In einer Zeit wachsender Spannungen in der Taiwanstraße begibt sich Taiwans ehemaliger Staatschef Ma Ying-jeou auf eine diplomatische Mission ungewöhnlicher Art. Er trat eine elftägige Reise zum chinesischen Festland an, mit der Hoffnung, im Zuge der angespannten Lage die Botschaft des Friedens und Dialogs von Seiten Taiwans zu vermitteln. Ma betonte die Liebe seiner Landsleute zum Frieden und ihren Wunsch, durch Austausch über die Meerenge hinweg eine militärische Auseinandersetzung zu verhindern.
Die symbolträchtige Reise des ehemaligen Präsidenten, der von 2008 bis 2016 im Amt war und Teil der pekingfreundlichen Kuomintang-Partei ist, markiert ein Novum in der Geschichte der bilateralen Beziehungen, da bis dato kein aktueller taiwanischer Regierungschef den Schritt auf das chinesische Festland wagte. Peking, das Taiwan als abtrünnige Provinz ansieht und auf eine Wiedervereinigung pocht – notfalls auch mit Gewalt –, dürfte Ma als Brückenbauer willkommen heißen.
Ma, der bereits im Vorjahr als erster ehemaliger Präsident Taiwans das Festland besuchte, könnte auf dieser Reise möglicherweise auf Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping treffen, obwohl genaue Details seines Besuchsprogramms auf dem Festland noch offen sind. Dennoch ließ die Ma Ying-jeou Stiftung für Kultur und Bildung durch ihren Direktor Hsiao Hsu-tsen verlauten, dass ein Treffen mit "dem alten Freund" Xi eine erwünschte Option, aber von der Gastfreundschaft Chinas abhängig sei. Ma und Xi hatten bereits 2015 ein historisches Treffen in Singapur.
Begleitet wird Ma unter anderem von einer Gruppe taiwanischer Studenten, die einen Einblick in die Entwicklung chinesischer Provinzen und die moderne Lebenswirklichkeit in China erhalten sollen. Der Fokus liegt dabei auf Unternehmensbesuchen sowie kulturellen Sehenswürdigkeiten.
Zeitgleich demonstriert auch das American Institute in Taiwan, welches als De-facto-Botschaft der USA in Taiwan dient, Präsenz auf der Insel durch den Besuch seiner Vorsitzenden Laura Rosenberger, die die anhaltende Unterstützung der USA für Taiwan untermauern soll.
Das Engagement beider Persönlichkeiten unterstreicht die Komplexität des geopolitischen Puzzles in der Taiwanstraße, die rasant zunehmende Bedeutung in den internationalen Beziehungen gewinnt. Ma Ying-jeou wird dabei eine besondere Rolle zuteil – als Vermittler, dessen politische Grundhaltung die Souveränität der Republik China – Taiwans offiziellen Namen, der historisch sowohl das Festland als auch die Insel umfasst – stützt und zugleich auf Einheit setzt.