Die Angst vor dem Liquiditätskollaps zwingt den ersten Branchenprimus zum Einfrieren der Vermögenswerte
Der gewaltige Markt für Private Credit, der jahrelang als die ultimative Rendite-Oase für institutionelle Investoren und vermögende Privatkunden galt, zeigt tiefe Risse. Der US-Finanzriese Ares Management Corp. sieht sich mit einer beispiellosen Welle von Rücknahmeverlangen konfrontiert. Um einen unkontrollierten Abfluss von Liquidität zu verhindern, hat das Management die Notbremse gezogen.
Zum zweiten Mal in Folge capte der Konzern die Auszahlungen aus seinem Flaggschiff-Vehikel, dem 22,6 Milliarden US-Dollar schweren Ares Strategic Income Fund. Investoren forderten im zweiten Quartal 2026 vehement ihr Geld zurück. Die Rücknahmeanträge schossen auf astronomische 14,4 Prozent des gesamten Fondsvolumens hoch.
Erlaubt ist laut den internen Statuten des geschlossenen Fonds jedoch nur eine vierteljährliche Rückzahlung von maximal fünf Prozent der ausstehenden Aktien. Damit greift bei Ares das berüchtigte Gating-Verfahren. Nur rund ein Drittel der gierigen Forderungen nach Bargeld konnte somit überhaupt bedient werden.

Das Phänomen ist kein Einzelfall, sondern ein strukturelles Alarmsignal für die gesamte globale Halbleiter- und Kreditfinanzierung. Bereits im ersten Quartal des laufenden Jahres hatten die Investoren versucht, Vermögenswerte in Höhe von 11,6 Prozent aus dem Ares-Fonds abzuziehen. Statt einer Beruhigung hat sich der Ansturm auf die Ausgänge über den Sommer hinweg sogar noch massiv verschärft.
Ausländische Großinvestoren und Family Offices lösen die panische Flucht aus den illiquiden Kreditportfolios aus
Wer nun glaubt, dass der amerikanische Kleinanleger panisch seine Ersparnisse rettet, irrt gewaltig. Die detaillierte Analyse der Anträge offenbart, dass die Erschütterung von außen in das System hineingetragen wird. Fast die Hälfte aller Rücknahmeanträge stammt von kleineren Institutionen und Family Offices, die ihren Sitz außerhalb der Vereinigten Staaten haben.
Diese hochentwickelten Akteure repräsentieren zwar weniger als ein Prozent der insgesamt über 20.000 Anteilseigner des Fonds, bewegen aber enorme Summen. Viele von ihnen stecken in einer psychologischen Endlosschleife fest. Nahezu zwei Drittel der aktuellen Anträge wurden von Investoren eingereicht, die bereits im vorherigen Quartal an den strengen Liquiditätsbarrieren abgeprallt waren und es nun einfach erneut versuchten.
Ares versucht unterdessen, die Wogen zu glätten und die Nervosität des Marktes zu dämpfen. In einem aktuellen Brief an die Anteilseigner betont das Management, dass man die unerfüllten Rückzahlungsbegehren aus dem zweiten Quartal bis zum Ende des Jahres „weitgehend befriedigen“ könne. Voraussetzung dafür sei allerdings, dass die künftige Nachfrage nicht weiter eskaliert, sondern sich auf dem Niveau der ausstehenden Anträge des Vorquartals einpendelt.
Gleichzeitig klammert sich der Vermögensverwalter an die vermeintliche Treue der heimischen Kundschaft. Das Segment der US-Privatkunden, das fast die Hälfte der gesamten Mittelzuflüsse im zweiten Quartal ausmachte, zeige weiterhin eine „anhaltende Überzeugung“ bezüglich des Anlagevehikels. In diesem speziellen Kanal machten die Rücknahmeanträge lediglich 2,4 Prozent der umlaufenden Stammaktien aus, was einem Rückgang von über 35 Prozent gegenüber dem Jahresanfang entspricht.
Das gesamte System der Schattenbanken leidet unter einer unbarmherzigen Zerreißprobe zwischen Rendite und Liquidität
Die Probleme von Ares Management sind kein isoliertes Phänomen, sondern das Symptom einer systemischen Krise, die den gesamten 1,8-Billionen-Dollar-Markt für Private Credit im Griff hat. Überall im Silicon Valley und an der Wall Street schlagen die Alarmglocken an. Giganten wie Apollo Global Management Inc., BlackRock Inc. und Cliffwater Inc. sahen sich im zweiten Quartal mit einer identischen Dynamik konfrontiert.

Besonders dramatisch stellt sich die Lage beim direkten Konkurrenten Apollo dar. Deren hauseigener Fonds Apollo Debt Solutions musste die Reißleine ziehen und die Auszahlungen ebenfalls rigide bei fünf Prozent kappen, nachdem sage und schreibe 16,8 Prozent der Investoren fluchtartig ihr Kapital abziehen wollten. Auch Morgan Stanley meldete für seinen North Haven Private Income Fund eine Blockade der Ausgänge, da die Abflusswünsche dort auf 11,6 Prozent emporgeschnellt waren.
Der Grund für den kollektiven Vertrauensentzug liegt in veränderten makroökonomischen Realitäten. In den Jahren der ultraniedrigen Zinsen flossen Billionen in die privaten Kreditfonds, weil diese den Banken das Geschäft mit Unternehmenskrediten für risikoreichere Firmen erfolgreich streitig machten und zweistellige Renditen versprachen. Ares verweist stolz darauf, seit dem Start des Fonds eine annualisierte Gesamtrendite von 10,3 Prozent erzielt zu haben. Das entspricht einem satten Aufschlag von 1,87 Prozent gegenüber öffentlich syndizierten Bankkrediten.
Doch die Fristentransformation wird den Schattenbanken nun zum Verhängnis. Die vergebenen Kredite an die oft mittelständischen Unternehmen sind hochgradig illiquid und laufen über viele Jahre. Wenn nun ein nennenswerter Teil der Fondsinvestoren kurzfristig Bargeld sehen will, gerät das System in eine physikalische Unmöglichkeit. Ares beruhigt die Anleger zwar damit, dass das Kreditportfolio aus 831 Kreditnehmern fundamental gesund sei und lediglich zwei Kredite derzeit keine Zinsen zahlen. Doch im Ernstfall nützt die beste Kreditqualität wenig, wenn die Liquidität in den verschlossenen Töpfen der Fonds unwiderruflich festsitzt.
Die Ära des ungebremsten Wachstums bei Private Credit ist vorbei. Was als risikoarme Alternative zum volatilen Aktienmarkt angepriesen wurde, entpuppt sich im Stresstest als goldener Käfig. Die Investoren lernen nun auf die harte Tour, dass eine Rendite von zehn Prozent im aktuellen Marktumfeld immer mit einem unbarmherzigen Preis bezahlt wird: Dem Verlust der Kontrolle über das eigene Geld, sobald der Wind an den Märkten dreht.
