Der amerikanische Arzneimittel-Gigant Merck & Co befindet sich in einem bizarren Zustand zwischen Euphorie und finanziellem Siechtum. Am Donnerstagmorgen präsentierte der Konzern seine Zahlen für das erste Quartal und lieferte damit ein wirtschaftliches Paradoxon ab, das selbst erfahrene Analysten staunen lässt. Während der Umsatz auf beeindruckende 16,3 Milliarden Dollar kletterte und damit alle Prognosen der Wall Street hinter sich ließ, prangt am Ende der Bilanz ein tiefrotes Minus. Der Grund für diesen Absturz ist kein operativer Misserfolg, sondern ein milliardenschwerer Hunger nach Zukäufen, der nun seinen Tribut fordert.
Die Konzernführung musste einräumen, dass Merck & Co in die Verlustzone gerutscht ist. Verantwortlich dafür ist eine massive Belastung im Zusammenhang mit der Übernahme der Biotechfirma Cidara Therapeutics. Es ist die klassische Geschichte eines Branchenprimus, der sich im Kampf um künftige Patente und Wirkstoffe finanziell übernimmt. Merck hat Milliarden in die Hand genommen, um sich technologische Expertise einzukaufen, doch die sofortige Abschreibung dieser Investition hat die Gewinne des ersten Quartals komplett aufgefressen. In den Glaspalästen von Rahway, New Jersey, wird nun debattiert, ob der Preis für die Zukunft nicht zu hoch war.

Das Krebsmedikament Keytruda bleibt der einzige Rettungsanker gegen den totalen Niedergang
Dass Merck überhaupt noch handlungsfähig bleibt, verdankt der Konzern einer einzigen Substanz, die mittlerweile den gesamten Weltmarkt dominiert. Keytruda, das Krebsmedikament, das als weltweit meistverkauftes verschreibungspflichtiges Präparat gilt, erwies sich erneut als die ultimative Cash-Machine. Der Umsatz mit diesem Blockbuster kletterte um zwölf Prozent auf die astronomische Summe von acht Milliarden Dollar. Fast jeder zweite Dollar, den Merck einnimmt, stammt mittlerweile aus der Krebstherapie. Diese extreme Abhängigkeit von einem einzigen Wirkstoff ist Segen und Fluch zugleich, da sie den Konzern bei Patentabläufen extrem verwundbar macht.
Doch Keytruda ist nicht der einzige Hoffnungsträger in einem Portfolio, das ansonsten mit massiven Problemen zu kämpfen hat. Das Lungenmedikament Winrevair zeigt eine starke Dynamik und auch die Tiergesundheitssparte trägt stabil zum Wachstum bei. Diese Erfolge können jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass das operative Fundament an anderen Stellen gefährlich bröckelt. Ohne das Krebs-Wunder würde Merck angesichts der aktuellen Belastungen vor einem industriellen Trümmerhaufen stehen. Die Führungsebene setzt alles auf eine Karte, während sie gleichzeitig versucht, die Löcher in der Bilanz mit neuen Schulden und aggressiven Zukäufen zu stopfen.
Nachahmerprodukte vernichten das einstige Kerngeschäft mit Diabetes und Impfstoffen
Während Merck in der Onkologie triumphiert, brennen an anderen Fronten lichterloh die Feuer. Einstige Umsatzgaranten wie das Diabetes-Mittel Januvia und der HPV-Impfstoff Gardasil befinden sich im freien Fall. Der Grund ist so simpel wie brutal: Der Wettbewerb durch billige Nachahmerprodukte, sogenannte Generika, zerstört die Margen in Rekordtempo. Besonders Gardasil, das über Jahre hinweg eine monopolähnliche Stellung genoss, verliert massiv an Boden. In China und Europa drängen Konkurrenten auf den Markt, die das gleiche Schutzniveau zu einem Bruchteil des Preises anbieten.
Die Erosion dieser klassischen Sparten zwingt Merck zu einer Flucht nach vorn. Da man mit herkömmlichen Medikamenten gegen die Billigkonkurrenz aus Asien keine Chance mehr hat, muss der Konzern in hochkomplexe Nischen flüchten. Die Übernahme von Cidara Therapeutics war genau dieser Logik geschuldet. Merck kauft sich Zeit und Patente, um den Verlust der alten Marktmacht auszugleichen. Dass dies im ersten Quartal zu einem Verlustgeschäft führte, nimmt die Konzernführung billigend in Kauf – ein riskantes Manöver, das die Geduld der Aktionäre auf eine harte Probe stellt.

Die optimistische Jahresprognose wirkt wie eine Flucht in den Zweckoptimismus
Trotz des aktuellen Milliardenverlusts gibt sich die Konzernspitze für das restliche Jahr überraschend kämpferisch. In einer Mitteilung hieß es, Merck sei für das Gesamtjahr zuversichtlicher denn je. Die Prognose wurde sogar leicht nach oben korrigiert. Man rechnet nun mit einem Gewinn zwischen 5,04 und 5,16 Dollar je Aktie. Der Gesamtumsatz soll bis zum Jahresende die Marke von 67 Milliarden Dollar erreichen. Es ist die Flucht in den Zweckoptimismus, um die Nervosität an der Wall Street zu beruhigen und den Fokus weg von den aktuellen roten Zahlen zu lenken.
Diese Zuversicht stützt sich vor allem auf die Hoffnung, dass die Einmaleffekte der Übernahmen im zweiten Halbjahr verdaut sind und die neuen Medikamente schneller als erwartet Marktreife erlangen. Doch das Umfeld bleibt giftig. Steigende Forschungs- und Entwicklungskosten sowie der politische Druck auf die Medikamentenpreise in den USA lassen wenig Raum für Fehler. Merck operiert am Limit seiner finanziellen Möglichkeiten. Der Konzern wandelt auf einem schmalen Grat zwischen dem Aufstieg zum unangefochtenen Onkologie-Kaiser und einem finanziellen Kollaps durch überteuerte Zukäufe.
Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass selbst die erfolgreichste Medizin der Welt einen Konzern nicht vor den harten Gesetzen der Betriebswirtschaft schützen kann. Merck hat gewonnen, indem es Krebs bekämpft, aber es verliert derzeit den Kampf gegen die eigene Bilanz. Der Milliarden-Verlust des ersten Quartals ist ein Mahnmal dafür, dass Größe allein keine Garantie für Stabilität ist.