In seiner wöchentlichen Kolumne analysiert Michael C. Jakob die großen Kräfte hinter Kapital, Technologie und geopolitischer Macht. Statt kurzfristiger Schlagzeilen stehen langfristige Entwicklungen im Fokus: neue Industrien, verschiebende Machtzentren, aufstrebende Technologien und die Frage, wie Vermögen im 21. Jahrhundert tatsächlich entsteht.
Die Kolumne richtet sich an Leser, die Märkte nicht nur beobachten, sondern verstehen wollen.
Am 10. November läuft eine Frist ab, die in den Wirtschaftsteilen kaum mehr als eine Randnotiz ist. Dann endet die zwölfmonatige Aussetzung der erweiterten chinesischen Exportkontrollen für Seltene Erden, die Peking im Oktober 2025 beschlossen und nach dem Treffen von Donald Trump und Xi Jinping auf Eis gelegt hatte. Ob sie verlängert wird, ist nach allem, was ich lesen konnte, offen.

Man muss kein Geologe sein, um zu verstehen, warum das wichtig ist. Man muss nur eine Frage stellen: Wer entscheidet eigentlich, ob in Europa im nächsten Jahr noch Elektromotoren, Windturbinen und Rüstungsgüter gebaut werden können? Die Antwort steht nicht in einem Aufsichtsrat und nicht in einem Parlament in Brüssel. Sie steht, in Teilen, in einem Genehmigungsverfahren des chinesischen Handelsministeriums.

Die Beobachtung
Seltene Erden sind im Wortsinn nicht selten. Sie kommen in der Erdkruste häufiger vor als Silber. Knapp ist nicht das Vorkommen, knapp ist die Fähigkeit, sie zu trennen, zu veredeln und zu Magneten zu verarbeiten. Nach Zahlen des Datenanbieters GlobalData, zitiert von Mining Technology, förderte China 2025 rund 270.000 der weltweit geschätzten 390.000 Tonnen Seltene-Erden-Oxid, also etwa 69 Prozent. Beim Verarbeiten sind es nach derselben Quelle bis zu 90 Prozent.
Der Unterschied zwischen beiden Zahlen ist der eigentliche Punkt. Ein Land kann Rohstoffe fördern und trotzdem abhängig bleiben, wenn es sie nicht selbst veredeln kann. Wer den Engpass kontrolliert, muss nicht der größte Förderer sein. Er muss nur an der Stelle sitzen, an der alle anderen vorbeimüssen.
China hat das begriffen und genutzt. Seit dem 4. April 2025 braucht der Export von sieben mittleren und schweren Seltenen Erden eine Einzelgenehmigung: Samarium, Gadolinium, Terbium, Dysprosium, Lutetium, Scandium und Yttrium, samt Legierungen und Permanentmagneten. Im Oktober kam ein zweites Paket hinzu, das weitere Elemente erfasste und eine Regel enthielt, die weit über China hinausreicht: Auch ausländische Produkte, die mindestens 0,1 Prozent ihres Wertes aus chinesischen Seltene-Erden-Vorprodukten enthalten, sollten genehmigungspflichtig werden. Dieses zweite Paket ist derzeit ausgesetzt. Das erste gilt weiter.

Die These
Meine These ist einfach, und ich halte sie für unbequem: In einer Welt, in der Handel zunehmend als Machtmittel gebraucht wird, verschiebt sich der Wert von der Veredelung auf den Engpass. Rohstoffe sind nicht deshalb mächtig, weil sie wertvoll sind, sondern weil man sie verweigern kann.
Das ist eine Umkehrung dessen, was die letzten dreißig Jahre globaler Arbeitsteilung versprochen haben. Damals lautete die Logik: Wer etwas billiger herstellen kann, soll es herstellen, und alle anderen kaufen. Effizienz schlug Autarkie, weil Märkte als neutrale Vermittler galten. Diese Annahme gilt nicht mehr uneingeschränkt. Wenn der Lieferant zugleich ein strategischer Rivale ist, ist der günstigste Preis nur noch eine Zahl unter mehreren. Die andere heißt Verwundbarkeit.

Ich will nicht so tun, als wäre das neu. Die Geschichte kennt Embargos, Kartelle und Blockaden. Neu ist, dass die Abhängigkeit in Bereichen entstanden ist, die man jahrelang für Nebensachen hielt: ein paar tausend Tonnen Magnetmaterial, eine Handvoll Metalle in Chips und Batterien. Die Rechnung kam nicht, weil es teuer wurde, sondern weil es plötzlich eine Genehmigung brauchte.
Vier Konsequenzen
Erstens: Sicherheit wird ein Preisbestandteil. Unternehmen, die kritische Vorprodukte aus nur einer Quelle beziehen, müssen künftig entweder höhere Lagerbestände halten oder teurer einkaufen. Beides kostet Marge. Das trifft nicht gleichmäßig. Ein Konzern mit Preismacht reicht die Kosten weiter, ein Zulieferer mit festen Verträgen trägt sie selbst.
Zweitens: Der Westen kann den Rückstand nicht per Beschluss aufholen. Ein diplomatischer Waffenstillstand ersetzt keine Trennanlage. Trennung, Metallisierung, Legierungen und qualifizierte Magnete lassen sich nicht in zwölf Monaten aufbauen. Es braucht Genehmigungen, Fachkräfte, Technologie und vor allem Abnehmer, die bereit sind, dauerhaft mehr zu zahlen als den Weltmarktpreis. Wer das ignoriert, rechnet sich die Lage schön.
Drittens: Staaten werden zu Marktteilnehmern. Wo der Markt allein keine Versorgungssicherheit liefert, springt der Staat ein, mit Preisgarantien, Beteiligungen, Abnahmeverträgen und Lagern. Ein Beispiel ist die Vereinbarung zwischen dem US-Verteidigungsministerium und dem Magnetproduzenten MP Materials vom Sommer 2025, die nach meinem Kenntnisstand eine Beteiligung des Staates und einen Mindestpreis für Neodym-Praseodym vorsah. [PRÜFEN: Details und Zahlen vor Veröffentlichung gegen die Primärquelle abgleichen] Der Preis wird damit ein politischer Preis. Für Anleger heißt das: Die Rendite solcher Unternehmen hängt nicht nur vom Geschäft ab, sondern auch von der Haltbarkeit politischer Zusagen.

Viertens: Wer Regeln schreibt, kann sie auch ändern. Das gilt für Peking ebenso wie für Washington. Ein Geschäftsmodell, das nur unter einer bestimmten Exportregel funktioniert, ist eine Wette auf diese Regel. Das ist kein Argument gegen Investitionen in diesem Feld, aber eines für Abstand zu Begeisterung.
Das Beispiel: Wer den Engpass hielt, bevor es alle merkten
Ein Muster, das sich mehrfach wiederholt, lässt sich am Nickel ablesen. Indonesien verbot ab 2020 den Export von unverarbeitetem Nickelerz mit dem erklärten Ziel, die Weiterverarbeitung im eigenen Land aufzubauen. [PRÜFEN: Jahr und Maßnahme gegen eine Primärquelle bestätigen] Das Land hat sich dadurch von einem Rohstofflieferanten zu einem zentralen Knotenpunkt der Lieferkette entwickelt. Ausländische Verarbeiter, vor allem aus China, bauten dort Kapazitäten auf.
Man kann die Methode kritisieren, und es gibt gute Gründe, die ökologischen und politischen Folgen kritisch zu sehen. Aber als strategische Lektion ist sie eindeutig: Ein Staat, der den Rohstoff hält, kann Bedingungen stellen. Er kann die Wertschöpfung ins Land holen, indem er den Zugang an sie koppelt. Wer die Rohstoffe hat, schreibt die Regeln, und wer sie versteht, schreibt sie früher.
Europa steht auf der anderen Seite dieser Gleichung. Es hat Verbraucher, Maschinen und Kapital, aber wenige Primärquellen und kaum Verarbeitungskapazität für die wichtigsten Metalle. Das ist keine Schande, aber eine strukturelle Schwäche, die sich in Verhandlungen bemerkbar macht.

Ausblick: Zehn bis zwanzig Jahre
Ich halte drei Entwicklungen für wahrscheinlich, ohne mich auf Jahreszahlen festzulegen.
Erstens wird die Verarbeitungskapazität außerhalb Chinas wachsen, aber langsamer, als es politische Ankündigungen nahelegen. Der Aufbau von Trennanlagen und Magnetfabriken dauert Jahre, und die Kosten liegen über denen eingespielter chinesischer Anlagen. Ohne dauerhafte Abnahmegarantien rechnet sich vieles nicht.
Zweitens wird Recycling wichtiger. Wer keine Primärquellen hat, kann Magnete, Batterien und Elektronik als Rohstofflager verstehen. Das ist technisch anspruchsvoll und derzeit selten wirtschaftlich, aber es ist der Weg, der Abhängigkeit ohne neue Minen verringert.
Drittens wird die Substitution zunehmen. Hohe Preise und unsichere Lieferungen sind der wirksamste Anreiz, Materialien zu ersetzen oder sparsamer einzusetzen. Das hat in der Vergangenheit funktioniert, zum Beispiel bei Kobalt in Batterien, und es kann bei einzelnen Seltenen Erden wieder funktionieren. Aber nicht überall und nicht schnell.

Was bedeutet das für Anleger? Ich leite daraus keine Empfehlung ab, aber eine Denkweise. Fragen Sie bei jedem Unternehmen, das Sie halten: Woher stammen die kritischen Vorprodukte? Gibt es eine zweite Quelle? Was passiert mit der Marge, wenn die erste ausfällt? Die Antworten stehen selten im Vordergrund einer Präsentation, aber oft im Kleingedruckten des Geschäftsberichts.
Fazit
Die Frist am 10. November ist ein Ereignis. Die Struktur dahinter ist es nicht, und genau darauf kommt es an. Selbst wenn die Aussetzung verlängert wird, bleibt der Befund: Ein einzelnes Land kontrolliert einen Engpass, der für Industrie, Energiewende und Verteidigung gleichermaßen zählt, und es hat gezeigt, dass es ihn einsetzt.
Die Lektion für Investoren lautet nicht, auf Rohstoffe zu wetten. Sie lautet, die Abhängigkeiten der eigenen Unternehmen zu kennen, bevor ein anderer sie für sie kennt. Wer die Rohstoffe hat, schreibt die Regeln. Wer nur die Aktien hat, sollte wissen, welche Regeln auf ihn zukommen.


