Die Europäische Zentralbank (EZB) hat beschlossen, die Leitzinsen im Euroraum trotz einer kürzlich gesunkenen Inflation unverändert zu lassen. Unter der Führung von EZB-Präsidentin Christine Lagarde bleibt der Leitzins, zu dem Banken frisches Geld bei der Notenbank aufnehmen können, bei 4,25 Prozent. Der Einlagenzins, den Banken erhalten, wenn sie überschüssiges Geld bei der EZB parken, verbleibt bei 3,75 Prozent.
Diese Entscheidung unterstreicht die vorsichtige Haltung der EZB, die ihre Geldpolitik nicht abrupt lockern möchte. Viele Ökonomen gehen jedoch davon aus, dass die Zinsen bei der nächsten Sitzung Mitte September gesenkt werden könnten. Lagarde betonte, dass zukünftige Zinsentscheidungen stark von den aktuellen Konjunkturdaten abhängig gemacht werden und von Sitzung zu Sitzung entschieden werde.
Lagarde wies zudem auf den noch immer hohen Preisdruck hin, der dazu führe, dass die Gesamtinflation im Euroraum bis weit ins nächste Jahr über dem Zielwert bleiben dürfte. Gleichzeitig erwarteten die Währungshüter einen Rückgang des Lohnwachstums im Jahresverlauf sowie konjunkturelle Risiken, da das Wirtschaftswachstum der Eurozone im zweiten Quartal wahrscheinlich langsamer gewesen sei als im ersten.
Der russische Angriff auf die Ukraine hatte die Inflation auf Rekordhöhen getrieben, was die EZB seit Juli 2022 zu zehn Zinserhöhungen zwang. Erst im Juni 2023 senkte die EZB die Zinsen zum ersten Mal seit Beginn der Inflationswelle um 0,25 Prozentpunkte.
Die EZB befindet sich in einem Dilemma: Hohe Zinsen bremsen zwar die Nachfrage und bekämpfen die Inflation, belasten jedoch gleichzeitig Wirtschaft und Privatleute, die Kredite aufnehmen. Eine zu schnelle Zinssenkung könnte hingegen die Inflation wieder anheizen. Heiner Herkenhoff vom Bankenverband betonte die Notwendigkeit eines besonnenen Vorgehens der EZB bei der nächsten Zinsentscheidung im September.
Die Inflation im Währungsraum hatte sich zuletzt abgeschwächt und fiel im Juni auf 2,5 Prozent. Ökonomen beobachten jedoch besorgt die stagnierende Kerninflation, die im Juni bei 2,9 Prozent verharrte.
Einige Ökonomen, darunter Jörg Krämer von der Commerzbank, kritisieren die Zinswende der EZB als verfrüht. Krämer erwartet, dass die EZB im September die Zinsen senkt, sofern die Inflationsdaten dies zulassen, und weitere Schritte im Dezember und März 2024 folgen könnten. Ulrich Kater von der DekaBank hält ebenfalls eine Zinssenkung im September für wahrscheinlich und rechnet mit sinkenden kurzfristigen und langfristigen Zinsen in den kommenden Quartalen.
Die jüngste Zinssenkung haben Sparer bereits bei ihrer Bank bemerkt. Eine Analyse von Verivox zeigt, dass die Tagesgeldzinsen von 1,72 Prozent Anfang Juni auf 1,69 Prozent Mitte Juli fielen. Bei Sparkassen und regionalen Genossenschaftsbanken lagen die Tagesgeldzinsen mit 0,62 Prozent bzw. 0,64 Prozent deutlich niedriger.
Für Kreditnehmer sieht die Lage weniger positiv aus – Baufinanzierungen sind trotz leichten Rückgangs im Herbst weiterhin auf hohem Niveau. Dies dürfte in den kommenden Wochen unverändert bleiben, erwartet die FMH-Finanzberatung.