In seiner wöchentlichen Kolumne analysiert Michael C. Jakob die großen Kräfte hinter Kapital, Technologie und geopolitischer Macht. Statt kurzfristiger Schlagzeilen stehen langfristige Entwicklungen im Fokus: neue Industrien, verschiebende Machtzentren, aufstrebende Technologien und die Frage, wie Vermögen im 21. Jahrhundert tatsächlich entsteht.
Die Kolumne richtet sich an Leser, die Märkte nicht nur beobachten, sondern verstehen wollen.

Im Jahr 2015 verbrauchten die Rechenzentren Irlands rund fünf Prozent des gemessenen Stroms im Land. Im Jahr 2025 waren es 23 Prozent. Das geht aus dem Bericht des irischen Statistikamts CSO hervor, der im Juli 2026 erschien. Die Rechenzentren benötigten damit mehr Strom als alle städtischen Haushalte zusammen, die auf 18 Prozent kamen. Allein im vergangenen Jahr stieg ihr Verbrauch um zehn Prozent, während alle übrigen Verbraucher zusammen um zwei Prozent zulegten.
Irland ist dabei kein Kuriosum. Es ist ein Frühindikator. Das Land hat früher als andere erlebt, was geschieht, wenn eine Branche Strom schneller verlangt, als das Netz ihn liefern kann.

Die These
Über das KI-Zeitalter wird meist so gesprochen, als werde es von Chips begrenzt. Das war eine Zeit lang richtig. Wer 2023 Hochleistungsprozessoren wollte, musste warten. Aber Chips lassen sich produzieren, bestellen, ausliefern. Dafür gibt es Fabriken, Lieferketten und einen Preis, der Angebot anzieht.
Das Stromnetz folgt einer anderen Uhr. Ein Rechenzentrum entsteht in ein bis zwei Jahren, die Server sind in Monaten bestellt. Ein Hochspannungsanschluss, ein Umspannwerk und eine Leitung brauchen in der Regel viele Jahre, weil dazwischen Planungsverfahren, Genehmigungen, Beteiligungsprozesse und Lieferfristen stehen. Der Engpass im KI-Zeitalter ist daher kein Mangel an Rechenleistung, sondern ein Zeitproblem: Zwei Industrien arbeiten in unterschiedlichen Geschwindigkeiten, und die langsamere bestimmt das Tempo.
Das ist eine unbequeme These, denn sie verschiebt die Aufmerksamkeit von dem, was glänzt, zu dem, was grau ist. Von der Software zum Transformator.
Was die Datenlage zeigt
Drei Zahlen machen die Zeitdifferenz greifbar. Sie sind nicht vergleichbar im strengen Sinn, sie beschreiben unterschiedliche Teile desselben Problems, aber sie zeigen die Größenordnung.

Die erste betrifft die Anschlusswarteschlangen. Nach der jährlichen Auswertung des Lawrence Berkeley National Laboratory warteten Ende 2025 in den USA rund 2.061 Gigawatt an Erzeugungs- und Speicherprojekten auf einen Netzanschluss, etwa zehn Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Von der Anfrage bis zum kommerziellen Betrieb vergehen demnach im Schnitt mehr als fünf Jahre. Von den Anträgen der Jahre 2000 bis 2020 waren Ende 2025 etwa 13 Prozent der Leistung tatsächlich ans Netz gegangen. Rund 75 Prozent wurden zurückgezogen. Wohlgemerkt betrifft diese Statistik Kraftwerke und Speicher, nicht Rechenzentren. Aber sie zeigt, wie zäh das System ist, in das neue Verbraucher hineindrängen.
Die zweite betrifft die Hardware. Wood Mackenzie bezifferte in einer Analyse vom April 2024 die durchschnittliche Lieferzeit für Leistungstransformatoren auf rund 120 Wochen, nach etwa 50 Wochen im Jahr 2021. Für große Umspann- und Generator-Aufspanntransformatoren lagen die Spannen bei 80 bis 210 Wochen. Die Preise stiegen seit 2020 im Durchschnitt um 60 bis 80 Prozent. Die Zahlen beziehen sich vor allem auf den US-Markt und stammen aus 2024. Sie sagen nicht, wie die Lage heute genau aussieht, aber sie zeigen, wie anfällig die Lieferkette für Netzbauteile ist.
Die dritte betrifft Europa. Laut einem Bericht der Zeitung für kommunale Wirtschaft aus dem Juni 2025 liegen die Wartezeiten für Netzanschlüsse an älteren Knotenpunkten im Schnitt bei sieben bis zehn Jahren, in Extremfällen bei bis zu 13 Jahren. Mit intelligenten Anschlussvereinbarungen ließen sie sich auf etwa ein Jahr verkürzen. Genau diese Zahl halte ich für die wichtigste, denn sie zeigt, dass der Engpass nicht allein physisch ist.

Vier strategische Konsequenzen
Erstens: Der Standort wird zur Strategie. Wenn Netzanschlüsse knapp sind, entscheidet nicht mehr der günstigste Grundstückspreis, sondern die Frage, wo Leistung verfügbar ist. Das verschiebt Investitionen in Regionen mit freien Netzkapazitäten, mit Überschuss an Erzeugung oder mit Regierungen, die Verfahren beschleunigen. Es verschiebt sie also nicht automatisch dorthin, wo die Kunden sitzen.
Zweitens: Wer nicht warten kann, baut selbst. Immer mehr Betreiber planen eigene Erzeugung und Speicher direkt am Standort, um Netzengpässe zu umgehen. Das ist teuer und löst das Problem nicht vollständig, weil auch Eigenerzeugung irgendwo ins System eingebunden sein muss. Aber es zeigt, in welche Richtung sich die Verantwortung verschiebt: vom Netzbetreiber zum Nachfrager.
Drittens: Flexibilität wird zur Währung. Irland hat daraus eine Regel gemacht. Nach einer Sperre für neue Rechenzentrumsanschlüsse im Raum Dublin, die seit 2021 faktisch bestand und im Dezember 2025 endete, gilt eine nationale Anschlusspolitik der Regulierungsbehörde CRU. Neue Rechenzentren müssen Erzeugung oder Speicher in Höhe ihres maximalen Bezugs bereitstellen und mindestens 80 Prozent ihres Jahresverbrauchs durch zusätzliche irische Erneuerbare decken, mit einem Übergangszeitraum von sechs Jahren. Wer flexibel ist, kommt früher ans Netz. Wer starr ist, wartet.
Viertens: Die Lieferkette der grauen Güter wird zum Nadelöhr. Transformatoren, Schaltanlagen, Kabel, Spezialstahl und Fachpersonal sind keine Technologien, die sich in einem Quartal hochfahren lassen. Es handelt sich um Industrien mit hohen Investitionen, langen Zyklen und wenigen Anbietern. Ihre Kapazitäten wachsen nur dann, wenn Hersteller dauerhaft mit Nachfrage rechnen, und genau diese Sicherheit hat der Markt bislang selten geboten.

Das Beispiel: Irland als Labor
Irland zeigt alle vier Konsequenzen in einem einzigen Land. Das Land hat niedrige Steuern, gute Datenanbindung und ein kühles Klima, drei Gründe, warum internationale Konzerne dort investierten. Seit 2015 stieg der Stromverbrauch der Rechenzentren von etwa 1.240 Gigawattstunden auf 7.663 im Jahr 2025. Das Netz kam an seine Grenzen, der Betreiber blockierte neue Anschlüsse im Großraum Dublin, und die Regulierungsbehörde musste eine neue Logik entwickeln. Die Behörde zitiert eine Prognose des Netzbetreibers EirGrid, wonach Rechenzentren bis 2034 etwa 31 Prozent der nationalen Stromnachfrage ausmachen könnten.
Man kann das als Warnung lesen oder als Vorbild. Ich lese es als beides: Irland hat sein Problem früh erkannt, aber erst nach Jahren des Stillstands eine Antwort gefunden.

Ausblick auf die nächsten 10 bis 20 Jahre
Ich vermute, dass sich in diesem Zeitraum drei Dinge entscheiden.
Erstens, ob Genehmigungsverfahren und Netzausbau der Nachfrage hinterherkommen. Länder, die das schaffen, ziehen Investitionen an. Länder, die es nicht schaffen, verlieren sie, auch wenn sie sonst gute Bedingungen bieten.
Zweitens, ob sich flexible Anschlussmodelle durchsetzen. Wenn Verbraucher ihre Last verschieben können, entlastet das das Netz, ohne dass jede Leitung gebaut werden muss. Das ist die vielleicht günstigste Form von Kapazität.
Drittens, ob die Prognosen halten. Die Vorhersagen zum Strombedarf der KI beruhen auf Annahmen über Wachstum, Chipeffizienz und Geschäftserfolg, die niemand sicher kennt. Es ist denkbar, dass Teile des heutigen Ausbaus am Bedarf vorbeigehen. Infrastruktur wird gebaut, wenn alle an die Nachfrage glauben, und sie steht da, wenn der Glaube nachlässt. Das gilt für Eisenbahnen wie für Glasfasernetze.

Fazit
Das KI-Zeitalter hat einen unscheinbaren Engpass: Es braucht nicht zuerst bessere Software, sondern Leitungen, Umspannwerke und Zeit. Wer die Entwicklung verstehen will, tut gut daran, weniger auf Ankündigungen von Rechenleistung zu achten und mehr darauf, wie schnell ein Netz wachsen kann.
Das ist keine Anlageempfehlung, sondern eine Perspektive. Sie lädt dazu ein, bei jedem Geschäftsmodell zu fragen, auf welcher Zeitachse es sich bewegt, und ob die Infrastruktur, von der es abhängt, auf derselben Zeitachse mitwächst.




