SAP hat den Absturz noch längst nicht vergessen
Die Erholung der SAP-Aktie sieht auf den ersten Blick beeindruckend aus. Nach dem Absturz auf 127,50 Euro im Juli notiert das Papier inzwischen wieder bei rund 185 Euro.
Doch Anleger sollten sich von der Kurserholung nicht täuschen lassen. Der Weg zurück zu den früheren Höchstständen ist noch weit. Und die Zweifel, die SAP im ersten Halbjahr unter Druck gesetzt haben, sind nicht vollständig verschwunden.
Der Börsensturz begann bereits mit den Jahreszahlen Ende Januar. Rund 15 Prozent verlor die Aktie an einem einzigen Handelstag. Der Current Cloud Backlog wuchs währungsbereinigt um 25 Prozent und verfehlte damit die von Konzernchef Christian Klein selbst gesetzte Marke von 26 Prozent.

Noch unangenehmer war der Ausblick. SAP stellte für 2026 eine leichte Verlangsamung des Backlog-Wachstums in Aussicht. Für einen Konzern, dessen Bewertung stark auf dauerhaft hohem Cloud-Wachstum basiert, war das ein Warnsignal.
Dann kam die KI-Angst und traf SAP mit voller Wucht
Anfang Februar verschärfte sich die Situation. Der gesamte Softwaresektor geriet unter Druck, weil Fortschritte bei KI-Modellen die bisherige Geschäftslogik vieler Anbieter infrage stellten.
Die Sorge der Anleger war simpel: Wenn KI-Agenten künftig komplette Arbeitsabläufe übernehmen, warum sollten Unternehmen noch für eine Vielzahl klassischer Softwarelizenzen bezahlen?
Dazu kamen die massiven KI-Investitionen von Oracle. Der amerikanische Konzern verschärfte damit die Debatte über die künftige Machtverteilung im Cloud- und Softwaregeschäft.
Auch Analysten sorgten für zusätzlichen Druck. Als Jefferies im Juni das Kursziel für SAP von 230 auf 210 Euro senkte, war die Erholung noch lange nicht in Sicht.
Ein starkes Quartal hat die Stimmung plötzlich gedreht
Dann lieferte SAP die Zahlen zum zweiten Quartal. Und plötzlich sah die Geschichte wieder deutlich besser aus.
Der Current Cloud Backlog kletterte um 27 Prozent auf 22,9 Milliarden Euro. Währungsbereinigt lag das Wachstum bei 26 Prozent und damit genau auf dem Niveau, das SAP zuvor als Zielgröße definiert hatte.
Auch der Cloud-Umsatz überzeugte. Er stieg um 22 Prozent auf 6,28 Milliarden Euro, währungsbereinigt sogar um 24 Prozent. Gleichzeitig legte der freie Cashflow um 27 Prozent auf drei Milliarden Euro zu.
Damit war die zentrale KI-Sorge zumindest vorerst entschärft. SAP zeigte, dass das Cloud-Geschäft trotz des technologischen Umbruchs weiter kräftig wächst.

Doch genau hier beginnt das Problem der aktuellen Erholung
Denn die Quartalszahlen hatten auch eine weniger angenehme Seite.
Die Non-IFRS-Marge fiel von 28,5 auf 27,8 Prozent. Gleichzeitig senkte SAP die währungsbereinigte Prognose für das operative Ergebnis 2026 von 11,9 bis 12,3 Milliarden Euro auf 11,8 bis 12,2 Milliarden Euro.
Als Grund nannte der Konzern die Übernahmen von Dremio und Prior Labs.
Das bedeutet: Das Wachstum überzeugt, aber die Profitabilität liefert noch nicht dieselbe Dynamik. Genau deshalb steht die nächste Quartalsbilanz unter besonderer Beobachtung.
Jetzt soll KI SAP vom Softwarekonzern zum Gewinner der nächsten Welle machen
Zusätzliche Fantasie erzeugt SAP mit seiner KI-Strategie.
Konzernchef Christian Klein präsentierte SAP im September auf der Communacopia-Konferenz von Goldman Sachs als möglichen Gewinner der KI-Revolution. Seine Argumentation: SAP verfüge über die Geschäftsdaten und die ERP-Prozesslogik, die KI-Modelle benötigen, um nicht nur Texte zu erzeugen, sondern konkrete Unternehmensprozesse zu automatisieren.

Bis Ende des Jahres will SAP mehr als 50 spezialisierte Joule-Assistenten bereitstellen. Langfristig soll daraus ein Netzwerk von mehr als 200 KI-Agenten werden.
Das klingt nach gewaltigem Potenzial. Doch an der Börse zählt irgendwann nicht mehr die Zahl der angekündigten Agenten. Entscheidend ist, wie viel zusätzlichen Umsatz und Gewinn sie tatsächlich erzeugen.
Der Aktienrückkauf gibt der Aktie zusätzlichen Rückenwind
SAP unterstützt die Erholung zudem selbst. Zusammen mit den Jahreszahlen kündigte der Konzern einen Aktienrückkauf von bis zu zehn Milliarden Euro bis Ende 2027 an.
Seit Ende Juli läuft die zweite Tranche. Sie umfasst bis zu 2,6 Milliarden Euro.
Für die Aktie ist das ein zusätzlicher Kurspuffer. Weniger frei verfügbare Aktien können die Nachfrage stützen und den Gewinn je Aktie langfristig erhöhen.
Doch auch ein milliardenschweres Rückkaufprogramm kann keine operative Schwäche dauerhaft kaschieren. Es verschafft Zeit. Den fundamentalen Beweis muss das Geschäft liefern.
Der 21. Oktober wird deshalb zum entscheidenden Test
Die Analysten sind bereits gespalten. Jefferies und Berenberg sehen die Aktie als Kaufchance. JPMorgan und UBS empfehlen dagegen lediglich, die Position zu halten.

Jefferies hat sein Kursziel zuletzt wieder auf 220 Euro angehoben und die Kaufempfehlung bestätigt. Berenberg sieht ebenfalls weiteres Potenzial und nennt ein Kursziel von 205 Euro.
Damit liegt die Messlatte für SAP klar auf dem Tisch.
Am 21. Oktober veröffentlicht der Konzern die Zahlen zum dritten Quartal. Dann muss sich zeigen, ob der Cloud-Backlog sein hohes Wachstumstempo halten kann. Noch wichtiger wird die Entwicklung der Marge.
Denn genau dort könnte die Börse entscheiden, ob SAP tatsächlich vor einer nachhaltigen neuen Wachstumsphase steht.
Oder ob die Aktie lediglich einen Teil des Absturzes zurückgeholt hat und Anleger gerade eine Erholung feiern, deren Fundament noch erstaunlich dünn ist.

