Der Trend zu kleinen Reparaturen statt großer Umbauten treibt Home Depot an
Die US-Baumarktkette Home Depot hat dank des ungebrochenen Trends zu kleineren Reparatur- und Instandhaltungsprojekten im zweiten Quartal die Erwartungen der Wall Street übertroffen. Der Umsatz stieg um 5,7 Prozent auf 47,86 Milliarden Dollar, wie der Branchenprimus am Dienstag mitteilte. Die vergleichbaren Umsätze, eine der wichtigsten Kennzahlen im Einzelhandel, legten um 1,7 Prozent zu, das bereinigte Ergebnis je Aktie kletterte um 5,1 Prozent auf 4,92 Dollar.
Anhaltend hohe Zinsen bremsen weiterhin den US-Häusermarkt, weshalb viele Hausbesitzer auf größere Umbauten oder einen Umzug verzichten und stattdessen in kleinere Projekte wie Malerarbeiten oder Gartenpflege investieren. Diese Verschiebung im Konsumverhalten kam Home Depot zugute, 13 der 16 Warengruppen des Konzerns verzeichneten positive vergleichbare Umsätze, wobei sich Profikunden erneut besser entwickelten als klassische Heimwerker.

Der Umsatzsprung ist zu einem erheblichen Teil einer Zollrückerstattung zu verdanken
Ein genauerer Blick auf die Zahlen zeigt allerdings, dass ein wesentlicher Teil der positiven Entwicklung auf einen einmaligen Sondereffekt zurückgeht. Im Juni erhielt Home Depot eine Rückerstattung von 730 Millionen Dollar aus zuvor gezahlten Einfuhrzöllen, nachdem das Oberste Gericht der USA mehrere Zollmaßnahmen der Regierung Trump für nichtig erklärt hatte. Davon reduzierten 685 Millionen Dollar direkt die Herstellungskosten bereits verkaufter Waren, während 45 Millionen Dollar noch im Lagerbestand verblieben.
Die Bruttomarge kletterte dadurch auf 33,7 Prozent, ein Plus von rund 25 Basispunkten gegenüber dem Vorjahr, getrieben zu etwa 145 Basispunkten von der Zollrückerstattung, teilweise ausgeglichen durch höhere Kosten für Treibstoff, Energie und andere Vorprodukte sowie durch Mischeffekte aus der GMS-Übernahme. Finanzchef Richard McPhail machte deutlich, dass dieser einmalige Vorteil über das gesamte Geschäftsjahr hinweg durch zusätzliche, ungeplante Kostenbelastungen wieder aufgezehrt werde.
Online-Handel und das Profigeschäft liefern die eigentlich nachhaltigen Wachstumsimpulse
Jenseits des Zolleffekts liefert das Quartal durchaus substanzielle, strukturelle Fortschritte. Die vergleichbaren Online-Umsätze kletterten um 11 Prozent, bereits das fünfte Quartal in Folge mit zweistelligem Wachstum in diesem Bereich. Zusätzlich weitete Home Depot seinen Express-Lieferdienst landesweit aus und verbesserte gleichzeitig die Geschwindigkeit bei Same-Day-, Next-Day- sowie bei sperrigen Großlieferungen.
Auch international entwickelte sich das Geschäft überdurchschnittlich, insbesondere Kanada und Mexiko übertrafen den US-Heimatmarkt, während die Tochtergesellschaft SRS Distribution ebenfalls positive vergleichbare Umsätze verzeichnete und dabei Marktanteile hinzugewann. Das Management betonte im Analystencall ausdrücklich, das Quartal spiegele in erster Linie Marktanteilsgewinne wider und keine breitere Erholung des gesamten Heimwerkermarkts, gestützt auf Rekordwerte bei der Warenverfügbarkeit sowie schnellere Lieferzeiten.
Zukäufe wie SRS und GMS sollen das Marktvolumen auf 1,2 Billionen Dollar heben
Strategisch treibt Home Depot seinen Vorstoß in den Markt für professionelle Handwerker weiter voran. Der Konzern beziffert die Größe dieses sogenannten Pro-Marktes auf rund 700 Milliarden Dollar, durch den im Mai abgeschlossenen Zukauf des HVAC-Großhändlers Mingledorff's stieg das insgesamt adressierbare Marktvolumen sogar auf 1,2 Billionen Dollar. Für das laufende Jahr peilt das Management eine Cross-Selling-Rate von rund 400 Millionen Dollar zwischen Home Depot, SRS und GMS an, im kommenden Jahr soll sich dieser Wert verdoppeln.

Um diese Strategie organisatorisch zu untermauern, kündigte Home Depot bereits am 30. Juli eine Neuausrichtung der Konzernführung an, die Bereiche Merchandising, Kundenbindung, Finanzen, Pro-Geschäft und Technologie wurden unter einer einheitlichen Führung zusammengelegt, das bisherige Office of Integration wurde unter Leitung von McPhail in Office of Pro Acceleration umbenannt.
Das Management bestätigt die Jahresprognose statt sie anzuheben
Trotz der insgesamt starken Quartalszahlen entschied sich das Management, die Jahresprognose lediglich zu bestätigen, statt sie anzuheben. Home Depot rechnet weiterhin mit einem vergleichbaren Umsatz zwischen stagnierend und plus 2 Prozent, einem Gesamtumsatzwachstum von rund 2,5 bis 4,5 Prozent sowie einer Bruttomarge von etwa 33,1 Prozent für das Gesamtjahr. Beim bereinigten Gewinn je Aktie erwartet der Konzern eine Entwicklung zwischen stagnierend und plus 4 Prozent, bei einer bereinigten operativen Marge von 12,8 bis 13,0 Prozent.
Diese Zurückhaltung bei der Prognose dürfte auch die eher verhaltene Reaktion an der Börse erklären. Investoren konzentrierten sich offenbar stärker auf die Fähigkeit des Konzerns, Marktanteile zu halten und die Erwartungen zu übertreffen, wägten gleichzeitig aber das Risiko ab, dass der Margenvorteil aus der Zollrückerstattung sich nicht wiederholen wird.
Der schwache US-Häusermarkt bleibt die größte Unbekannte
Auf die Frage, ob steigende Zinsen der Nachfrage schaden, erklärte McPhail, die Umschlagshäufigkeit am US-Häusermarkt verharre weiterhin auf historisch niedrigem Niveau, jüngste Zinsbewegungen hätten dabei keine größere neue Volatilität ausgelöst, es gebe bislang kein Anzeichen für einen echten Wendepunkt. Barclays-Analyst Seth Sigman hinterfragte im Call zudem die breite Prognosespanne für die zweite Jahreshälfte, die auf eine gewisse Verlangsamung gegenüber dem starken zweiten Quartal hindeutet, ein Punkt, den McPhail im Kern bestätigte.

Für Home Depot bleibt damit die zentrale Frage der kommenden Quartale, ob sich das aktuelle Wachstum bei kleinen Reparaturprojekten sowie im Profigeschäft als tragfähig genug erweist, um eine weiterhin schwache Erholung des klassischen Umbaugeschäfts dauerhaft zu kompensieren, sollte sich der US-Häusermarkt angesichts anhaltend hoher Zinsen nicht bald spürbar beleben.


