In seiner wöchentlichen Kolumne analysiert Michael C. Jakob die großen Kräfte hinter Kapital, Technologie und geopolitischer Macht. Statt kurzfristiger Schlagzeilen stehen langfristige Entwicklungen im Fokus: neue Industrien, verschiebende Machtzentren, aufstrebende Technologien und die Frage, wie Vermögen im 21. Jahrhundert tatsächlich entsteht.
Die Kolumne richtet sich an Leser, die Märkte nicht nur beobachten, sondern verstehen wollen.
Es gibt Energiequellen, die Strom produzieren. Und es gibt Energiequellen, die Macht erzeugen.
Kernenergie gehört zur zweiten Kategorie.

Lange Zeit wurde über Atomkraft vor allem unter zwei Gesichtspunkten diskutiert: Sicherheit und Klimaschutz. In Europa ging es um Laufzeiten, Endlager und den Ausstieg. In Deutschland wurde Kernenergie über Jahre fast ausschließlich als gesellschaftspolitische Streitfrage behandelt.
Das greift inzwischen zu kurz.
Die Renaissance der Kernenergie ist längst auch eine geopolitische Geschichte.
China baut Reaktoren in einem Tempo, das der Westen kaum erreicht. Russland exportiert nicht nur Reaktoren, sondern ganze nukleare Wertschöpfungsketten. Die USA versuchen, ihre eigene nukleare Industrie wieder aufzubauen. Und Europa entdeckt, dass selbst der Ausstieg aus russischer Energieabhängigkeit bei Uran und nuklearen Brennstoffen komplizierter ist als gedacht.
Der entscheidende Punkt ist deshalb nicht nur, wie viel Kernenergie die Welt in zehn oder zwanzig Jahren produziert.
Die entscheidende Frage lautet:
Wer kontrolliert die Technologie, den Brennstoff und die Lieferketten dahinter?
Denn wer die Energieversorgung eines Landes kontrolliert, besitzt Einfluss. Wer die Technologie dafür liefert, besitzt langfristig noch mehr Einfluss.

Kernenergie erlebt gerade einen strukturellen Wandel
Die Renaissance ist real.
Nach Angaben der Internationalen Energieagentur erreichte die globale Stromerzeugung aus Kernenergie 2025 einen neuen Rekord. Weltweit waren Ende 2025 rund 420 Gigawatt Kernkraftleistung installiert. Gleichzeitig befanden sich 78 Gigawatt in 15 Ländern im Bau.
Noch interessanter ist die regionale Verteilung.
Etwa die Hälfte der weltweit im Bau befindlichen Kernkraftkapazität entfällt auf China. Allein 2025 startete China den Bau von neun neuen Reaktoren. Russland begann mit einem weiteren.
Das ist keine westliche Renaissance, die zufällig parallel in mehreren Ländern stattfindet.

Es ist eine Verschiebung des nuklearen Machtzentrums nach Asien.
China dürfte seine installierte Kernkraftkapazität bis etwa 2030 auf rund 100 Gigawatt erhöhen. Die Internationale Energieagentur erwartet zudem, dass China zwischen 2026 und 2030 für rund 40 Prozent des weltweiten Zuwachses bei der nuklearen Stromerzeugung verantwortlich sein wird.
Das ist geopolitisch relevant.
Denn Kernkraftwerke laufen nicht wie ein Smartphone vom Fließband. Ein Land, das über Jahrzehnte Kernkraft aufbaut, schafft eine langfristige technologische Beziehung zwischen Betreiber, Lieferant, Brennstoffproduzent und Staat.
Das ist Infrastruktur mit einer Lebensdauer von mehreren Jahrzehnten.
Wer heute einen Reaktor baut, beeinflusst damit die Energiepolitik eines Landes bis weit über 2050 hinaus.
China baut nicht nur Kraftwerke – es baut einen industriellen Vorsprung
China hat einen entscheidenden Vorteil: Es kann Kernenergie als Teil einer langfristigen Industriepolitik betrachten.
Während westliche Staaten über einzelne Projekte, Genehmigungen und Kosten diskutieren, hat China eine große Zahl von Reaktoren gleichzeitig in Entwicklung und Bau.
Das schafft Lerneffekte.
Ingenieure sammeln Erfahrung. Lieferketten werden aufgebaut. Komponenten werden standardisiert. Genehmigungsprozesse werden wiederholbar. Zulieferer können Skaleneffekte erzielen.
Das ist derselbe Mechanismus, der China bei Solarzellen, Batterien und vielen anderen industriellen Technologien geholfen hat.
Die einzelne Technologie ist dabei gar nicht unbedingt der entscheidende Punkt.
Entscheidend ist die Fähigkeit, eine Technologie millionenfach beziehungsweise dutzendfach zu bauen, während andere Länder noch über das erste Projekt diskutieren.
Bei Kernenergie ist dieser Effekt besonders stark, weil jedes Projekt extrem kapitalintensiv und technisch komplex ist.

Die IEA weist deshalb auf eine bemerkenswerte Entwicklung hin: Von den Reaktoren, deren Bau weltweit seit 2017 begonnen wurde, stammen fast alle Designs entweder aus China oder Russland.
Das ist keine technische Randnotiz.
Es ist ein geopolitischer Hinweis.
Russland hat einen anderen Vorteil
Russland verfolgt eine andere Strategie.
Rosatom ist nicht nur ein Reaktorhersteller. Das russische Nuklearunternehmen ist entlang großer Teile der nuklearen Wertschöpfungskette aktiv – von Reaktortechnologie über Brennstoff bis hin zu Dienstleistungen.
Damit entsteht eine besondere Form geopolitischer Abhängigkeit.
Ein Land kann theoretisch russisches Gas ersetzen.
Es kann russisches Öl ersetzen.
Bei einem Kernkraftwerk ist das wesentlich komplizierter.

Ein Reaktor wird für Jahrzehnte gebaut. Brennstoff muss spezifiziert, zugelassen und regelmäßig geliefert werden. Wartung, Ersatzteile und technisches Know-how können über lange Zeit an den ursprünglichen Anbieter gekoppelt sein.
Genau deshalb versucht die Europäische Union inzwischen, auch ihre nuklearen Abhängigkeiten von Russland zu reduzieren.
Das Problem: Die Abhängigkeit verschwindet nicht automatisch, nur weil man sie politisch reduzieren möchte.
Die Europäische Kommission weist darauf hin, dass Russland weiterhin Produkte und Dienstleistungen über verschiedene Teile des nuklearen Brennstoffkreislaufs an europäische Kunden liefert. Gleichzeitig sind westliche Kapazitäten für Konversion und Anreicherung derzeit noch begrenzt.
Das ist eine bemerkenswerte Lektion.
Energieunabhängigkeit bedeutet nicht nur, keine Pipeline mehr aus Russland zu benötigen.
Sie bedeutet, die gesamte Lieferkette kontrollieren oder zuverlässig diversifizieren zu können.

Der eigentliche Engpass liegt nicht beim Uran
Hier wird die Geschichte besonders interessant.
Wenn von Kernenergie gesprochen wird, denken die meisten Menschen an Uran.
Aber Uran allein ist nicht der entscheidende Engpass.
Das Problem liegt zunehmend in den nachgelagerten Stufen des Brennstoffkreislaufs: Konversion, Anreicherung und Brennstofffertigung.
Die IEA beschreibt den Markt als stark konzentriert. Die drei größten Länder vereinen einen sehr hohen Anteil an Uranabbau sowie an Konversions- und Anreicherungskapazitäten auf sich.
Besonders relevant ist die Urananreicherung.
Denn Natururan kann nicht einfach in einen Reaktor geladen werden. Es muss für viele Reaktortypen zunächst entsprechend aufbereitet und angereichert werden.
Damit wird aus einem Rohstoff ein strategisches Gut.
Und genau hier liegt eine der vielleicht wichtigsten geopolitischen Veränderungen der kommenden Jahrzehnte:
Die westliche Welt hat ihre Abhängigkeit von fossilen Energieträgern reduziert, könnte aber gleichzeitig neue Abhängigkeiten im nuklearen Brennstoffkreislauf aufbauen.

Das ist kein Argument gegen Kernenergie.
Es ist ein Argument dafür, Kernenergie strategisch zu denken.
Die USA haben das Problem erkannt
Auch Washington betrachtet Kernenergie inzwischen nicht mehr ausschließlich als Energiepolitik.
Im Mai 2025 ordnete die US-Regierung unter anderem an, fortgeschrittene Reaktortechnologien schneller zu entwickeln und einzusetzen. Als Gründe werden ausdrücklich nationale Sicherheit, kritische Infrastruktur und der steigende Energiebedarf von künstlicher Intelligenz genannt.
Das ist bemerkenswert.
Denn Rechenzentren sind inzwischen zu einem geopolitischen Energieproblem geworden.
Künstliche Intelligenz benötigt enorme Mengen an Strom. Gleichzeitig wollen Staaten ihre Rechenzentren, militärischen Systeme und strategischen Technologien nicht von einem Stromnetz abhängig machen, das bei Engpässen oder geopolitischen Konflikten verwundbar ist.
Kernenergie besitzt hier eine Eigenschaft, die Wind und Solar nicht in derselben Form besitzen:
Sie liefert planbare Leistung rund um die Uhr.
Das macht sie nicht automatisch zur besten Energiequelle. Aber es macht sie strategisch interessant.
Die USA versuchen deshalb parallel, ihre eigene nukleare industrielle Basis wieder aufzubauen. Dazu gehören Reaktortechnologie, Brennstoffversorgung und insbesondere neue Reaktorkonzepte.
Die Renaissance der Kernenergie ist damit Teil eines größeren Wettbewerbs:
Wer kontrolliert die Energieversorgung der nächsten Generation von KI, Industrie und militärischer Infrastruktur?
Small Modular Reactors könnten das Machtspiel verändern
Besonders interessant finde ich deshalb die Entwicklung sogenannter Small Modular Reactors, kurz SMRs.

Die Idee ist simpel:
Statt einen riesigen Reaktor individuell aufwendig vor Ort zu bauen, sollen kleinere Reaktoren stärker standardisiert und teilweise industriell gefertigt werden.
Das könnte die Ökonomie verändern.
Wenn es gelingt, Reaktoren stärker zu standardisieren, könnte Kernenergie für kleinere Stromnetze, Industrieanlagen, Rechenzentren oder abgelegene Standorte interessant werden.
Noch ist das keine bewiesene Massenmarkt-Technologie.
Die IEA weist selbst darauf hin, dass die ersten kommerziellen SMR-Projekte erst gegen Ende dieses Jahrzehnts erwartet werden und dass Finanzierung, Regulierung und technologische Umsetzung weiterhin große Herausforderungen darstellen.
Aber geopolitisch ist allein die Richtung interessant.
Denn ein Land, das einen funktionierenden SMR exportieren kann, exportiert nicht einfach Stromerzeugung.
Es exportiert eine langfristige Infrastrukturbeziehung.
Das ähnelt in gewisser Weise dem Modell, mit dem China bei Hochgeschwindigkeitszügen, Solarenergie oder Telekommunikation internationale Märkte erschlossen hat.
Technologie wird zum außenpolitischen Instrument.
Europa steht vor einem strategischen Dilemma
Europa hat dabei ein besonderes Problem.
Einerseits besitzt die Europäische Union erhebliches Know-how in der Kernenergie. Frankreich verfügt über eine der größten Nuklearflotten der Welt. Unternehmen wie EDF und Framatome gehören zu den bedeutenden Akteuren der Branche.
Andererseits hat Europa über Jahre Investitionen und industrielle Fähigkeiten in diesem Bereich zurückgefahren.
Deutschland ist das extremste Beispiel.
Mit der Abschaltung der letzten deutschen Kernkraftwerke im April 2023 endete die kommerzielle Nutzung der Kernenergie in Deutschland.
Das ist eine politische Entscheidung.
Aber geopolitische Entwicklungen halten sich nicht an politische Entscheidungen.
Während Deutschland aus der Kernenergie ausstieg, bauten China und andere Länder ihre Kapazitäten aus. Frankreich versucht, seine nukleare Flotte langfristig zu erhalten und zu erneuern. Großbritannien verfolgt neue Projekte. Polen plant erstmals eigene Kernkraftwerke.
Die Frage für Europa lautet daher nicht mehr nur:
„Wollen wir Kernenergie?“
Sie lautet:
„Wollen wir, dass andere Staaten die Technologie und Lieferketten kontrollieren, auf denen ein Teil der künftigen globalen Stromversorgung basiert?“
Das ist eine völlig andere Frage.
Kernenergie wird zum Bestandteil strategischer Autonomie
Genau hier liegt meiner Meinung nach die wichtigste Veränderung.
Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine hat Europa gelernt, dass billige Energie nicht automatisch sichere Energie ist.
Die Abhängigkeit von russischem Gas war wirtschaftlich bequem.
Bis sie geopolitisch teuer wurde.
Nun zeichnet sich bei Kernenergie ein ähnliches Muster ab.
Ein Reaktor kann über Jahrzehnte günstigen und CO₂-armen Strom liefern. Aber wenn Brennstoff, Technologie, Ersatzteile oder Know-how aus einem geopolitisch problematischen Land stammen, bleibt eine strategische Abhängigkeit bestehen.
Die Antwort kann deshalb nicht lauten:
„Kernenergie oder erneuerbare Energien.“
Die eigentliche Frage lautet:
Wie bauen Staaten ein Energiesystem, dessen kritische Komponenten sie auch in einer geopolitischen Krise kontrollieren können?

Dazu gehören Solarzellen.
Batterien.
Netze.
Transformatoren.
Gas.
Uran.
Anreicherung.
Reaktortechnologie.
Und zunehmend auch Speicher und Rechenzentren.
Energiepolitik wird damit Industriepolitik.
Und Industriepolitik wird Sicherheitspolitik.
Die Renaissance ist deshalb größer als die Atomkraft
Ich glaube, dass wir gerade einen grundlegenden Wandel beobachten.
Die Welt verabschiedet sich nicht von erneuerbaren Energien.
Im Gegenteil: Wind- und Solarenergie wachsen weiter massiv.
Aber die Vorstellung, dass die Energiewende ausschließlich aus möglichst viel Solar- und Windkraft bestehen kann, wird zunehmend durch eine pragmatischere Sicht ergänzt.
Elektrifizierung braucht enorme Mengen zuverlässigen Stroms.
Künstliche Intelligenz erhöht den Strombedarf.
Industrieprozesse werden elektrifiziert.
Rechenzentren entstehen.
Gleichzeitig wollen Staaten ihre Abhängigkeit von einzelnen Lieferanten reduzieren.
In diesem Umfeld gewinnt Kernenergie eine Eigenschaft zurück, die lange unterschätzt wurde:
strategische Verlässlichkeit.
Nicht nur als Stromquelle.
Sondern als Baustein nationaler Souveränität.
Für Anleger beginnt damit eine neue Investmentthese
Für Investoren ist diese Entwicklung interessanter, als es auf den ersten Blick scheint.
Wer nur nach Uranminen sucht, betrachtet einen kleinen Teil der Wertschöpfungskette.
Die eigentliche Renaissance betrifft einen wesentlich größeren industriellen Komplex.
Reaktorhersteller.
Ingenieurdienstleister.
Brennstofflieferanten.
Uranproduzenten.
Anreicherungsunternehmen.
Komponentenhersteller.
Netzbetreiber.
Turbinenhersteller.
Und möglicherweise eine neue Generation von Unternehmen rund um Small Modular Reactors.
Dabei sollte man allerdings nicht den Fehler machen, jede Aktie mit dem Etikett „Nuclear“ automatisch als Gewinner zu betrachten.
Kernkraftwerke sind kapitalintensive Projekte mit langen Genehmigungszeiten. Kostenüberschreitungen können erheblich sein. Neue Reaktortechnologien sind teilweise noch nicht kommerziell bewiesen.
Die strukturelle These kann richtig sein, während die Bewertung einer einzelnen Aktie trotzdem falsch ist.
Das ist für mich der entscheidende Unterschied zwischen einer Makrothese und einer Aktienanalyse.
Die neue nukleare Weltordnung
Wenn ich die Entwicklung auf eine einzige These reduzieren müsste, wäre es diese:
Kernenergie kehrt nicht einfach zurück. Sie kehrt als geopolitisches Machtinstrument zurück.
China baut Kapazität und technologische Kompetenz auf.
Russland nutzt seine Position im nuklearen Brennstoffkreislauf und als Reaktorexporteur.
Die USA versuchen, ihre technologische Führungsrolle zurückzugewinnen.
Europa versucht gleichzeitig, seine Energieversorgung zu dekarbonisieren und strategische Abhängigkeiten zu reduzieren.
Das Rennen um die Kernenergie ist deshalb kein Rennen um den Bau möglichst vieler Kraftwerke.

Es ist ein Rennen um Technologie, Lieferketten, Kapital und industrielle Kompetenz.
Und genau deshalb wird Kernenergie in den kommenden Jahrzehnten wahrscheinlich weniger wie ein klassisches Energieinvestment und mehr wie eine strategische Infrastruktur betrachtet werden.
Der entscheidende Rohstoff ist dabei nicht nur Uran.
Es ist Know-how.
Denn ein Land, das Uran importiert, kann unabhängig sein.
Ein Land, das aber nicht weiß, wie man daraus zuverlässig Energie macht, bleibt abhängig.
Die Renaissance der Kernenergie ist deshalb am Ende eine Renaissance der industriellen Fähigkeit, Energie selbst zu kontrollieren.
Und wer diese Fähigkeit besitzt, besitzt im 21. Jahrhundert etwas, das über Strom weit hinausgeht:
strategische Macht.







