Preisdruck bleibt trotz Entspannung am Persischen Golf
Die partielle Öffnung der Straße von Hormus nach monatelanten Spannungen im Nahost-Konflikt hat die Energiemärkte entspannt – doch Frank Smets von der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) warnt vor falscher Entwarnung. Der renommierte Ökonom betont, dass die Reduktion von Lieferketten-Risiken nicht automatisch zu sinkenden Inflationsraten führt. Strukturelle Preisdrücke in der Weltwirtschaft seien hartnäckiger als eine bloße Normalisierung von Ölrouten sie auflösen könne. Diese Einschätzung steht im Kontext einer Zentralbank, die kontinuierlich die hartnäckige Inflation in entwickelten Volkswirtschaften analysiert.

Smets argumentiert, dass die Öffnung der strategischen Wasserstraße zwar kurzfristig Entspannung bringt, jedoch nicht die fundamentalen Inflationstreiber adressiert. Energieknappheit war nur eine Facette der post-pandemischen Preisdynamik. Versorgungsketten-Störungen, Arbeitskräftemangel und geopolitische Fragmentierung würden weiterhin Druck auf Preise ausüben. Die BIZ, als Dachorganisation der Zentralbanken weltweit, verfolgt diese Entwicklungen mit großer Aufmerksamkeit, da persistente Inflation die Glaubwürdigkeit der Geldpolitik gefährdet.
Staatsschulden: Das eigentliche Pulverfass der Weltwirtschaft
Während Medien und Märkte sich auf Nahost-Spannungen konzentrieren, identifiziert Smets ein viel größeres Risiko: die explodierenden Staatsschulden in entwickelten Ländern. Nach Jahren von Fiskal-Stimulus während Corona und fortgesetzten hohen Defiziten haben Länder wie die USA, Großbritannien und große EU-Länder Schuldenstände erreicht, die den Spielraum für künftige Krisen einengen. Die BIZ warnt seit Jahren vor diesem Szenario, doch die politischen Reaktionen blieben bislang begrenzt. Smets deutet an, dass eine Schuldenkrise nicht plötzlich ausbricht, sondern sich durch steigende Zinslasten und Refinanzierungsprobleme ankündigt.

Die Kombination aus hohen Schuldenquoten und erhöhten Zinsniveaus (als Reaktion auf Inflation) erzeugt einen Teufelskreis: Staaten müssen mehr für Schuldendienste aufwenden, können weniger in Infrastruktur und Bildung investieren und verlieren mittelfristig an Wettbewerbsfähigkeit. Smets warnt insbesondere vor asymmetrischen Risiken – während einige Länder noch Refinanzierungsspielraum haben, könnten andere unter Marktstress schnell in Bedrängnis geraten. Dies hätte Spill-over-Effekte auf globale Finanzmärkte.
Stablecoins als Geldersatz: Regulatorische Zeitbombe?
Ein weiteres Thema, das Smets aufgreift, ist der Aufstieg von Stablecoins als quasi-Geld in der digitalen Ökonomie. Diese an klassische Währungen oder Rohstoffe gebundenen Kryptowährungen gewinnen in Schwellenländern und im grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr an Bedeutung. Für die BIZ ist dies ein wichtiges Monitoren-Feld, da Stablecoins das traditionelle Währungssystem umgehen und zentrale Banken von Geldpolitik-Instrumenten berauben könnten. Smets deutet an, dass fehlende Regulierung ein erhebliches Systemrisiko darstellt.
Die Implikationen sind weitreichend: Wenn Stablecoins als Zahlungsmittel dominieren würden, hätten nationale Zentralbanken weniger Kontrolle über Geldmenge und Inflation. Schwellenländer könnten stärker der US-Dollar-Dominanz ausgesetzt sein, da viele Stablecoins auf den Dollar lauten. Smets plädiert implizit dafür, dass Regulatoren schnell handeln müssen, um das System zu stabilisieren, bevor Stablecoins zu systemisch wichtig werden, um reguliert zu werden.

Was bedeutet das für Investoren und Zentralbanken?
Smets' Warnung hat klare Implikationen: Die nächste große Krise wird nicht primär aus Rohstoffmangel kommen, sondern aus fischalischer Instabilität und geldpolitischen Widersprüchen. Zentralbanken befinden sich in einem Dilemma – müssen sie Zinsen noch erhöhen, um Inflation zu bekämpfen, riskieren sie Staatsanleihen-Krisen. Halten sie inne, bleibt Inflation hartnäckig. Investoren sollten ihre Portfolios entsprechend diversifizieren und nicht nur Geopolitik, sondern auch Schuldendynamiken im Auge behalten. Die nächsten zwei bis drei Jahre werden zeigen, ob globale Regierungen die Schuldentrajektorie korrigieren oder ob Märkte diese Korrektur erzwingen.

