Der Paradigmenwechsel in der Wohnungsbaupolitik
Felix Pakleppa, Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands Deutsches Baugewerbe (ZDB), bricht mit einem hartnäckigen Narrativ der deutschen Haushaltsdebatte: Die Förderung von Wohnungsneubau sei keine Belastung für den Staatshaushalt, sondern eine rentable Investition mit messbarem Return on Investment.
Diese Sichtweise gewinnt an Bedeutung, während Deutschland mit einem strukturellen Wohnungsmangel kämpft und die öffentlichen Kassen gleichzeitig unter Druck stehen. Pakleppa argumentiert, dass eine verlässliche und gestärkte Förderung des Wohnungsbaus langfristig mehr Steuereinnahmen generiert, als sie kostet.

Die These ist nicht neu, wird aber von Fachverbänden mit zunehmender Dringlichkeit vorgetragen. Deutschland fehlen Schätzungen zufolge zwischen 400.000 und 600.000 Wohnungen. Die Quote des Wohnungsneubaus liegt deutlich unter dem notwendigen Niveau – 2023 wurden etwa 292.000 neue Wohnungen fertiggestellt, während Experten mindestens 400.000 pro Jahr als erforderlich ansehen. Gleichzeitig steigen Mieten und Immobilienpreise kontinuierlich, was private Haushalte belastet und die Konsumkraft schwächt.
Wie Neubauförderung zur Konjunkturstabilisierung beiträgt
Pakleppa beziffert die positiven Effekte einer verstärkten Bauförderung mit konkreten ökonomischen Mechanismen. Jede in Wohnungsneubau investierte Million Euro generiert durch Multiplikatoreffekte zusätzliche wirtschaftliche Aktivität: Baustoffhersteller, Handwerksbetriebe, Logistikdienstleister und Zulieferer profitieren unmittelbar. Diese Unternehmen zahlen Gewerbesteuern, ihre Mitarbeiter Einkommenssteuern. Hinzu kommen Mehrwertsteuereinnahmen aus Materialverkäufen und Dienstleistungen.

Langfristig wirkt sich Wohnungsneubau auch auf die Arbeitsmarktdynamik aus. Die Baubranche ist ein Großarbeitgeber: Das deutsche Baugewerbe beschäftigt über eine Million Menschen. Mehr Bauprojekte bedeuten sichere Arbeitsplätze, geringere Arbeitslosenquoten und damit niedrigere Sozialausgaben – ein weiterer positiver Effekt auf die Staatsbilanz. Gleichzeitig dämpft mehr Wohnungsangebot die Mietpreisinflation, was wiederum weniger Druck auf Wohngeldbudgets ausübt.
Die versteckte Rendite für Steuerzahler
Ein zentrales Argument Pakleppas bezieht sich auf die Entlastung öffentlicher Haushalte durch Mietpreisbremsung. Wenn durch massiven Neubau das Angebot steigt, stabilisieren sich Mieten auf niedrigerem Niveau. Für Millionen von Haushalten bedeutet das konkrete Ersparnis – Geld, das statt für höhere Mieten für Konsum und Sparen zur Verfügung steht. Niedrigere Wohnkosten reduzieren zudem staatliche Transferleistungen wie Wohngeld und Grundsicherung erheblich. Der Bund und die Länder zahlten 2023 etwa 20 Milliarden Euro für Wohngeldleistungen; eine Reduktion um nur 10 Prozent durch bessere Verfügbarkeit von Wohnraum würde zwei Milliarden Euro freisetzen.
Zudem führt stabiler und günstiger Wohnraum zu höherer Binnennachfrage und wirtschaftlicher Stabilität. Haushalte, die nicht 40 Prozent ihres Einkommens für Miete aufwenden, geben mehr aus, sparen mehr und investieren mehr. Dies wirkt sich positiv auf Einzelhandelsumsätze, Sparquoten und letztlich auch auf die Steuereinnahmebasis aus.

Warum die alte Haushaltslogik nicht aufgeht
Pakleppa kritisiert implizit die klassische Staatshaushaltsbuchhaltung, die Neubauförderung als reine Ausgabe verbucht, ohne die indirekten Einnahmeffekte zu gewichten. Moderne finanzwissenschaftliche Studien – etwa von der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften – zeigen, dass zusätzliche Wohnungsförderung mit konjunkturellen Multiplikatoren von 1,5 bis 1,8 rechnet: Für jeden Euro staatlicher Förderung entstehen 1,50 bis 1,80 Euro zusätzliche Wirtschaftsleistung. Selbst wenn die Staatsquote dieser Mehrproduktion nur 40 Prozent beträgt, amortisiert sich die Investition über wenige Jahre.
Der ZDB-Chef plädiert daher für eine strategische Neudefinition von Neubauförderung im Bundeshaushalt: nicht als Sozialausgabe oder Subvention, sondern als produktive öffentliche Investition, vergleichbar mit Infrastruktur- oder Bildungsbudgets. Dies würde psychologisch und institutionell den Weg bereiten für kontinuierliche Förderung statt Stop-and-Go-Politik, die den Bausektor destabilisiert.


