In einem Zeitpunkt erhöhter politischer Brisanz hat der chinesische Präsident Xi Jinping den ehemaligen taiwanesischen Staatsführer Ma Ying-jeou in Empfang genommen. Die Zusammenkunft erfolgte nach einer kontrovers diskutierten Visite Mas in der Volksrepublik. Der chinesische Staatschef betonte die Notwendigkeit, sich den Bestrebungen nach Unabhängigkeit und äußerer Einmischung zu widersetzen. Er vertrat die Auffassung, der Prozess einer Vereinigung der beiden politischen Entitäten sei ein unaufhaltsamer historischer Vorgang.
Ma Ying-jeou, der frühere Präsident, dankte für die Zusammenkunft und sprach sich für Kontinuität und Stabilität im Verhältnis zwischen dem chinesischen Festland und Taiwan aus. Dabei hob er die gemeinsame nationale Identität, trotz differierender politischer Systeme, hervor und warnte vor den Konsequenzen einer möglichen Auseinandersetzung.
In Taiwan hingegen stoßen die Begebenheiten auf Verstimmung: Die Repräsentationsweise Mas, der die Wahrung taiwanesischer Souveränität und Demokratie zu wenig unterstrichen habe, wird bemängelt. Die Vorwürfe aus Taipeh lauten, dass die Volksrepublik über militärische und wirtschaftliche Druckmittel versuche, ihre Vorstellung von Einheit durchzusetzen.
Ma Ying-jeou, Mitglied der Kuomintang und von 2008 bis 2016 an der Macht, offenbart durch seine China-Reise eine deutliche Annäherung an die Großmacht. Mit diesem Besuch festigt er seinen Status als erster ehemaliger taiwanesischer Präsident, der solch eine Reise antrat. Die Begegnung mit Xi steht als zweiter derartiger Anlass in den Geschichtsbüchern, nach einer Premiere im November 2015 in Singapur.
Die politische Bühne Taiwans wird inzwischen von Lai Ching-te und der Demokratischen Fortschrittspartei beherrscht, die von Peking als separatistische Kraft eingestuft wird. Während die Volksrepublik Taiwan als Teil ihres Staatsgebildes betrachtet, steht dem das seit Langem unabhängige und demokratisch verfasste Regierungssystem Taiwans gegenüber. Xi Jinping hat in der Vergangenheit mit dem Einsatz militärischer Gewalt gedroht, um die angestrebte Vereinigung zu vollziehen, sollte sie sich nicht auf friedlichem Wege realisieren lassen.