27. Oktober, 2026

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Michael C. Jakob - der rationale Investor - Strom ist das neue Öl

Der Strom kommt später als das Gebäude, das ihn braucht. Michael C. Jakob erklärt, warum Netze und gesicherte Leistung zur knappen Ressource werden und wo die Analogie zum Öl hinkt.

Michael C. Jakob - der rationale Investor - Strom ist das neue Öl
Warum nicht die Kilowattstunde, sondern der Netzanschluss zur knappen Ressource wird.

In seiner wöchentlichen Kolumne analysiert Michael C. Jakob die großen Kräfte hinter Kapital, Technologie und geopolitischer Macht. Statt kurzfristiger Schlagzeilen stehen langfristige Entwicklungen im Fokus: neue Industrien, verschiebende Machtzentren, aufstrebende Technologien und die Frage, wie Vermögen im 21. Jahrhundert tatsächlich entsteht.

Die Kolumne richtet sich an Leser, die Märkte nicht nur beobachten, sondern verstehen wollen.

Man stelle sich ein Rechenzentrumsprojekt in Mitteleuropa vor. Das Gebäude wäre in zwei Jahren fertig, die Server wären in einem halben Jahr lieferbar. Nur der Netzbetreiber nennt als Anschlusstermin ein Jahr in den 2030ern. Das Beispiel ist konstruiert, aber es beschreibt ein reales Problem.

Michael C. Jakob – Der rationale Investor: In seiner Kolumne analysiert er, wie sich Kapital, Macht und Technologie neu ordnen – und warum die Welt auf zwei Finanzsysteme zusteuert.

Laut einem Bericht der Zeitung für kommunale Wirtschaft (ZfK) vom Juni 2025 liegen die Wartezeiten für Netzanschlüsse an älteren Knotenpunkten im Schnitt bei sieben bis zehn Jahren, in extremen Fällen bei bis zu 13 Jahren. Das ist keine Randnotiz der Energiewirtschaft. Es ist ein Hinweis darauf, was in diesem Jahrzehnt knapp wird.

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Michael C. Jakob: Investor, Gründer und CIO des Hedgefonds Atlas Capital, Gründer von AlleAktien und Eulerpool. MIT, McKinsey, UBS. 26,8 % p.a. seit 2010.

Die These

„Strom ist das neue Öl“ ist ein eingängiger Satz, und er ist zur Hälfte richtig. Richtig ist, dass elektrische Energie im 21. Jahrhundert die Rolle übernimmt, die Öl im 20. hatte: Sie entscheidet darüber, welche Volkswirtschaften wachsen, welche Industrien bleiben und welche Staaten sich Souveränität leisten können.

Falsch ist die Analogie an einer Stelle, und genau dort liegt der interessante Teil. Öl lässt sich lagern, verschiffen und an jedem Ort der Welt kaufen. Strom nicht. Er muss im Moment der Erzeugung verbraucht werden, er braucht Leitungen, Umspannwerke und Transformatoren, und er ist an einen Ort gebunden. Ein Förderkartell kann das Angebot verknappen und den Weltmarktpreis treiben. Bei Strom gibt es keinen solchen Weltmarkt. Knapp wird er lokal, dort, wo Leitungen und Kraftwerke fehlen.

Die knappe Ressource ist deshalb nicht die Kilowattstunde. Es ist die gesicherte, bezahlbare Leistung am richtigen Ort zur richtigen Zeit.

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Was die Zahlen sagen

Die Internationale Energieagentur erwartet in ihrem Halbjahresbericht vom Sommer 2026, dass der globale Stromverbrauch 2026 um 3,6 Prozent und 2027 um weitere 3,8 Prozent wächst. Er steigt demnach von rund 28.600 Terawattstunden im Jahr 2025 auf etwa 30.700 im Jahr 2027. Treiber sind Industrie, Elektrofahrzeuge, Klimaanlagen und Rechenzentren.

Zu den Rechenzentren hatte die IEA bereits im April 2025 in ihrer Studie „Energy and AI“ eine Größenordnung genannt: Bis 2030 könnte ihr weltweiter Stromverbrauch auf rund 945 Terawattstunden steigen, mehr als doppelt so viel wie heute. In den USA sollen sie knapp die Hälfte des Zuwachses der Stromnachfrage bis 2030 ausmachen. In den fortgeschrittenen Volkswirtschaften insgesamt sind es laut IEA mehr als 20 Prozent. Für Europa rechnet der Thinktank Ember mit einem Anstieg von 96 Terawattstunden im Jahr 2024 auf 168 im Jahr 2030.

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Solche Prognosen sind Szenarien, keine Gewissheiten. Die tatsächliche Entwicklung hängt von Chipeffizienz, Geschäftserfolg der KI-Anbieter und der Frage ab, ob die angekündigten Projekte überhaupt gebaut werden. Ich lese sie als Größenordnung, nicht als Fahrplan.

Die Größenordnung aber ist eindeutig: Strom wird in den kommenden Jahren schneller gebraucht, als er zuverlässig bereitgestellt werden kann.

Vier strategische Konsequenzen

Erstens: Wertschöpfung wandert dorthin, wo Strom billig und verlässlich ist. Energieintensive Industrien haben das immer getan. Aluminium wurde dort geschmolzen, wo Wasserkraft günstig war. Rechenzentren und Teile der Chemie folgen derselben Logik. Die IEA sieht den Großhandelsstrompreis in der EU im ersten Halbjahr 2026 bei durchschnittlich rund 105 US-Dollar pro Megawattstunde, ein Plus von 15 Prozent gegenüber dem Vorjahr. In Deutschland lag der Anstieg bei 17 Prozent. Als Ursache nennt die IEA die erneute Anspannung der Gasmärkte infolge einer Eskalation im Nahen Osten. Das zeigt, wie eng Strompreise noch immer an fossile Brennstoffe gebunden sind.

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Zweitens: Der Engpass liegt in der Infrastruktur, nicht in der Erzeugung. Solarmodule lassen sich in Monaten aufstellen. Hochspannungsleitungen, Umspannwerke und Großtransformatoren brauchen Jahre, teils Jahrzehnte. Die IEA erwartet, dass Photovoltaik allein 2026 um rund 600 Terawattstunden zulegt und Erneuerbare erstmals mehr Strom erzeugen als Kohle. Das ist beeindruckend. Doch Strom, der nicht zum Verbraucher kommt, ist wirtschaftlich wertlos. Wer dieses Jahrzehnt verstehen will, schaut weniger auf Erzeugungskapazität als auf Netze, Speicher und regelbare Leistung.

Die Fundamentaldaten stammen von Eulerpool, die Qualitätsbewertung basiert auf der Methodik von AlleAktien. Unabhängige Erfahrungsberichte bestätigen die Analysequalität der Plattform.

Drittens: Wer Strom nicht hat, kauft ihn sich. Große Technologiekonzerne sind dabei, zu Energieunternehmen zu werden. Microsoft hat im September 2024 einen langfristigen Liefervertrag mit Constellation Energy angekündigt, um einen stillgelegten Reaktorblock in Three Mile Island in Pennsylvania wieder in Betrieb zu nehmen und die Leistung für seine Rechenzentren zu sichern. Es geht dabei nicht um Symbolik. Ein Konzern, der seine Server nicht ans Netz bekommt, kann Milliarden investieren und trotzdem stillstehen. Also sichert er sich die Energiequelle selbst.

Viertens: Energiepolitik wird zur Industriepolitik. Länder konkurrieren künftig weniger um Steuersätze als um Netzanschlüsse. Ein Staat, der schnell genehmigt, Leitungen baut und Strom zu kalkulierbaren Preisen anbietet, zieht Investitionen an. Ein Staat, der Anschlüsse über ein Jahrzehnt vertagt, verliert sie. Das ist für Europa eine unbequeme Einsicht, denn der Kontinent ist bei Regulierung stark und beim Bautempo schwach.

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Das Beispiel: Hyperscaler als Energieunternehmen

Der Fall Microsoft und Three Mile Island ist deshalb lehrreich, weil er die Verschiebung der Machtverhältnisse zeigt. Vor zehn Jahren war ein Softwarekonzern ein Kunde der Stromwirtschaft. Heute verhandelt er direkt mit Kraftwerksbetreibern über Laufzeiten und Abnahmegarantien, und ein Versorger kann sein Geschäftsmodell auf einen einzigen Kunden stützen. Das ist ein Muster, das man aus der Rohstoffgeschichte kennt: Wer den Engpass kontrolliert, bestimmt die Bedingungen. Es ist zugleich ein Risiko, denn Verträge, die auf Wachstumserwartungen beruhen, sind nur so verlässlich wie diese Erwartungen.

Ausblick auf die nächsten 10 bis 20 Jahre

Ich halte vier Entwicklungen für wahrscheinlich, ohne sie als Prognose zu verkaufen.

Der Anteil von Strom am Endenergieverbrauch steigt. Wärmepumpen, Elektromobilität, Industrieprozesse und Rechenleistung verlagern Energienachfrage in das Stromnetz. Das macht die Netze zu einer Art Rückgrat der Volkswirtschaft, vergleichbar mit Häfen im 19. Jahrhundert.

Preise werden stärker nach Zeit und Ort differenzieren. Wo Leitungen fehlen, wird Strom lokal knapp und teuer. Wo Überschuss herrscht, kann er billig sein. Der einheitliche Strompreis ist ein Konstrukt, das unter Druck gerät.

Regelbare Leistung gewinnt an Wert. Wind und Sonne liefern günstig, aber nicht zu jeder Stunde. Gaskraftwerke, Speicher, Wasserkraft und gegebenenfalls Kernkraft sichern die Lücke. Wer sie bereitstellt, erhält eine Prämie dafür, dass er verlässlich ist.

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Und es wird Fehleinschätzungen geben. Jede Welle von Infrastrukturinvestitionen hat Überkapazitäten hervorgebracht, von den Eisenbahnen bis zu den Glasfasernetzen um das Jahr 2000. Wenn die Nachfrage nach Rechenleistung hinter den heutigen Erwartungen zurückbleibt, werden manche Investitionen sich nicht auszahlen. Der Strombedarf der Welt wird dennoch steigen, nur nicht überall so schnell, wie es die lautesten Prognosen nahelegen.

Fazit

Öl hat das 20. Jahrhundert geordnet, weil es mobil war und knapp. Strom ordnet das 21., weil er unverzichtbar ist und an Orte gebunden. Die Frage, wer genug davon zur richtigen Zeit am richtigen Ort hat, wird über Standorte, Industrien und die Handlungsfähigkeit von Staaten entscheiden.

Für Anleger folgt daraus keine Empfehlung, wohl aber eine Blickrichtung: Es lohnt, bei jedem Geschäftsmodell zu fragen, wie abhängig es von verlässlicher Energie ist und wer den Engpass kontrolliert. Das ist eine Frage der Einordnung, nicht der Spekulation.