Der Schock am frühen Vormittag hätte kaum heftiger ausfallen können, als die Zahlen aus der Konzernzentrale in Leinfelden-Echterdingen über die Ticker liefen. Was sich in den vergangenen Monaten bereits als düsteres Omen am Horizont abgezeichnet hatte, ist nun bittere Realität: Daimler Truck verbrennt Rendite in einem Tempo, das selbst hartgesottene Analysten zusammenzucken lässt. Das Konzernergebnis stürzte von stolzen 749 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum auf klägliche 149 Millionen Euro ab. Ein Minus von 80 Prozent ist in der Industrie kein normales Quartalstief mehr, es ist ein Alarmzeichen der Stufe Rot.
Die Fassade des Dax-Giganten bröckelt massiv, und der Blick in die Bilanz offenbart ein Trümmerfeld in jener Region, die jahrelang als unantastbare Goldesel-Garantie galt: Nordamerika. Dass der wichtigste Markt des Konzerns derart wegbricht, entzieht dem Unternehmen die notwendige Liquidität für die ohnehin kostspielige Transformation hin zu emissionsfreien Antrieben. In Stuttgart herrscht Krisenstimmung, auch wenn man nach außen hin versucht, Optimismus zu verbreiten.
Die Strafzoll Peitsche aus Washington trifft das Markzentrum des Konzerns mit voller Wucht
Lange Zeit war die Strategie klar und profitabel. In Mexiko ließ Daimler Truck für die US-Traditionsmarke Freightliner produzieren, um von den niedrigen Lohnkosten zu profitieren und den US-Markt effizient zu bedienen. Doch dieses Modell wird nun zum Bumerang. Die aggressive Zollpolitik der US-Regierung unter Donald Trump wirkt wie ein Gift für die Lieferketten. Die Einfuhrzölle gegenüber Mexiko fressen die Margen auf, noch bevor der erste Reifen amerikanischen Boden berührt.

In der einstigen Vorzeigeregion Nordamerika verdiente der Konzern nur noch 209 Millionen Euro – ein ruinöser Rückgang um 73 Prozent. Wenn der Absatz um ein Viertel und der Umsatz um fast 30 Prozent einbricht, dann ist das keine Marktschwankung, sondern ein strukturelles Problem. Die Speditionen in den USA halten ihr Geld zusammen, die Flotten werden nicht mehr im gewohnten Rhythmus erneuert. Der US-Logistiksektor befindet sich in einer Schockstarre, die Daimler Truck direkt ins Mark trifft.
Ein radikaler Sparkurs soll den drohenden Absturz in die Bedeutungslosigkeit verhindern
Karin Rådström, die Vorstandsvorsitzende von Daimler Truck, steht vor der Mammutaufgabe, einen Tanker zu wenden, der bereits gefährliche Schlagseite hat. Ihr wichtigstes Instrument ist das Sparprogramm „Cost Down Europe“. Es ist ein klinischer Name für eine Rosskur, die vor allem die deutschen Standorte schmerzhaft zu spüren bekommen werden. Bis zum Jahr 2030 sollen die Fixkosten auf dem Heimatkontinent um mehr als eine Milliarde Euro gedrückt werden.
Für die Belegschaft bedeutet dieser Plan nichts Gutes. Allein in Deutschland sollen rund 5.000 Arbeitsplätze gestrichen werden. Besonders die Kernmarke Mercedes-Benz steht im Fokus der Kürzungen. Es ist ein schmerzhafter Aderlass, der die Innovationskraft des Unternehmens schwächen könnte, während die Konkurrenz aus China und Tesla mit dem Semi-Truck bereits an der Überholspur ansetzt. Die Frage bleibt, ob man sich gesund sparen kann, wenn gleichzeitig die Einnahmeseite derart erodiert.
Hoffnungsschimmer oder reine Zweckoptimismus in der Teppichetage von Stuttgart
„Wir sind gut aufgestellt, um im weiteren Jahresverlauf trotz eines herausfordernden ersten Quartals weitere Verbesserungen zu erzielen“, lässt sich Karin Rådström zitieren. Es sind die typischen Durchhalteparolen einer Top-Managerin, die den Aktienkurs stabilisieren muss. Tatsächlich klammert sich die Führungsebene an einen einzigen Strohhalm: Den Auftragseingang. Dieser sei in Nordamerika um 86 Prozent gegenüber dem Vorjahresturnus gestiegen.
Doch Aufträge auf dem Papier sind noch keine verkauften Lastwagen auf der Straße. „Diese Dynamik dürfte sich in den kommenden Quartalen positiv auf unsere Geschäftsentwicklung auswirken“, hofft Rådström. Es ist ein Spiel auf Zeit. Sollte die Belebung des US-Marktes ausbleiben oder die geopolitischen Spannungen weiter zunehmen, könnte das aktuelle Quartal erst der Anfang eines langen Abstiegs gewesen sein. Die Investoren bleiben skeptisch, denn ein 80-Prozent-Einbruch lässt sich nicht mit ein paar neuen Bestellungen wegdiskutieren.
Der Druck auf das Management wächst täglich. Daimler Truck muss beweisen, dass die Abspaltung von der Pkw-Sparte vor einigen Jahren der richtige Schritt war. Ohne das finanzielle Polster des Luxussegments steht der Nutzfahrzeugbauer nun nackt im Sturm des Weltmarktes. Die kommenden Monate werden zeigen, ob der Stern auf dem Kühlergrill noch genug Strahlkraft besitzt, um diese Zerreißprobe zu überstehen.
Ein Konzern, der seine profitabelsten Märkte verliert und gleichzeitig tausende Stellen streichen muss, steht am Scheideweg zwischen Neuanfang und schleichendem Niedergang.
