Wer vor zwei Jahren 10.000 Dollar in Rocket Lab investierte, besitzt heute knapp 400.000 Dollar. Fast 3.900 Prozent Kursgewinn in 24 Monaten. In Internetforen tauschen sich Kleinanleger aus, die damit zu Millionären wurden. Und Peter Beck — Sir Peter Beck, auch wenn er darauf pfeift — sagt, das sei erst der Anfang.
Beck kommt aus Invercargill, einer verschlafenen Stadt am Südzipfel von Neuseelands Südinsel. Er wollte zur NASA, aber als Ausländer kam er nicht rein. Also lernte er Werkzeugmacher, baute Raketen im Hinterhof, rasete auf einem Fahrrad mit Raketenantrieb über 140 Stundenkilometer durch die Gegend — und gründete 2006 Rocket Lab. Heute beschäftigt das Unternehmen mehr als 3.000 Mitarbeiter auf drei Kontinenten und hat 88 Raketenstarts absolviert, 84 davon erfolgreich.
Kein privates Raumfahrtunternehmen außer SpaceX hat das je geschafft.

Beck ist das Gegenteil von Musk — und das ist sein größter Vorteil
Elon Musk baut Raketen mit Explosionen, Ankündigungen und politischen Kontroversen. Peter Beck baut Raketen, die fliegen. „Bei mir gibt es kein Drama. Und weniger Politik", sagt Beck. Er mische sich in keine Themen außerhalb von Rocket Lab ein. Sein Stil ist der eines deutschen Ingenieurs — kein Zufall, denn sein Großvater väterlicherseits kam aus Deutschland. „Rocket Lab ist bekannt für schöne Hardware, die funktioniert. Das ist wohl der deutsche Teil von mir."
Der Unterschied ist auch finanzieller Natur. SpaceX hat praktisch unbegrenzten Zugang zu Kapital und kann sich spektakuläre Testexplosionen leisten. Beck nicht. „Wenn wir eine Rakete auf den Startplatz stellen, erwarten wir, dass sie funktioniert." Diese Disziplin ist keine Bescheidenheit — sie ist Überlebensstrategie und Qualitätsmerkmal zugleich. Über 140 kleine Raketenfirmen sind in den vergangenen Jahren gekommen und gegangen. Rocket Lab hat sie alle überlebt.
Die Fabrik in Long Beach ist ein Gegenentwurf zur Branche
Im Werk in Long Beach, einem Vorort von Los Angeles, montieren Techniker Satelliten Panel für Panel, testen Bauteile in Vakuumkammern und drucken Raketentriebwerke auf 3D-Druckern, die so groß wie Kleintransporter sind. Die Maschinen stammen von SLM Solutions aus Lübeck.
„Als wir angefangen haben, dachten die Leute, wir seien verrückt", sagt Myles Keefer, Chef der Triebwerksproduktion. „Heute können wir einen kompletten Raketenmotor in acht Tagen drucken."
Rund 200 Millionen Dollar hat Rocket Lab in die Triebwerksentwicklung in Long Beach investiert. Mehr als 1.000 Rutherford-Triebwerke wurden bisher gebaut, aktuell rund 350 pro Jahr. Für die neue Neutron-Rakete laufen die Archimedes-Triebwerke bereits in Entwicklung.
Was Rocket Lab von Wettbewerbern abhebt, ist dabei nicht nur die Raketentechnologie. Zwei Drittel des Umsatzes stammen bereits aus dem Bereich Space Systems — Satelliten, Solarpanels, Antriebssysteme, Funkmodule, Separationsmechanismen. 2026 will das Unternehmen mehr als 3.000 Reaktionsräder produzieren, ein System für die Lagesteuerung von Satelliten im All. Das Ziel hinter dieser vertikalen Integration ist klar: Wer alles selbst baut, hat kürzere Lieferketten, schnellere Problemlösungen und höhere Margen
Die Neutron-Rakete ist die größte Wette der Firmengeschichte
Becks dritter Masterplan-Baustein ist auch der riskanteste. Die Neutron ist 42 Meter hoch, sieben Meter breit, trägt 13 Tonnen Nutzlast und soll direkt mit SpaceXs Falcon 9 konkurrieren — dem meistgeflogenen Träger der Welt. Das klingt nach Hybris. Beck sieht es pragmatisch: „Wir können nicht einfach etwas bauen, das genauso gut ist wie das, was es schon gibt. Es muss besser sein."
Die Neutron ist vollständig aus Karbonfaser gefertigt, großteils wiederverwendbar und verzichtet auf klassische Starttürme. Ihr sogenanntes Hungry-Hippo-Design öffnet die Raketennase, stößt die Nutzlast aus und schließt sich wieder — für schnellere Wiederverwendung. Im Januar riss ein Tank im Testbetrieb. Das klingt schlimmer als es war: Der Tank war mit Wasser gefüllt, kein Treibstoff, keine Explosion, keine zerstörte Startrampe — anders als zuletzt bei Blue Origin. Im vierten Quartal 2026 soll die Neutron erstmals abheben.
Der SpaceX-Börsengang könnte Rocket Lab beflügeln
Investor und Analyst treiben sich bei Rocket Lab dieselbe Frage um: Was passiert, wenn SpaceX mit einer angestrebten Bewertung von 1,77 Billionen Dollar an die Börse geht? Beck selbst sieht es als Vorteil. „Es setzt einen Vergleichswert im Markt. Anleger werden Rocket Lab und SpaceX nebeneinanderlegen und die Kennzahlen vergleichen. Das ist tendenziell gut für uns."
Pitchbook-Analyst Ali Javaheri spricht von einem Halo-Effekt: SpaceX wirkt wie ein Scheinwerfer, der das Interesse eines breiteren Anlegerkreises auf den gesamten Raumfahrtsektor lenkt — und damit auch Kapital zu Unternehmen wie Rocket Lab zieht. Kritischer ist Kollege Franco Granda. Rocket Lab bringe Raketen tatsächlich ins All, was nicht selbstverständlich sei. Bei der Wiederverwendbarkeit bestehe aber Nachholbedarf. Und sollte die Blase rund um SpaceX platzen, dürften Schockwellen den gesamten Sektor erfassen.

Europa ist das nächste Expansionsziel
Rocket Lab hat zuletzt für 155 Millionen Dollar Mynaric übernommen — einen deutschen Hersteller von Laserkommunikationsterminals für Satelliten aus dem Münchner Umland. Es ist die bisher bedeutendste Expansion nach Europa und hat dem Unternehmen rund 330 neue Mitarbeiter in Deutschland beschert.
Beck ist offen über seine Ambitionen: „Wir wollen in Europa genauso groß und erfolgreich sein wie in Amerika." Den Bundeswehretat, der bis 2029 massiv in Raumfahrtkapazitäten investieren soll, sieht Beck als direkte Chance. „Die Hardware aus Europa ist phänomenal, aber alles ist ein bisschen langsam und teuer. Wir können helfen, einen Gang höher zu schalten."
2025 setzte Rocket Lab 601 Millionen Dollar um, bei einem Nettoverlust von 198 Millionen Dollar. Das Unternehmen ist noch nicht profitabel — aber das Auftragsbuch wächst, die Margen im Satellitengeschäft verbessern sich, und die Neutron soll den Umsatz in neue Dimensionen katapultieren.
Beck endet Gespräche über Raumfahrtkritiker stets mit demselben Argument: Wie findet der Pizzabote seinen Weg? Per GPS. Per Satellit. Der Mann aus Invercargill baut keine Träume. Er baut Infrastruktur.
