Eine einzige Meldung hat die Cerebras-Story ins Wanken gebracht
Cerebras galt als einer der spannenden Herausforderer im KI-Chip-Markt. Jetzt bekommt die Wachstumsgeschichte einen unangenehmen Realitätscheck.
Die Aktie verlor in der vergangenen Woche rund 20 Prozent an der NASDAQ. Mit einem Schlusskurs von 166,43 US-Dollar erreichte sie den niedrigsten Stand seit dem Börsengang im Mai.
Der Auslöser war eine Meldung mit enormer Sprengkraft. Das Researchhaus SemiAnalysis schrieb auf X, die neue Ultrafast-Stufe von OpenAIs Modell GPT-6.1 Sol laufe bei niedriger Batch-Größe auf NVIDIA-GPUs und nicht auf Cerebras-Hardware.
Für Cerebras ist das mehr als eine technische Detailfrage. Es geht um die Glaubwürdigkeit einer der wichtigsten Wachstumserzählungen des Unternehmens.
OpenAI schweigt genau an der entscheidenden Stelle
OpenAI hatte auf seiner Entwicklerkonferenz DevDay am 29. September GPT-6.1 Sol vorgestellt und eine Ultrafast-Version angekündigt. Diese soll in Codex bis zu achtmal schneller Tokens erzeugen können.
Das Problem für Cerebras: Das Unternehmen hatte am 13. August selbst mitgeteilt, die Ultrafast-Stufe des Vorgängermodells GPT-5.6 Sol anzutreiben – zunächst als Limited Preview.
Dann kam der Bericht von SemiAnalysis.
OpenAI-Chef Sam Altman reagierte zwar auf die Spekulationen. Er bezeichnete Cerebras als engen Partner und erklärte, beide Unternehmen arbeiteten intensiv an der Grenze der Geschwindigkeit. Die konkrete Frage nach GPT-6.1 Sol, der Ultrafast-Stufe oder NVIDIA beantwortete er jedoch nicht.

Damit bleibt genau jene Frage offen, die Anleger derzeit beschäftigt.
Für Cerebras geht es um einen Kunden von existenzieller Bedeutung
Die Unsicherheit wiegt besonders schwer, weil Cerebras selbst vor einer Abhängigkeit von wenigen Großkunden warnt. Dazu gehören unter anderem OpenAI, Group 42 Holding, MBZUAI und Amazon Web Services.
Das Verhältnis zu OpenAI hat dabei eine außergewöhnliche Größenordnung. Cerebras bezifferte ein Mehrjahresabkommen mit OpenAI auf mehr als 20 Milliarden US-Dollar und 750 Megawatt Leistung.
Ende Juni 2026 lagen die verbleibenden Leistungsverpflichtungen aus diesem Geschäft laut den Angaben des Unternehmens bei 25,4 Milliarden US-Dollar.
Genau deshalb kann eine offene Hardwarefrage an der Börse schnell zur Grundsatzdebatte werden. Wenn ein entscheidender Teil der erwarteten Nachfrage tatsächlich auf NVIDIA-Chips läuft, stellt sich automatisch die Frage, wie viel vom künftigen Wachstum Cerebras tatsächlich zufließt.
NVIDIA sitzt plötzlich wieder mitten in der Cerebras-Geschichte
Der Rivale ist dabei ausgerechnet der dominante KI-Chipkonzern NVIDIA. Sollte sich bestätigen, dass die besonders schnelle OpenAI-Modellstufe auf NVIDIA-Hardware betrieben wird, wäre das für Cerebras ein empfindlicher Dämpfer.
Denn die Investmentstory von Cerebras basiert nicht zuletzt auf der Fähigkeit, KI-Inferenz besonders schnell und effizient abzuwickeln. Wenn ausgerechnet bei einer hochprofiligen Anwendung NVIDIA-Hardware zum Einsatz kommt, müssen Anleger genauer hinschauen.
Noch ist allerdings nicht geklärt, wie die Hardware-Verteilung tatsächlich aussieht. Der Bericht von SemiAnalysis und Altmans ausweichende Antwort liefern keinen endgültigen Beweis für eine Abkehr von Cerebras.

Die Börse hat die Unsicherheit trotzdem bereits eingepreist.
Jetzt kommt noch eine zweite Verkaufswelle hinzu
Als wäre die OpenAI-Frage nicht unangenehm genug, droht Cerebras gleichzeitig ein erheblicher Anstieg des Aktienangebots.
Am 30. September wurden bis zu 19,4 Millionen Aktien von Vorständen, Managern, Mitarbeitern und anderen Altaktionären handelbar. Das entspricht laut Prospekt rund acht Prozent der ausstehenden Aktien.
Damit ist der Verkaufsdruck noch nicht vorbei.
Weitere Tranchen von jeweils rund 19,4 Millionen Aktien sollen am 14. und 28. Oktober 2026 freigegeben werden. Eine weitere Freigabe ist nach den Zahlen zum dritten Quartal beziehungsweise spätestens am 9. November vorgesehen.
Für eine Aktie, die gerade erst 20 Prozent verloren hat, ist das eine denkbar unangenehme Ausgangslage. Selbst wenn niemand verkaufen müsste, weiß der Markt, dass zusätzliches Angebot entstehen kann.
Auch Verkäufe aus dem Management sorgen für Aufmerksamkeit
Zusätzlichen Gesprächsstoff liefern bereits erfolgte Verkäufe aus dem Management.
CNBC berichtete, dass CEO Andrew Feldman und CTO Sean Lie zwischen dem 20. August und dem 25. September Class-A-Aktien im Wert von mehr als 240 Millionen US-Dollar verkauft haben. Grundlage waren demnach Verkaufspläne, die kurz nach dem Börsengang eingerichtet worden waren.
Das muss nicht automatisch ein negatives Signal sein. Vorab festgelegte Verkaufspläne können unabhängig von der aktuellen Markteinschätzung ausgeführt werden.
Für Anleger zählt allerdings zunächst etwas anderes: Wie viel Aktienangebot kommt noch auf einen Markt, der ohnehin nervös geworden ist?

Analysten sehen den Absturz bislang als Kaufchance
Bemerkenswert ist deshalb die Diskrepanz zwischen Aktienkurs und Analystenmeinungen.
Auf TipRanks liegt das durchschnittliche Kursziel derzeit bei 288,67 US-Dollar. Ausgehend vom jüngsten Schlusskurs von 166,43 US-Dollar wäre das ein erhebliches Aufwärtspotenzial.
Noch auffälliger: Alle zehn dort erfassten Analysten stufen die Aktie mit „Buy“ ein.
Auch am Montag gibt es zunächst eine Gegenbewegung. Vorbörslich gewinnt die Cerebras-Aktie 6,26 Prozent auf 176,85 US-Dollar.
Das bedeutet allerdings noch keine Entwarnung. Der Markt muss jetzt zwei Belastungsproben gleichzeitig verdauen: die offene Frage nach der tatsächlichen OpenAI-Hardware und die schrittweise Freigabe großer Aktienpakete.
Der 14. Oktober könnte zum nächsten Stresstest werden
Für Anleger rückt deshalb ein konkretes Datum in den Fokus. Am 14. Oktober steht die nächste Lock-up-Freigabe an.
Bis dahin dürfte die entscheidende Frage lauten, ob sich der Markt von der OpenAI-Sorge wieder beruhigt oder ob die Zweifel an der Cerebras-Wachstumsgeschichte weiter zunehmen.
Parallel soll die Partnerschaft mit AMD für disaggregierte Inferenz im vierten Quartal 2026 in Produktion gehen. Auch dieser Schritt könnte zeigen, wie breit Cerebras seine Kundenbasis und Technologiepartnerschaften tatsächlich aufstellen kann.

Die Aktie hat damit kurzfristig eine ungewöhnlich schwierige Konstellation vor sich. Ein milliardenschwerer OpenAI-Vertrag liefert zwar enorme Fantasie. Doch solange niemand eindeutig erklärt, welche Chips die schnellste Modellstufe tatsächlich antreiben, bleibt diese Fantasie an der Börse unter Vorbehalt.
Und wenn im Oktober gleichzeitig Millionen weiterer Aktien handelbar werden, könnte der nächste Kurssturz schon deutlich weniger überraschend kommen.



