar, die auf die für unzulässig erklärte Grundlage erhoben wurden, sind rückzahlbar; bis Anfang Oktober waren davon etwa 126 Milliarden Dollar bestätigt.
Man kann die Höhe des Satzes für moderat halten. Bemerkenswert ist etwas anderes: dass sich Rechtsgrundlage und Instrument innerhalb eines Jahres mehrfach geändert haben.
Die These
Meine These lautet: Die Globalisierung endet nicht, aber ihre Geschäftsgrundlage tut es. Drei Jahrzehnte lang beruhte sie auf einem stillen Versprechen. Wer dort produziert, wo es am billigsten ist, und die Teile per Schiff just in time verteilt, gewinnt, und das Risiko dahinter ist vernachlässigbar. Preise sanken, Margen stiegen, und die Kosten für Sicherheit tauchten in keiner Bilanz auf.
Dieses Versprechen gilt nicht mehr uneingeschränkt. Nicht, weil es keine Waren mehr gäbe, sondern weil das Risiko, das früher kostenlos mitlief, jetzt einen Preis hat. Exportkontrollen auf Rohstoffe, Zölle, die per Rechtsstreit entstehen und wieder verschwinden, Lieferketten, die an einzelnen Standorten hängen: All das ist keine Ausnahme mehr, sondern eine Dauerbedingung. Billig war die Globalisierung, solange man nicht für Verlässlichkeit zahlen musste.

Vier Konsequenzen
Erstens: Verlässlichkeit wird bezahlt. Unternehmen halten mehr Lager, suchen zweite und dritte Lieferanten und verteilen Produktion auf mehrere Standorte. Das ist teurer als eine einzige effiziente Kette. Die Mehrkosten landen entweder im Preis oder in der Marge, und wer wo landet, entscheidet über den Wert eines Unternehmens.
Zweitens: Politik ist ein Kostenfaktor mit Schwankung. Das Beispiel der amerikanischen Zölle zeigt es. Der Satz bewegt sich nicht entlang einer Linie, sondern springt mit Gerichtsurteilen, Fristen und Verhandlungen. Wer Preise oder Investitionen plant, muss mit mehreren Szenarien arbeiten. Ein einzelner Satz ist keine Planungsgrundlage mehr.
Drittens: Der Handel verlagert sich, er verschwindet nicht. Die Zahlen der WTO zeigen, wie schnell sich Ströme verschieben können. Wer von Zöllen spricht, übersieht oft, dass Hersteller auf Drittländer ausweichen, Teile in anderen Ländern montieren und Wege umlegen. Das verteilt Gewinne neu. Ostasien außerhalb Chinas tritt als Knotenpunkt für KI-Güter hervor, und nach der Rechnung der WTO trägt Asien 2026 rechnerisch mehr als 100 Prozent zum Wachstum des Warenhandelsvolumens bei, die übrigen Regionen zusammen also nichts.
Viertens: Staaten werden Marktteilnehmer. Wo Effizienz nicht mehr allein zählt, greifen Regierungen zu Subventionen, Beteiligungen, Abnahmegarantien und Sicherheitsvorgaben. Das macht Geschäftsmodelle abhängig von politischen Zusagen und deren Haltbarkeit.

Das Beispiel: Die KI-Hardware
Das anschaulichste Beispiel liefert ein Gut, das mit Globalisierung begann und jetzt zu ihrem Prüfstein wird: die Hardware für künstliche Intelligenz. Chips werden in Asien gefertigt, die Maschinen dafür stammen aus Europa, die Rohstoffe aus Dutzenden Ländern, die Abnehmer sitzen vor allem in den Vereinigten Staaten. Nach der WTO ist dieser Handel inzwischen der wichtigste Wachstumstreiber des Welthandels. Gleichzeitig ist er das Gebiet, auf dem sich Staaten am stärksten einmischen: durch Exportkontrollen, Ansiedlungsprämien und Standortvorgaben.
Die WTO warnt selbst vor einem Klumpenrisiko. Ein Rückgang der KI-Investitionen würde den Handel wegen des hohen Importanteils stark treffen. Das ist keine Prognose, sondern ein Hinweis darauf, wie sehr das Wachstum auf einer einzigen Erwartung ruht. Billige Globalisierung bedeutete Vielfalt der Quellen und der Abnehmer. Die neue Form ist enger, teurer und anfälliger.

Ausblick: Zehn bis zwanzig Jahre
Ich halte drei Entwicklungen für wahrscheinlich.
Erstens bildet sich eine Globalisierung in Schichten. Güter, die als strategisch gelten, werden zwischen verlässlichen Partnern gehandelt, mit Kontrollen und Sicherheitsvorgaben. Alles andere bleibt offen und billig. Die Grenze zwischen beiden wird politisch gezogen und immer wieder verschoben.
Zweitens steigen die strukturellen Kosten, aber unregelmäßig. Zölle, Lager, doppelte Standorte und Compliance drücken auf Margen, nicht gleichmäßig, sondern dort, wo Unternehmen keine Preismacht haben. Das erzeugt Gewinner und Verlierer innerhalb derselben Branche.

Drittens wächst die Bedeutung von Ländern und Regionen, die Verlässlichkeit anbieten können: stabile Rechtsordnung, Energie, Fachkräfte, politische Berechenbarkeit. Das ist ein Wettbewerbsvorteil, der sich nicht kopieren lässt.
Was das für Anleger heißt
Ich leite daraus keine Empfehlung ab, sondern drei Fragen, die ich bei jedem Unternehmen stellen würde. Wie viel seiner Marge hängt an einer einzigen Lieferkette oder einem einzigen Land? Wie viel Preismacht hat es, wenn die Kosten steigen? Und wie gut kann das Management mit Szenarien umgehen, in denen sich die Regeln ändern?
Unternehmen, die diese Fragen überzeugend beantworten, haben in den letzten Jahren oft bewiesen, dass sie mit Brüchen umgehen können. Unternehmen, die sie nicht beantworten können, sind nicht zwangsläufig schlecht, aber ihre Zahlen beruhen auf einer Welt, die es so nicht mehr gibt.
Fazit
Das Ende der billigen Globalisierung ist kein Ereignis, sondern ein Wechsel der Rechnung. Früher wurde Sicherheit stillschweigend vorausgesetzt, heute wird sie eingepreist. Das macht die Welt nicht ärmer, aber ungleicher und unberechenbarer.
Für Investoren bedeutet das: Die Frage lautet nicht mehr nur, wer am günstigsten produziert. Sie lautet, wer es auch dann noch kann, wenn sich etwas ändert. Wer darauf eine Antwort hat, braucht keine Prognose über Zölle. Er braucht


