Amazon dreht an der Preisschraube für KI-Rechenleistung
Amazon dreht an der Preisschraube für KI-Rechenleistung. Am Freitag kündigte der Konzern an, die Preise für seine sogenannten EC2 Capacity Blocks ab der Folgewoche um rund 15 Prozent anzuheben, und liefert Anlegern damit einen handfesten Hinweis darauf, wie knapp Rechenkapazität im Cloudgeschäft weiterhin ist. Über die Capacity Blocks reservieren Kunden zeitlich begrenzt Zugriff auf Prozessoren von Nvidia, vom älteren A100 bis zum deutlich leistungsstärkeren B300.

Selbst ältere Chips werden teurer, und genau das ist die eigentliche Nachricht
Bemerkenswert ist weniger die Höhe des Aufschlags als seine Breite. Amazon hatte bereits im Juli 2026 einzelne Mietpreise angehoben, den A100 jedoch seit Jahresanfang nicht mehr verteuert. Dass nun auch ein Chip teurer wird, der längst nicht mehr zur Spitzenklasse zählt, spricht dafür, dass Kunden nehmen, was überhaupt verfügbar ist. In einem Markt mit freien Kapazitäten würden ältere Generationen eher günstiger. Für Amazon bedeutet das Preissetzungsmacht in genau dem Segment, das wegen der hohen Investitionen am genauesten auf seine Rendite geprüft wird.
Damit berührt die Preiserhöhung auch eine Debatte, die Investoren wie „Big-Short“-Legende Michael Burry angestoßen haben. Sie werfen dem Konzern vor, seine Chipbestände nicht sachgerecht abzuschreiben. Nach Einschätzung von MarketWatch untergraben die höheren Preise für ältere Modelle dieses Argument, denn ein Prozessor, für den sich Jahre nach dem Marktstart noch höhere Mieten durchsetzen lassen, ist wirtschaftlich offenkundig nicht verbraucht.

AWS wächst so schnell wie seit Jahren nicht
Die Geschäftszahlen aus dem Sommer stützen das Bild einer Nachfrage, die dem Angebot davonläuft. Im zweiten Quartal des laufenden Geschäftsjahres steigerte die Cloudsparte AWS ihren Umsatz im Jahresvergleich um 37 Prozent auf 42,2 Milliarden Dollar, das stärkste Wachstum seit 18 Quartalen, wie aus dem Quartalsbericht von Ende Juli hervorgeht. Der Analystenkonsens hatte lediglich ein Plus von 31 Prozent erwartet. Noch kräftiger zog der operative Gewinn der Sparte an, der von 10,2 auf 16,6 Milliarden Dollar kletterte und damit deutlich schneller wuchs als der Umsatz. Den Auftragsbestand bezifferte Konzernchef Andy Jassy auf 496 Milliarden Dollar.
Ein Ende der Knappheit sieht Jassy vorerst nicht, auch nicht mit dem geplanten Rekordbudget für Rechenzentren. Wir werden trotzdem nicht genug Kapazität haben, um die gesamte Nachfrage im Jahr 2026 zu bedienen, und ich glaube, dass diese Dynamik auch 2027 gelten wird, tatsächlich sei die Nachfrage, die man bereits für 2028 habe, bemerkenswert, sagte er nach Vorlage der Quartalszahlen. Vor diesem Hintergrund wirkt der Preisaufschlag weniger wie ein Wagnis als wie die logische Folge eines Verkäufermarkts.
Zwischen Preismacht und Kapitalhunger
Die offizielle Lesart einer ungebremsten Nachfrage erzählt allerdings nur einen Teil der Geschichte. Amazon will in diesem Jahr rund 220 Milliarden Dollar investieren, fast doppelt so viel wie im Vorjahr. Wie CNBC berichtete, begründete der Konzern die erhöhte Investitionsplanung mit gestiegenen Kosten für Speicherchips. Die höheren Mietpreise lassen sich daher auch als Versuch lesen, wachsende Einkaufskosten an die Kunden weiterzureichen, statt sie über die eigene Marge abzufedern.

Wie groß der Kapitalbedarf tatsächlich ist, zeigt ein Bericht der Financial Times: Demnach will Amazon Nvidia-Chips im Wert von rund acht Milliarden Dollar an externe Investoren verkaufen und anschließend zurückmieten. Die Prozessoren würden damit aus der eigenen Bilanz verschwinden. Eine Stellungnahme des Konzerns lag zunächst nicht vor. MarketWatch wertet beide Schritte, Preiserhöhung und Sale-and-lease-back, als Zeichen der Finanzierungsenge, in der sich die großen Cloudanbieter beim KI-Ausbau inzwischen befinden.
Worauf es bei den nächsten Zahlen ankommt
Ob die Preiserhöhungen vor allem Nachfrage abschöpfen oder lediglich gestiegene Kosten ausgleichen, wird sich in der Ergebnisentwicklung von AWS zeigen. Der nächste belastbare Datenpunkt sind die Zahlen zum dritten Quartal, die Ende Oktober erwartet werden. Entscheidend wird sein, ob die Sparte das Wachstumstempo aus dem zweiten Quartal halten kann und ihr operativer Gewinn weiterhin schneller steigt als der Umsatz, denn genau dieses Verhältnis entscheidet darüber, ob Amazon seine enormen Investitionen in Rechenzentren und Chipkapazität tatsächlich in nachhaltige Profitabilität verwandelt oder ob die aktuelle Preismacht in erster Linie dazu dient, den eigenen Kapitalhunger zu stillen.



