AWS liefert das stärkste Wachstum seit Jahren und lässt die Aktie explodieren
Der zunehmende Einsatz von Künstlicher Intelligenz in Unternehmen kurbelt das Geschäft von Amazon kräftig an. Die Umsätze der Cloud-Tochter Amazon Web Services stiegen im abgelaufenen Quartal um 37 Prozent auf 42,2 Milliarden Dollar, wie der Online-Händler am Donnerstag mitteilte. Es sei das stärkste Wachstum seit 18 Quartalen, betonte Konzernchef Andy Jassy, und übertraf damit die Analystenerwartungen von rund 31 Prozent deutlich.
Amazon-Aktien reagierten prompt und legten im nachbörslichen Handel an der Wall Street um 9 Prozent zu, im weiteren Handelsverlauf kletterte das Papier zeitweise sogar noch deutlicher, rückte damit spürbar näher an sein bisheriges 52-Wochen-Hoch heran. Der Gesamtumsatz des Konzerns stieg im Berichtszeitraum um 20 Prozent auf 200,6 Milliarden Dollar, mitgetragen von einem vorgezogenen Prime Day im Juni. Auch das operative Ergebnis überzeugte, es verbesserte sich um 43 Prozent auf 27,5 Milliarden Dollar und übertraf damit sogar die eigene Prognosespanne des Unternehmens von 20 bis 24 Milliarden Dollar.

Der KI-Boom füllt nicht nur die Kassen sondern auch das Auftragsbuch
Wie nachhaltig die aktuelle Nachfrage tatsächlich ist, zeigt ein Blick auf das Auftragsbuch von AWS. Der sogenannte Backlog an Cloud-Verträgen schwoll binnen eines einzigen Quartals von 364 auf 496 Milliarden Dollar an, während sich die annualisierte Umsatz-Run-Rate der Sparte inzwischen auf rund 169 Milliarden Dollar beläuft. Jassy zeigte sich entsprechend euphorisch und stellte für die Cloud-Einheit langfristig einen jährlichen Umsatz von einer Billion Dollar in Aussicht.
Besonders dynamisch entwickelt sich dabei das eigene KI-Geschäft von AWS. Sowohl die KI-Sparte als auch das Geschäft mit selbst entwickelten Chips, darunter die Graviton-Prozessoren, die Trainium-KI-Beschleuniger sowie die Nitro-Netzwerkhardware, überschritten jeweils eine jährliche Umsatz-Run-Rate von mehr als 25 Milliarden Dollar, bei einem Wachstum im dreistelligen Prozentbereich. Jassy signalisierte zudem, es bestehe eine reale Chance, die Trainium-Beschleuniger künftig auch außerhalb des eigenen AWS-Ökosystems an andere Rechenzentren zu verkaufen, ein möglicher Schritt vom internen Kostenvorteil hin zu einer eigenständigen Erlösquelle.
Ein warnendes Signal versteckt sich im Rekordgewinn
Der ausgewiesene Gewinn je Aktie von 5,75 Dollar übertraf die von der Wall Street erwarteten rund 1,82 Dollar um ein Vielfaches, der Nettogewinn kletterte auf 62,6 Milliarden Dollar. Wer die Zahl allerdings genauer betrachtet, findet einen entscheidenden Sondereffekt, darin enthalten war ein nicht realisierter, vorsteuerlicher Buchgewinn von 53,4 Milliarden Dollar aus der Neubewertung von Amazons Beteiligung am KI-Labor Anthropic, ein Bewertungsgewinn, kein operativer Fortschritt.
Für Investoren bedeutet das, das eigentlich aussagekräftigere Bild liefert weniger der Nettogewinn als das operative Ergebnis, das aus dem tatsächlichen Kerngeschäft stammt und ebenfalls kräftig zulegte, wenn auch deutlich weniger spektakulär als die schlagzeilenträchtige Gewinnzahl vermuten lässt.
Amazon schraubt die Investitionen erneut kräftig nach oben
Um der enormen Nachfrage nach KI-Kapazitäten gerecht zu werden, hob Amazon seine Investitionsplanung für das laufende Jahr von rund 200 auf etwa 220 Milliarden Dollar an. Als Haupttreiber dieser Erhöhung nannte Jassy vor allem gestiegene Kosten für Speicherchips. Bemerkenswert dabei, der Konzern hatte an der niedrigeren Zahl von 200 Milliarden Dollar noch im Februar und April festgehalten, ein Kurswechsel, der auch damit zusammenhängt, dass der Wettbewerber Alphabet seine eigenen Investitionspläne zuvor bereits auf bis zu 205 Milliarden Dollar angehoben hatte.

Auffällig ist zudem, dass die neue Capex-Zahl exakt jenem Wert entsprach, auf den sich der Markt im Vorfeld bereits eingestellt hatte, ein Grund, weshalb die Erhöhung die Aktie diesmal nicht belastete, sondern trotz der gestiegenen Ausgaben zu einem Kurssprung führte.
Selbst mit 220 Milliarden Dollar reicht die Kapazität nicht aus
Wie enorm die tatsächliche Nachfrage nach KI-Infrastruktur inzwischen ist, machte Jassy im Earnings Call unmissverständlich klar. Selbst mit den erhöhten Investitionen werde Amazon 2026 nicht genug Kapazität haben, um die gesamte Nachfrage zu decken, so Jassy, und diese Dynamik dürfte sich seiner Einschätzung nach auch 2027 fortsetzen. Bereits für das Jahr 2028 zeichne sich eine verblüffende Nachfrage ab, ergänzte der Amazon-Chef, ein deutliches Signal, dass der Konzern von einem noch über Jahre anhaltenden Investitionszyklus ausgeht.
Diese Aussage erklärt auch, warum trotz eines operativen Cashflows von 161,4 Milliarden Dollar, einem Plus von 33 Prozent, der freie Cashflow auf rollierender Zwölfmonatsbasis mit minus 7,6 Milliarden Dollar tatsächlich negativ ausfiel, nach zuvor noch positiven 18,2 Milliarden Dollar im Vergleichszeitraum. Die massiven Vorabinvestitionen in Rechenzentren und Chipkapazität schlagen sich damit unmittelbar in der Cashflow-Rechnung nieder, lange bevor die entsprechenden Umsätze überhaupt realisiert werden.
Eigene Chips werden vom Kostenvorteil zum eigenständigen Geschäft
Für Amazon-Aktionäre bleibt am Ende eine zentrale Beobachtung entscheidend, der aktuelle Kurssprung speist sich nicht primär aus dem Anthropic-Buchgewinn, sondern aus der Überzeugung des Marktes, dass die milliardenschweren KI-Investitionen der vergangenen Jahre tatsächlich beginnen, sich in nachhaltigem AWS-Wachstum niederzuschlagen. Wächst die Cloud-Sparte weiterhin schneller, als die Investitionsausgaben eskalieren, entsteht für Anleger ein plausibler Pfad zu künftig stabileren Margen, selbst wenn der Weg dorthin kurzfristig mit einem negativen freien Cashflow gepflastert bleibt.

