Nach dem tragischen Tod von Präsident Ebrahim Raisi im Mai steht der Iran vor der Wahl seines Nachfolgers. Religionsführer Ajatollah Ali Chamenei eröffnete die Wahl am Freitag mit seiner eigenen Stimmabgabe in Teheran. Die Präsidentenwahl findet unter dem Schatten einer schweren Wirtschaftskrise, Spannungen mit westlichen Staaten und zunehmendem Frust in der jungen Bevölkerung statt. Erste Ergebnisse werden am Samstag erwartet.
Mit rund 61 Millionen stimmberechtigten Bürgern öffneten die Wahllokale ursprünglich von 8.00 bis 18.00 Uhr Ortszeit, die Frist wurde jedoch bis 20.00 Uhr verlängert. Die Wahl wird im Fall keiner absoluten Mehrheit in eine Stichwahl am 5. Juli münden. Der mächtige Wächterrat genehmigte lediglich sechs Kandidaten, von denen sich zwei zurückzogen, was den Wettbewerb auf vier beschränkte.
Spannungen gibt es vor allem im konservativen Lager, wo sich Parlamentspräsident Mohammed Bagher Ghalibaf und Hardliner Said Dschalili gegenüberstehen. Ghalibaf, ein früherer General der Revolutionsgarden, trifft auf Dschalili, einen früheren Chefunterhändler bei den Atomverhandlungen. Der moderate Politiker Massud Peseschkian gilt als ernstzunehmender Herausforderer. Peseschkian, ehemaliger Gesundheitsminister, positionierte sich im Wahlkampf kritisch gegenüber der Kopftuchpolitik und setzte auf bürgerliche Themen, während er gleichzeitig Loyalität zu Chamenei und den Revolutionsgarden bekundete.
Peseschkian hofft vor allem auf die Unterstützung durch eine hohe Wahlbeteiligung, die seinen Chancen in einer Stichwahl gegen einen konservativen Kandidaten zugutekommen könnte. Doch bleibt der Präsident im Iran mit begrenzten Machtbefugnissen, da der Religionsführer das letzte Wort in strategischen Belangen hat.
Die Hoffnungen auf grundlegende innenpolitische Veränderungen sind gering, besonders nach landesweiten Protesten 2022 und einer Parlamentswahl mit rekordtiefen Wahlbeteiligungen. Aktivisten und prominente Kritiker wie die inhaftierte Friedensnobelpreisträgerin Narges Mohammadi riefen zum Boykott auf. Der Wahlkampf drehte sich hauptsächlich um die Bewältigung der schweren Wirtschaftskrise und das Verhältnis zum Westen.
Irans politisches System bleibt seit der Revolution von 1979 eine Mischung aus republikanischen und theokratischen Elementen, wobei echte freie Wahlen weiterhin ausbleiben. Kandidaten werden durch den Wächterrat streng auf ihre Systemkonformität überprüft, und oppositionelle Stimmen geraten oft unter Druck.