192 Satelliten, aber kein Angriff auf Starlink
Das britische Unternehmen Open Cosmos hat angekündigt, eine Konstellation von 192 Satelliten in den niedrigen Erdorbit zu bringen, 96 davon bis Ende 2028. Die Flotte heißt ConnectedCosmos und soll sichere, widerstandsfähige Datenverbindungen aus dem Weltall herstellen. Der nächste Start ist noch vor Jahresende geplant.

Mit dem Konsumentenmarkt will Open Cosmos nichts zu tun haben. „Wir wollen nicht alle Mobiltelefone der Welt direkt verbinden“, sagt Gründer und CEO Rafel Jordà Siquier. „Unser Fokus liegt auf resilienter Punkt-zu-Punkt-Konnektivität für Regierungen und kritische Infrastruktur.“ Ziel sind institutionelle Kunden, nicht der Kampf mit dem Marktführer. Starlink von SpaceX dominiert mit mehr als 10.000 Satelliten klar, in Europa ist vor allem Eutelsat mit der Konstellation OneWeb aktiv, die aus mehr als 600 Satelliten besteht.
Laser statt Bodenstation
Das technische Prinzip erklärt Jordà Siquier so: Bilder, Videos und andere Daten werden per Laser direkt von Satellit zu Satellit übertragen. „Ein Terminal in Berlin kann direkt mit einem Terminal in Singapur kommunizieren, ohne andere Infrastruktur nutzen zu müssen.“ Das Netzwerk umgeht damit verwundbare Bodenstationen und internationale Unterseekabel. Die Satelliten sollen auch vernetzte Geräte verbinden können.
„Es geht nicht darum, Netflix zu schauen, sondern kritische Informationen von Sensoren, Fahrzeugen oder Schiffen zu übertragen.“
Der Bedarf wächst rasant: Im Krieg Russlands gegen die Ukraine hat sich Starlink als essenzielle Infrastruktur erwiesen, nun erwägen zahlreiche Regierungen eigene Konstellationen. Gleichzeitig sind Erdbeobachtungssatelliten gefragt, an denen Open Cosmos ebenfalls arbeitet, etwa im Infrarotbereich oder hyperspektral. Ein denkbarer Einsatz: Ein Satellit erkennt über einem Wald ungewöhnlich steigende Temperaturen, identifiziert per KI einen möglichen Brand und gibt die Information über die eigenen Kommunikationssatelliten direkt an Einsatzkräfte weiter, selbst wenn die Mobilfunknetze ausfallen. „In fünf Jahren wollen wir das erste System zur globalen Beobachtung und Vernetzung in Betrieb haben.“
Produktion in Europa, Übernahmen in Deutschland denkbar
Open Cosmos baut seine Satelliten in eigener europäischer Fertigung. Aktuell kann das Unternehmen einen Satelliten pro Tag produzieren, allein in diesem Jahr entstanden in den vier europäischen Fabriken mehr als 65. Erst Mitte September hatte das Unternehmen eine Finanzierungsrunde über 300 Millionen Euro bekannt gegeben. In Großbritannien, Spanien, Portugal und Griechenland beschäftigt es knapp 400 Mitarbeiter.
Für weiteres Wachstum braucht es mehr Fabriken. Deutschland sei dafür ein sehr interessanter Standort, sagt Jordà Siquier: „Wir prüfen dort mögliche Übernahmen und weitere Aktivitäten.“ Die Ingenieurskompetenz sei in ganz Europa bekannt, die Qualität der Technologien hervorragend.
Großbritannien hat Open Cosmos zudem als zertifizierten Anbieter für das staatliche TacSys-Projekt ausgewählt. Das bis zu acht Milliarden Pfund, umgerechnet 9,4 Milliarden Euro, teure Programm soll innovative Satellitentechnologien aus der erdnahen Umlaufbahn in die Kommunikationsstrukturen des Militärs integrieren.

Starke Konkurrenz und ein Engpass bei den Raketenstarts
Ob Open Cosmos auch andere Regierungen überzeugen kann, muss sich zeigen. Führende Satellitenhersteller, darunter Airbus, planen mit der Allianz Bromo die Gründung eines großen europäischen Satellitenbauers. Zudem drängen immer mehr Start-ups und ausländische Unternehmen wie Rocket Lab in den europäischen Markt. Bei der europäischen Konstellation Iris² bauen etablierte Unternehmen, darunter OHB aus Bremen, 18 größere Satelliten im Medium Earth Orbit für knapp eine Milliarde Euro. Für den Großteil von bis zu 264 kleineren Satelliten im niedrigen Orbit kam das belgische Start-up Aerospacelab zum Zug.
Ein Engpass könnte der Zugang zu Raketenstarts werden. SpaceX bietet laut Medienberichten aktuell keine neuen Massenstarts für kleinere Satelliten an, europäische Raketen-Start-ups berichten, ihr Markt sei bis Ende 2028 ausgebucht. Open Cosmos führt nach eigenen Angaben „fortgeschrittene Gespräche mit mehreren Startanbietern über weitere Missionen zwischen Ende 2026 und Mitte 2027“.
Einordnung
Der Plan trifft einen Nerv: Europa will bei der Satellitenkommunikation unabhängiger von amerikanischen Anbietern werden, und Open Cosmos besetzt dafür bewusst eine Nische, in der es nicht gegen Starlink antreten muss. Gleichzeitig ist die Ankündigung ehrgeizig. Zwischen 192 geplanten und der heutigen Zahl tatsächlich gestarteter Satelliten liegt noch ein weiter Weg, und der Zugang zu Raketenstarts ist alles andere als gesichert. Für Anleger ist Open Cosmos als nicht börsennotiertes Start-up derzeit kein direkter Investmentfall, die Entwicklung zeigt aber, wohin sich Aufträge und Kapital im europäischen Raumfahrtmarkt bewegen.

