Das Minus von 80,7 Milliarden Dollar sagt wenig über das Geschäft
Seit Montag liegt der Börsenprospekt öffentlich bei der US-Börsenaufsicht SEC. Er zeigt für das erste Halbjahr einen Nettoverlust von 80,7 Milliarden Dollar. Das klingt nach Katastrophe, ist aber vor allem Buchhaltung: Rund 90 Prozent gehen auf einmalige Bewertungseffekte zurück, die keinen Euro an liquiden Mitteln gekostet haben.

Schon für 2025 war der Mechanismus bekannt. Den Berichten zufolge stand dort ein Nettoverlust von rund 42 Milliarden Dollar, von denen etwa 34 Milliarden aus der Neubewertung von Papieren stammten, die in Aktien umgewandelt werden können. Je höher die Firma bewertet wird, desto größer der Buchverlust. Ein Kuriosum, das mit dem Erfolg wächst.
Das operative Bild ist deutlich freundlicher. Im ersten Halbjahr erwirtschaftete Anthropic einen operativen Gewinn von etwa 1,6 Milliarden Dollar, knapp zehn Prozent vom Umsatz. Für ein Unternehmen dieses Alters ist das eine Marge, von der Konkurrent OpenAI nach gleicher Rechnung weit entfernt ist.
Beim Umsatz wirkt der Preis dreimal so hoch wie üblich
Der angepeilte Börsenwert liegt zwischen 1,5 und 2 Billionen Dollar. Auch Medienberichte nennen als Orientierung SpaceX, das im Juni mit rund 1,77 Billionen Dollar bewertet wurde. Bezogen auf den Umsatz der letzten zwölf Monate von gut 36 Milliarden Dollar ergibt sich bei 1,5 Billionen das 42-Fache.
Die Vergleichszahl: Börsenneulinge der vergangenen fünf Jahre kamen laut Daten des Forschers Jay Ritter im Schnitt auf das 15-Fache. Anthropic wäre also selbst an der unteren Grenze fast dreimal so teuer. Rechnet man mit der Jahresrate von 65 Milliarden Dollar aus dem September, sinkt der Faktor auf etwa 23, bei zwei Billionen Dollar auf 31.
Das Wachstum verändert die Rechnung
Das Problem der Vergleichszahl: Sie schaut zurück. Anthropic wächst in einem Tempo, das in der Börsengeschichte kaum Vorbilder hat. Der Umsatz stieg 2025 auf das Zwölffache, auf knapp 4,6 Milliarden Dollar. Die Jahresrate legte von Januar bis September um etwa 500 Prozent zu.
Dazu kommt die Marktstellung. Schätzungen zufolge entfallen 35 bis 40 Prozent der US-Umsätze mit Sprachmodellen auf Claude, auf OpenAI etwa 25 und auf Google rund 20 Prozent. Wer vorn liegt, kann höhere Preise durchsetzen, und genau darauf baut der Aufschlag auf.

Der Vergleich mit OpenAI und SpaceX relativiert den Preis
Beide Rivalen taugen als Maßstab. SpaceX ging im Juni mit dem 70-Fachen der Jahresrate an die Börse, Anthropic läge bei gut einem Drittel davon. OpenAI muss dagegen Federn lassen: Die Jahresrate wurde Anfang Oktober um fast 30 Prozent auf 50 Milliarden Dollar gekappt, und eine Finanzierungsrunde bewertet das Start-up nach Informationen der Financial Times nur noch mit 1,25 Billionen Dollar, das 25-Fache.
Relativ gesehen wirkt Anthropic damit gar nicht überteuert. Ob das ein Argument für Anthropic oder ein Zeichen für überhitzte KI-Preise insgesamt ist, bleibt offen.
Die Umsatzzahl hat eine Fußnote
Wer die Umsätze der Anbieter vergleicht, muss eine Unschärfe kennen. Analysten wie die von Futurum weisen darauf hin, dass Anthropic Verkäufe über Cloud-Partner brutto verbucht, also mit dem gesamten Betrag, während OpenAI nach ihrer Darstellung nur den eigenen Anteil ausweist. Die Frage klärt die SEC-Prüfung. Bis dahin sind Kennzahlen im Vergleich mit OpenAI mit Vorsicht zu lesen.

Zwei Risiken können die Rechnung kippen
Das erste ist die Abhängigkeit von Großkunden. Rund 2.200 Kunden, die mehr als eine Million Dollar zahlen, stehen für schätzungsweise mehr als ein Viertel des Umsatzes zwischen Juli 2025 und Juni 2026. Wechseln wenige von ihnen zu günstigeren Anbietern, schlägt das sofort auf die Zahlen durch.
Das zweite sind die Verpflichtungen. Anthropic hat sich zu langfristigen Ausgaben von mehr als 600 Milliarden Dollar verpflichtet, allein bis zu 114,5 Milliarden Dollar bis 2033 an Google für Rechenleistung. Dieses Geld muss das Unternehmen erst verdienen. Sinkt das Wachstum, bleiben die Kosten stehen.
Wer zeichnet, kauft eine Wette auf die Dauer des Wachstums
Anthropic ist nach klassischen Kennzahlen teuer und nach Wachstumskennzahlen vergleichsweise günstig. Beide Lesarten stimmen. Welche am Ende zählt, entscheidet nicht die Bewertung am ersten Handelstag, sondern die Frage, ob die Jahresrate auch in zwei Jahren noch so schnell steigt, wie es der Kurs verlangt.


