05. November, 2026

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Michael C. Jakob - der rationale Investor - Kupfer und die Physik der Energiewende

Kupfer erreichte 2026 Rekordpreise, und die IEA sieht 2035 eine Angebotslücke von rund 25 Prozent. Michael C. Jakob erklärt, warum die Energiewende am Metall hängt und welche Fragen Anleger stellen sollten.

Michael C. Jakob - der rationale Investor - Kupfer und die Physik der Energiewende
Die Energiewende ist ein Bauprojekt aus Physik, und Kupfer ist ihr unterschätzter Engpass.

In seiner wöchentlichen Kolumne analysiert Michael C. Jakob die großen Kräfte hinter Kapital, Technologie und geopolitischer Macht. Statt kurzfristiger Schlagzeilen stehen langfristige Entwicklungen im Fokus: neue Industrien, verschiebende Machtzentren, aufstrebende Technologien und die Frage, wie Vermögen im 21. Jahrhundert tatsächlich entsteht.

Die Kolumne richtet sich an Leser, die Märkte nicht nur beobachten, sondern verstehen wollen.

Michael C. Jakob – Der rationale Investor: In seiner Kolumne analysiert er, wie sich Kapital, Macht und Technologie neu ordnen – und warum die Welt auf zwei Finanzsysteme zusteuert.

Am 9. September 2026 erreichte Kupfer an der London Metal Exchange mit 14.858 US-Dollar je Tonne einen Rekord. Mitte Oktober notierte das Metall nur knapp darunter, bei rund 14.400 Dollar. Im Durchschnitt liegt der Preis in diesem Jahr gut 40 Prozent über dem von 2025. Das ist bemerkenswert, aber nicht die interessanteste Zahl.

Die interessantere steht in einem Bericht der Internationalen Energieagentur. Nach ihrer Einschätzung aus dem Global Critical Minerals Outlook 2026 liegt das Angebot aus bestehenden Minen und angekündigten Projekten im Jahr 2035 im Stated-Policies-Szenario rund 25 Prozent unter der erwarteten Nachfrage. Im Vorjahresbericht war von einer Lücke von rund 30 Prozent die Rede. Das klingt nach Entwarnung, ist aber keine: Eine Lücke von einem Viertel in einem Markt, der sich nicht mit einem Knopfdruck ausweiten lässt, ist ein strukturelles Problem.

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Die Beobachtung

Man kann die Energiewende als politisches Projekt beschreiben, als Klimaprojekt, als Industriepolitik. Ich halte sie zuallererst für ein Projekt der Physik. Strom aus Wind und Sonne muss transportiert werden. Elektromotoren brauchen Wicklungen. Rechenzentren benötigen Leitungen, Transformatoren und Kühlung. All das verlangt einen Werkstoff, der Strom besonders gut leitet, sich verformen lässt und über Jahrzehnte hält. Es gibt dafür nur einen Kandidaten, der in der benötigten Menge verfügbar und bezahlbar ist: Kupfer.

Nach Silber leitet Kupfer den elektrischen Strom am besten, kostet aber nur einen Bruchteil. Das ist der Grund, warum es sich in fast jeder elektrischen Anwendung findet, und der Grund, warum man es nicht einfach ersetzen kann. Aluminium ersetzt Kupfer in manchen Hochspannungsleitungen, aber es leitet schlechter, braucht mehr Querschnitt und mehr Platz. Wo Gewicht, Raum oder Effizienz zählen, verliert es.

Die These

Meine These lautet: Die Energiewende wird weniger an Technologie oder Geld scheitern oder gelingen als an der Geschwindigkeit, mit der sich Metallangebot aufbauen lässt. Kupfer ist das sichtbarste Beispiel, weil es in allen Bereichen zugleich gebraucht wird: im Verkehr, im Stromnetz, in erneuerbaren Anlagen und in der Digitalisierung.

Das Problem liegt nicht darin, dass es zu wenig Kupfer gäbe. In der Erdkruste ist genug vorhanden. Das Problem ist die Zeit. Nach den Berechnungen der IEA liegt die Spanne von der Entdeckung bis zur Produktion in den meisten Ländern „well beyond a decade“, also deutlich über zehn Jahre. Nachfrage dagegen entsteht schnell: Ein Land kann sich in wenigen Jahren zu einem Ausbau von Netzen und Ladeinfrastruktur entscheiden. Das Angebot braucht eine Generation.

Zwischen beiden Geschwindigkeiten entsteht eine Lücke, und sie wird im Preis sichtbar, lange bevor sie in einer Mine geschlossen werden kann.

Vier strategische Konsequenzen

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Erstens: Der Preis ist ein Signal, aber kein Planungsinstrument. Kupfer ist in diesem Jahr stark gestiegen, und doch liegen die Prognosen weit auseinander. Goldman Sachs nennt ein Ziel von 14.700 Dollar bis Jahresende, Morgan Stanley rechnet mit 14.250 Dollar im vierten Quartal, andere Häuser sehen eher 13.500 bis 13.600 Dollar. Dahinter stehen unterschiedliche Annahmen zu Zöllen, Nachfrage und Dollar. Wer glaubt, sich auf eine dieser Zahlen verlassen zu können, überschätzt seine Sicht.

Zweitens: Der Engpass liegt nicht nur in der Mine, sondern in der Verarbeitung. Die IEA weist darauf hin, dass der Anteil Chinas an der globalen Kupferverhüttung von rund 15 Prozent auf etwa die Hälfte im Jahr 2025 gestiegen ist. Auf China entfielen seit 2005 mehr als 90 Prozent des Wachstums der weltweiten Schmelzleistung. Die Gebühren, die Minen den Schmelzen für die Verarbeitung zahlen, sind auf historische Tiefstände gefallen: Der Jahresbenchmark wurde im Januar 2026 auf null Dollar je Tonne festgelegt, so niedrig wie nie zuvor. Das klingt nach einem Problem der Schmelzen, ist aber eines der Märkte: Wo sich Verarbeitung nicht mehr rechnet, schließen Anlagen, und die verbleibenden gewinnen an Gewicht.

Drittens: Handelspolitik verschiebt Metall, nicht nur Preise. Auf der US-Börse COMEX lagerten zuletzt rund 718.200 Tonnen, weit mehr als an den anderen großen Börsen, zum großen Teil Metall, das im Vorgriff auf mögliche Zölle auf raffiniertes Kupfer in die USA geliefert wurde. Goldman Sachs sieht einen Teil davon als dort festsitzend. Die Bestände täuschen deshalb über die Knappheit hinweg: Es gibt Metall, aber nicht dort, wo es gebraucht wird.Das ist eine Lehre, die über Kupfer hinausgeht: Wenn Staaten Lieferketten politisch lenken, steigt die Bedeutung des Ortes, an dem ein Rohstoff liegt.

Viertens: Recycling hilft, aber es löst das Problem nicht. Die IEA-Prognosen berücksichtigen bereits erwartete Beiträge aus Sekundärquellen. Das bedeutet: Die Lücke von rund einem Viertel besteht trotz Recycling. Auch Substitution und Sparsamkeit dürften zunehmen, aber sie brauchen Zeit und ändern nichts daran, dass bestimmte Anwendungen auf Kupfer angewiesen bleiben.

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Das Beispiel: Wenn Angebot nicht liefern kann

Wie fragil das Angebot ist, zeigen die Ereignisse dieses Jahres. Der Bergbaukonzern BHP meldete für ein Quartal einen Rückgang seiner Kupferförderung um 19 Prozent, und beim chilenischen Produzenten Antofagasta wird ein Streik in der Mine Centinela voraussichtlich ab November die Produktion belasten. Dazu kommen sinkende Erzgehalte: Wer heute Kupfer fördert, muss für dieselbe Menge Metall mehr Gestein bewegen als noch vor zwanzig Jahren.

Keines dieser Ereignisse ist für sich dramatisch. Zusammen zeigen sie ein Muster: Ein Markt, der kaum Puffer hat, reagiert auf jede Störung. Die Bestände an den Börsen reichen nur für einen Teil der Nachfrage, Neuprojekte kommen erst in Jahren, und die Verarbeitung konzentriert sich auf wenige Standorte.

Ausblick: Zehn bis zwanzig Jahre

Ich halte drei Entwicklungen für wahrscheinlich.

Erstens wird Kupfer politischer. Je enger der Markt, desto stärker versuchen Staaten, Zugang zu sichern: durch Beteiligungen, Abnahmeverträge, Lager und Handelsbarrieren. Wer Kupfer braucht, wird künftig nicht nur nach dem Preis fragen, sondern nach der Verlässlichkeit des Lieferwegs.

Zweitens werden die Preise stärker schwanken. Ein knapper Markt reagiert heftig auf Nachfrageschocks und auf deren Ausbleiben. Das Jahr 2027 könnte nach einer Projektion der internationalen Kupfer-Studiengruppe ICSG sogar einen größeren Überschuss bringen. Beides gehört zum Bild: ein struktureller Mangel in der Zukunft und eine zyklische Schwäche, die davor liegen kann.

Drittens wird sich entscheiden, wer Kupfer effizient nutzt. Netzbetreiber, die Verluste senken, Hersteller, die Material sparen, und Unternehmen, die Kreisläufe schließen, gewinnen einen Vorteil, der nicht in einem Quartalsbericht, aber in der Marge sichtbar wird.

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Was das für Anleger heißt

Ich leite daraus keine Empfehlung ab, sondern eine Denkweise. Kupfer ist ein zyklischer Rohstoff, kein Selbstläufer. Die Förderer verdienen viel, wenn der Preis hoch ist, und verlieren viel, wenn er fällt. Wer glaubt, eine strukturelle Lücke ließe sich einfach in eine Rendite übersetzen, übersieht, dass der Markt sie längst kennt.

Hilfreicher sind Fragen an Unternehmen: Wie abhängig ist das Geschäft von Kupfer, direkt oder über Lieferanten? Wie hoch sind die Kosten pro Tonne, und wie robust sind sie bei sinkenden Preisen? Wo liegen Minen und Schmelzen, und wie verlässlich sind die Wege? Und wie viel Spielraum hat das Management, wenn eine Störung eintritt?

VID – Verbraucherschutz Institut Deutschland
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Fazit

Die Energiewende ist ein Bauprojekt, und wie jedes Bauprojekt hängt sie von den Materialien ab, die man hineinsteckt. Kupfer ist keines der glamourösen Themen. Es hat keine Software, keine Marke und keine Vision. Es hat Physik, und die lässt sich nicht verhandeln.

Wer heute über die Zukunft von Energie, Verkehr und Digitalisierung spricht, sollte auch über Kupfer sprechen. Nicht, weil es eine sichere Wette wäre. Sondern weil es zeigt, dass Pläne aus Politik und Technik am Ende an Stoffen scheitern oder gelingen, die irgendwo aus dem Boden geholt werden müssen, und dass dieser Prozess länger dauert als jede Legislaturperiode.