19. Oktober, 2026

Startups & VC

Die Influencer-Ökonomie hat ein Klumpenrisiko: Wenn die Person die Firma ist

Der Fall JP Performance ist kein Einzelfall, sondern ein Strukturproblem: Warum Creator-Unternehmen ein Risiko tragen, das keine Bilanz zeigt – und wer es bezahlt.

InvestmentWeek, 4. September 2026. Die deutsche Creator Economy hat ihren ersten Totalausfall eines Großunternehmens — und die Branche täte gut daran, ihn nicht als Einzelfall abzuheften. Jean Pierre Kraemers Ankündigung, nach teilweise eingeräumten Gewaltvorwürfen alle rund 18 Firmen zu schließen, ist das Lehrbuchbeispiel eines Risikos, das in der Branche strukturell angelegt und systematisch unterbepreist ist: das Klumpenrisiko Person.

Eine Branche aus lauter Einzelrisiken

Influencer-Unternehmen entstehen fast zwangsläufig um eine Person herum — das ist ihr Wettbewerbsvorteil. Nähe, Authentizität und parasoziale Bindung lassen sich nicht delegieren. Genau deshalb skalieren diese Firmen anders als klassische Unternehmen: Nicht das Produkt wird multipliziert, sondern die Person wird auf immer mehr Produkte multipliziert. Kraemer war mit Werkstatt, Museum, Gastronomie und Mode der deutsche Extremfall dieses Musters — vier Branchen, ein Gesicht.

Das Ergebnis ist eine Risikostruktur, die es in der klassischen Wirtschaft so nicht gibt: Ein Unternehmen mit 100 Millionen Euro Umsatz und null Redundanz. Kein Vorstand kann die Person ersetzen, keine PR-Abteilung kann sie überstimmen, kein Aufsichtsrat kann sie abberufen — sie ist Gesellschafter, Geschäftsführer und Produkt in Personalunion.

Wer das Risiko trägt — und wer es bepreisen müsste

Mitarbeiter tragen es zuerst: Rund 80 Beschäftigte verlieren im Fall Kraemer voraussichtlich ihre Stelle, ohne dass ihr Arbeitgeber je operativ gescheitert wäre. Geschäftspartner und Sponsoren haben gelernt, sich mit Wohlverhaltensklauseln abzusichern — ihre Reaktionszeit lag im Fall Kraemer bei Tagen. Vermieter, Banken und Lieferanten dagegen bepreisen das Personenrisiko bislang kaum: Ein Mietvertrag über zehn Jahre mit einer Creator-Gesellschaft ist eine Wette darauf, dass sich eine einzelne Person ein Jahrzehnt lang nichts zuschulden kommen lässt.

Was sich ändern wird

Der Fall dürfte drei Konsequenzen haben. Erstens: Due Diligence bei Creator-Firmen wird künftig die Person durchleuchten wie sonst nur den Cashflow — inklusive des privaten Umfelds. Zweitens: Verträge werden kürzer, Klauseln schärfer, Vorauszahlungen seltener. Drittens: Die wenigen Creator-Unternehmen, die den Übergang von der Personen- zur Produktmarke geschafft haben, werden mit Bewertungsprämien belohnt — weil sie das einzige Risiko losgeworden sind, gegen das es keine Versicherung gibt. Die Lehren für Gründer im Einzelnen.

Die unbequeme Wahrheit für Investoren: Die Rendite der Creator Economy war nie risikolos hoch — das Risiko war nur unsichtbar, bis es einer sichtbar machte.