Explodierende Speicherchip-Preise reißen ein tiefes Loch in Xiaomis Bilanz
Gestiegene Preise für Speicherchips und andere Komponenten haben Xiaomi einen überraschend deutlichen Gewinneinbruch eingebrockt. Ein weiterer Belastungsfaktor sei der verschärfte Wettbewerb, teilte der chinesische Smartphone- und Elektroauto-Hersteller am Dienstag mit. Das Nettoergebnis schrumpfte im zweiten Quartal um 42,6 Prozent auf umgerechnet 794,2 Millionen Euro. Auch der Umsatz blieb mit 13,95 Milliarden Euro hinter den Markterwartungen zurück.
Die Ursache liegt tief in der Kostenstruktur des Geschäftsmodells. Xiaomi bietet vor allem preisgünstige Smartphones an, bei denen die Kosten für Speicherchips einen vergleichsweise hohen Anteil ausmachen. Genau diese Bauteile haben sich in den vergangenen zwölf Monaten preislich vervielfacht, ein Effekt der globalen DRAM- und NAND-Knappheit, unter dem inzwischen die gesamte Elektronikbranche leidet, von Apple bis zu den chinesischen Konkurrenten.

Weil Kunden die höheren Preise nicht mittragen wollten brach der Absatz ein
Weil Xiaomi die gestiegenen Kosten an die Verbraucher weiterreichte, brach der Handy-Absatz im Berichtszeitraum um 26 Prozent auf 31,2 Millionen Geräte ein. Gleichzeitig sank die Gewinnmarge im Smartphone-Geschäft um etwa ein Viertel auf 8,5 Prozent. Der globale Smartphonemarkt insgesamt stand im zweiten Quartal ebenfalls unter Druck, laut Daten von Counterpoint fielen die weltweiten Auslieferungen um 11 Prozent, der schwächste Wert für ein zweites Quartal seit 2013. Xiaomis globaler Marktanteil sank dabei von 14 auf 12 Prozent, in China selbst von 15,1 auf 12,4 Prozent, bei einem Rückgang der dortigen Auslieferungen um 21,7 Prozent.
Immerhin gab es auch positive Signale, der durchschnittliche Verkaufspreis der Smartphones erreichte ein Rekordniveau, und die globalen monatlich aktiven Nutzer kletterten auf einen neuen Höchststand von 766,5 Millionen, ein Plus von 4,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Ein gestrichenes Flaggschiff-Modell zeigt wie ernst die Lage ist
Wie stark die Speicherchip-Krise das Produktportfolio inzwischen beeinflusst, zeigte sich bereits einen Tag vor der Zahlenvorlage. Xiaomi strich sein geplantes Spitzenmodell 18 Ultra ersatzlos, eine Entscheidung, die direkt auf die drastisch gestiegenen DRAM- und NAND-Speicherkosten zurückgeht. An dessen Stelle tritt nun das 18 Pro Max als neues Topmodell der Reihe, ein stilles Eingeständnis, dass sich die Wirtschaftlichkeit im Premiumsegment unter dem Gewicht der Komponentenpreise spürbar verschoben hat.
Die Elektroautosparte wächst zweistellig verbrennt aber weiterhin Geld
Die relativ neue Elektroautosparte des Konzerns wuchs dagegen um knapp 16 Prozent. Sie verbuchte zusammen mit dem KI-Geschäft allerdings weiterhin einen Verlust, dieser belief sich im Berichtsquartal auf 333 Millionen Euro. Im ersten Halbjahr insgesamt lieferte Xiaomi 185.055 Elektrofahrzeuge aus, ein Plus von 17,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr, wobei sich das SUV-Modell YU7 mit 104.559 Auslieferungen inzwischen als Absatzführer der Sparte etabliert hat, vor der Limousine SU7 mit 80.496 Einheiten. Das für das Gesamtjahr ausgegebene Ziel von 550.000 ausgelieferten Fahrzeugen bleibt angesichts dieses Tempos allerdings ambitioniert, mehrere Analystenhäuser äußerten bereits Zweifel, ob Xiaomi diese Marke tatsächlich erreichen kann.

Technologisch setzt der Konzern verstärkt auf öffentlichkeitswirksame Rekorde, um seine Elektroauto-Ambitionen zu untermauern. Im Juni stellte der YU7 GT mit Streckenpaket auf dem Nürburgring einen neuen Rundenrekord im autonomen Fahren auf, mit einer Zeit von 10 Minuten und 29,483 Sekunden, während eine weitere Variante des Modells zum schnellsten Serien-SUV der Nordschleife avancierte. Auch im KI-Bereich zeigt sich Xiaomi ambitioniert, das hauseigene Sprachmodell MiMo-V2.5 belegte in der Woche vom 20. Juli weltweit den ersten Platz beim Token-Verbrauch auf der Plattform OpenRouter.
Xiaomi plant den Sprung auf den europäischen Automarkt
Ab dem kommenden Jahr will Xiaomi seine Fahrzeuge auch in Europa verkaufen, ein bedeutender strategischer Schritt für einen Automobilhersteller, der bislang ausschließlich auf dem chinesischen Heimatmarkt aktiv war. Firmenchef Lei Jun hatte zuletzt Spekulationen über einen möglichen Markteintritt in den USA zurückgewiesen und auch Gerüchte über ein Gemeinschaftsunternehmen mit Ford dementiert, während sich das Unternehmen stattdessen auf den europäischen Markt sowie neue Modelle wie die SkyNomad-Reihe mit verlängerter Reichweite konzentriert, deren Vorbestellungen nach Unternehmensangaben bereits vielversprechend anliefen.

Trotz des Gewinneinbruchs zeigt sich die Börse überraschend gelassen
Bemerkenswert an der Reaktion der Anleger ist, dass die Aktie trotz der schwachen Ergebniszahlen zunächst nicht unter zusätzlichen Druck geriet, sondern sich stabilisierte, nachdem der Kurs im bisherigen Jahresverlauf bereits deutlich nachgegeben hatte. Ein Grund dafür dürfte sein, dass viele Marktteilnehmer angesichts bereits im ersten Quartal sichtbar gewordener Belastungen aus der Speicherchip-Krise mit einem ähnlich schwachen Ergebnis gerechnet hatten, sodass die Zahlen zumindest keine zusätzliche negative Überraschung lieferten. Ergänzend hatte Xiaomi zuletzt auch mit eigenen Aktienrückkäufen versucht, die Stimmung unter Investoren zu stabilisieren.
Für Xiaomi bleibt die zentrale Frage der kommenden Quartale, ob sich die Speicherchip-Preise tatsächlich wie von manchen Analysten erhofft stabilisieren, oder ob der Konzern seine margenträchtige Smartphone-Sparte weiterhin zugunsten der kapitalintensiven Elektroauto-Ambitionen belasten muss, während gleichzeitig der Wettbewerbsdruck sowohl im Handygeschäft als auch im chinesischen Elektroauto-Markt unvermindert hoch bleibt.


