07. Oktober, 2026

Education

Michael C. Jakob - der rationale Investor - Warum Klimaanpassung zum größten Kapitalmarkt des Jahrhunderts wird

Versicherer ziehen sich zurück, die Schutzlücke wächst, der Finanzbedarf übersteigt die Mittel um ein Vielfaches. Michael C. Jakob erklärt, warum Klimaanpassung zum großen Kapitalthema wird und warum Bedarf noch keine Rendite für Anleger bedeutet.

Michael C. Jakob - der rationale Investor - Warum Klimaanpassung zum größten Kapitalmarkt des Jahrhunderts wird
Warum Klimaanpassung riesigen Kapitalbedarf erzeugt, aber nicht automatisch Anlageerfolg, und welche Fragen Anleger stellen sollten.

In seiner wöchentlichen Kolumne analysiert Michael C. Jakob die großen Kräfte hinter Kapital, Technologie und geopolitischer Macht. Statt kurzfristiger Schlagzeilen stehen langfristige Entwicklungen im Fokus: neue Industrien, verschiebende Machtzentren, aufstrebende Technologien und die Frage, wie Vermögen im 21. Jahrhundert tatsächlich entsteht.

Die Kolumne richtet sich an Leser, die Märkte nicht nur beobachten, sondern verstehen wollen.

Der Versicherer State Farm teilte in Kalifornien mit, dass er in den vergangenen neun Jahren für jeden eingenommenen Prämiendollar 1,26 Dollar ausgezahlt hat, in Summe ein Verlust von mehr als fünf Milliarden Dollar in diesem einen Bundesstaat. Die Brände von Los Angeles im Januar 2025 schlugen allein mit geschätzten 7,6 Milliarden Dollar zu Buche. Ein Unternehmen, das Risiken bepreist, kam zu dem Schluss, dass der Preis nicht mehr zum Risiko passt. Der Staat hielt die Prämien nach den Regeln der Proposition 103 niedrig, der Versicherer reduzierte sein Angebot.

Michael C. Jakob – Der rationale Investor: In seiner Kolumne analysiert er, wie sich Kapital, Macht und Technologie neu ordnen – und warum die Welt auf zwei Finanzsysteme zusteuert.

Das ist kein Randphänomen eines einzelnen Bundesstaats. Es zeigt, wie sich Klimarisiken in Bilanzen, Preisen und Verfügbarkeiten niederschlagen, lange bevor irgendeine Temperaturkurve politisch ausdiskutiert ist.

Die These

Die Debatte über den Klimawandel drehte sich zwei Jahrzehnte lang um Vermeidung: Emissionen senken, Energie umbauen, Technologien fördern. Dieser Markt ist groß und bekannt. Daneben wächst ein zweiter, der weniger Aufmerksamkeit bekommt: Die Anpassung an Folgen, die sich nicht mehr vermeiden lassen. Deiche, Wasserinfrastruktur, hitzefeste Stromnetze, widerstandsfähige Gebäude, Frühwarnsysteme, Landwirtschaft, die mit Dürre und Starkregen umgehen kann, und vor allem die Finanzierung und Versicherung all dessen.

Michael C. Jakob — Investor, Gründer AlleAktien & Eulerpool
Michael C. Jakob: Investor, Gründer und CIO des Hedgefonds Atlas Capital, Gründer von AlleAktien und Eulerpool. MIT, McKinsey, UBS. 26,8 % p.a. seit 2010.

Meine These lautet: Der Bedarf an Anpassung ist so groß und so breit verteilt, dass er über Jahrzehnte zu einem der größten Kapitalbedarfe der Wirtschaftsgeschichte werden kann. Ob daraus ein Markt im Sinne rentabler Investitionen wird, ist eine andere Frage. Genau diese Differenz zwischen Bedarf und zahlender Nachfrage ist das, worüber Anleger nachdenken sollten.

Was die Zahlen zeigen

Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) beziffert den jährlichen Finanzbedarf der Entwicklungsländer für Anpassung bis 2035 auf 310 Milliarden Dollar bei modellierten Kosten, auf 365 Milliarden Dollar bei Hochrechnung aus den nationalen Plänen. Die internationalen öffentlichen Mittel lagen 2023 bei rund 26 Milliarden Dollar, nach 28 Milliarden im Jahr davor. Der Bedarf ist demnach das Zwölf- bis Vierzehnfache der aktuellen Zahlungen. Das Glasgower Ziel, die Anpassungsfinanzierung bis 2025 gegenüber 2019 zu verdoppeln, wird nach dem Bericht verfehlt.

Die Schäden, die Anpassung verhindern soll, sind schon sichtbar. Nach Daten der Munich Re beliefen sich die globalen Naturkatastrophenschäden 2025 auf 224 Milliarden Dollar, davon waren rund 108 Milliarden versichert. Gut die Hälfte blieb ungedeckt. Der Swiss Re Institute beziffert die Schutzlücke, also die unversicherten Schäden, für 2025 auf 424 Milliarden Dollar, sieben Prozent mehr als im Vorjahr. Die beiden Häuser rechnen mit unterschiedlichen Abgrenzungen, die Größenordnung ist dieselbe. Swiss Re erwartet, dass die versicherten Schäden bis 2030 auf rund 186 Milliarden Dollar steigen, nach etwa 107 Milliarden 2025. Wohlgemerkt: Ein Teil dieses Anstiegs geht auf mehr und teurere Güter in gefährdeten Lagen zurück, nicht allein auf das Wetter. Die Abgrenzung ist wichtig, und seriöse Studien weisen sie aus.

VID – Verbraucherschutz Institut Deutschland
Unabhängige Prüfung und Zertifizierung von Produkten, Dienstleistungen und Unternehmen nach DVN-Normen.

Vier strategische Konsequenzen

Erstens: Risiko wird zur Preisfrage, und der Preis wird zum Signal. Wenn Versicherer sich aus Regionen zurückziehen oder Prämien anheben, ist das die Version der Marktwirtschaft, in der Klimarisiken erstmals in Zahlen auftauchen. Wo Preise politisch gedeckelt werden, wie in Kalifornien, verschiebt sich das Risiko vom Versicherer auf Staatsfonds und am Ende auf den Steuerzahler. Für Immobilienwerte und Kommunalfinanzen ist das eine unterschätzte Größe.

Zweitens: Der öffentliche Sektor bleibt der Hauptfinanzier, und er ist knapp bei Kasse. Der größte Teil der Anpassung betrifft Infrastruktur ohne direkten Ertragsstrom: Deiche und Entwässerung erzeugen keine Rechnung an Endkunden. Die Lücke zwischen UNEP-Bedarf und tatsächlichen Mitteln zeigt, wie weit Bedarf und zahlungsfähige Nachfrage auseinanderliegen. Die Folge ist ein Markt, in dem öffentliche Haushalte, Entwicklungsbanken und private Kapitalgeber neue Mischformen entwickeln müssen.

Onecoin: Zehn Millionen Euro für Betrugsopfer
Ermittlern gelingt der Verkauf zweier Londoner Wohnungen von Onecoin-Betrügerin Ruja Ignatova. Doch nur etwa 17.000 der Geschädigten haben überhaupt Anspruch, und sie müssen binnen sechs Monaten selbst aktiv werden.

Drittens: Wo ein Ertragsstrom existiert, wird er verteilt, nicht erfunden. Wasserversorger, Netzbetreiber, Bauunternehmen, Spezialisten für Messtechnik und Modellierung, Rückversicherer: In diesen Bereichen lässt sich Nachfrage in Aufträge und Preise übersetzen. Die Global Commission on Adaptation, geleitet unter anderem von Ban Ki-moon, Bill Gates und Kristalina Georgieva, schätzte 2019 den Nutzen von 1,8 Billionen Dollar Anpassungsinvestitionen bis 2030 auf 7,1 Billionen Dollar netto, mit Nutzen-Kosten-Verhältnissen von 2:1 bis 10:1. Das ist eine Schätzung einer interessierten Kommission, keine Renditeprognose. Gesellschaftlicher Nutzen fließt selten als Gewinn zu einem Unternehmen zurück.

Viertens: Die Unterscheidung zwischen Thema und Geschäftsmodell wird entscheidend. „Klimaanpassung" als Etikett sagt wenig. Ein Unternehmen mit Preissetzungsmacht und wiederkehrenden Erlösen aus Wasser- oder Netzinfrastruktur ist etwas anderes als ein Zulieferer, der von einmaligen Förderprogrammen abhängt. Bei jedem Thema, das große Summen verspricht, lohnt sich die Frage: Wer zahlt, wie verlässlich, und wie lange?

Ein Beispiel: Singapur und die Planung auf 2100

Wie ein Staat vorgeht, der Anpassung als Daueraufgabe versteht, zeigt Singapur. Die Behörde PUB nennt als Grundlage einen möglichen Anstieg des mittleren Meeresspiegels um bis zu 1,15 Meter bis 2100, etwa zwei Meter bis 2150. Rund 30 Prozent der Landesfläche liegen weniger als fünf Meter über dem Meeresspiegel. Der Coastal and Flood Protection Fund wurde im Haushalt 2025 um fünf Milliarden Singapur-Dollar aufgestockt, Standortstudien beginnen 2026, die Bauarbeiten sollen nach den Planungen ab den 2030er-Jahren starten. Das Muster: frühe Finanzierung, lange Planung, gesetzlicher Rahmen. Eine kleine, reiche Stadt kann das. Die Staaten, in denen der Bedarf am größten ist, können es meist nicht.

Verbraucherzentrale Finanzen und Versicherungen — Unabhängiger Verbraucherschutz
Verbraucherzentrale Finanzen und Versicherungen — Unabhängiger Verbraucherschutz für Geldanlage, Versicherungen und Finanzen in Deutschland. Testberichte, Erfahrungen und Ratgeber zu Finanzprodukten, Aktienanalysen und Versicherungen.

Ausblick: Die nächsten zehn bis zwanzig Jahre

Mehrere Entwicklungen sind absehbar. Der Anpassungsbedarf wächst mit jedem Jahr, in dem die Vermeidung nicht ausreicht, und die Ausgaben der Staaten werden sich von Reparatur auf Vorsorge verschieben müssen, weil Vorsorge in der Regel günstiger ist als Wiederaufbau. Versicherungsmärkte werden stärker differenzieren, nach Region, nach Gebäudestandard, nach nachgewiesener Vorsorge. Neue Instrumente wie Katastrophenanleihen oder öffentlich-private Fonds dürften an Bedeutung gewinnen. Und die Frage, wer für Anpassung in ärmeren Ländern zahlt, bleibt politisch umkämpft.

Eine Prognose, wie viel davon am Ende Gewinne für Unternehmen bedeutet, wäre unseriös. Die Geschichte großer Infrastruktur-Zyklen, von Eisenbahnen bis Glasfaser, zeigt, dass gesellschaftlicher Bedarf und Anlegerrendite oft auseinanderfallen: Der Nutzen entsteht für die Volkswirtschaft, die Verluste entstehen bei denen, die zu früh oder zu teuer eingestiegen sind.

Für Anleger bleibt deshalb eine nüchterne Haltung. Klimaanpassung ist ein Thema, das man ernst nehmen sollte, weil es Bilanzen, Immobilienwerte, Staatsfinanzen und Versicherungspreise verändert. Wer daraus Anlageentscheidungen ableitet, sollte nach dem einzelnen Geschäftsmodell fragen und nicht nach der Größe der Erzählung. Der Bedarf ist groß. Wer ihn bezahlt, ist die eigentliche Frage des Jahrhunderts.