Die Straßen Teherans zeigen kurz vor der Präsidentschaftswahl am 28. Juni nur wenig von politischem Wettbewerb. Wahlplakate versprechen eine Verbesserung der Wirtschaftslage, Fortschritt und Dienst am Bürger, doch konkrete Programme fehlen. Stattdessen dominieren religiöse Festbanner das Stadtbild.
Einst war die Unterstützung für Kandidaten wie Hassan Ruhani, der gegen Ebrahim Raisi kandidierte, öffentlich sichtbar. Heute spaltet tiefe Gesellschaftsnarben das Land, und die Hoffnung auf Annäherung an den Westen ist verblasst. Militärische Spannungen hatten zuletzt die politische Szene dominiert.
Trotzdem schafft es der moderate Kandidat Massud Peseschkian, ehemalige Gesundheitsminister, in der Wahlkampfzeit Hoffnung zu wecken. Bei einer Veranstaltung warteten Anhänger stundenlang in einer Sporthalle auf seinen Auftritt, und seine Rede wurde begeistert aufgenommen.
Die Kandidatenliste der Wahl besteht aus sechs handverlesenen Bewerbern, von denen sich vor allem die Fundamentalisten, wie Parlamentspräsident Mohammed Bagher Ghalibaf und Hardliner Said Dschalili, stark positionieren. Der moderate Peseschkian hingegen genießt die Unterstützung der Reformer und könnte bei hoher Wahlbeteiligung Chancen haben.
Der forscherische Optimismus früherer Jahre ist jedoch kaum noch spürbar. Das Vertrauen in große politische Veränderungen ist gering, insbesondere nach den Protesten wegen des Todes von Jina Masa Amini und dem Rekordtief der Wahlbeteiligung im letzten Jahr.
Das politische System des Iran, das republikanische und theokratische Elemente vereint, lässt freie Wahlen nicht zu, und das Kontrollgremium des Wächterrats prüft streng die Kandidaten. Der Präsident hat im Vergleich zum Religionsführer Ajatollah Ali Chamenei begrenzte Macht.
Die Bevölkerung zeigt vermehrt Frustration über Themen wie die Wirtschaftslage und die Abwanderung von Fachkräften. Regierungsanhänger hoffen jedoch auf Einigkeit und Machterhalt durch Kandidaten wie Dschalili und Ghalibaf. Experten erwarten keine grundsätzlichen politischen Veränderungen. Die Iran-Expertin Azadeh Zamirirad sieht die besten Chancen bei den Konservativen, geht jedoch davon aus, dass die Wahlbeteiligung ein wichtiger Gradmesser für die Legitimität des Regimes bleibt.