Das Tauziehen um Taiwan intensiviert sich und stellt eine zunehmende Herausforderung für die globale Diplomatie dar. Das wohlhabende und demokratisch verfasste Taiwan steht unmittelbar vor der südchinesischen Küste und entpuppt sich mehr und mehr als Zankapfel zwischen den Vereinigten Staaten und China. Obwohl die Streitfrage über die territoriale Zugehörigkeit Taiwans weitestgehend ungeklärt bleibt, manifestiert sich die Spannung in zunehmend routinemäßigen Militärübungen Chinas. Präsident Xi Jinping sieht in diesen Aktionen den Ausdruck für Chinas Streben, die verlorene Provinz zurückzugewinnen. Ein Stolperstein für diese Ambitionen sind neben der Präsenz der US-Pazifikflotte vor allem die Stimmen der taiwanesischen Wählerschaft, die sich in den letzten drei Wahlzyklen deutlich gegen engere Bindungen an Peking ausgesprochen haben.
Seit Jahrhunderten ist Taiwans strategische Lage ein Spielball der Mächte; die Insel stand unter spanischer, niederländischer sowie Herrschaft der Qing-Dynastie Chinas. Nachdem die Niederlage gegen Japan im Jahr 1895 die Qing zur Abtretung Taiwans zwang, schwor sich ein Teil der nachfolgenden chinesischen Generationen, darunter auch Xi Jinping, die Wiedervereinigung mit dem verlorenen Teil des Landes auf die Fahnen zu schreiben. Für die USA und Japan ist Taiwan hingegen ein zentrales Element in einer Abwehrkette von Inselbögen, die strategisch dazu dient, China einzudämmen und wichtige Handelsrouten zu sichern. Unter dem Schutz Amerikas entwickelte sich Taiwan zu einem unverzichtbaren Zulieferer von Halbleitern und weiteren Spitzentechnologiegütern. Mit einer Bevölkerung von 23,5 Millionen Menschen hat sich die Insel ebenso zu einer der lebendigsten Demokratien in Asien entwickelt und liefert somit ein praktisches Gegenbeispiel zu den Thesen der Kommunistischen Partei, die behauptet, westliche politische Strukturen stünden im Widerspruch zur chinesischen Kultur.