Deutschland hat bei der Europawahl eine politische Wende erlebt. Die Sozialdemokraten und ihre Partner in der Ampel-Koalition haben deutliche Verluste hinnehmen müssen, während die Union einen Kantersieg errang. Besonders bemerkenswert ist der Erfolg der AfD, die bundesweit auf den zweiten Platz kletterte und im Osten Deutschlands zur stärksten Kraft avancierte.
Den neuesten Hochrechnungen von ARD und ZDF zufolge konnte die Union ihren Stimmenanteil leicht auf 30,1 bis 30,3 Prozent steigern, während die AfD mit 16 bis 16,2 Prozent ihr bislang bestes Ergebnis bei einer bundesweiten Wahl erzielte. Trotz dieses Erfolges blieb das Ergebnis der AfD hinter den zwischenzeitlichen Umfragewerten zurück. Die SPD stürzte auf 13,9 bis 14 Prozent ab und verzeichnete damit ihr schlechtestes Ergebnis bei einer bundesweiten Abstimmung überhaupt. Auch die Grünen und die FDP mussten Verluste hinnehmen: Die Grünen kamen nur noch auf 11,9 Prozent, während die FDP knapp über der Fünf-Prozent-Marke pendelte.
Die Linke erlitt ebenfalls eine schwere Niederlage und fiel auf 2,7 bis 2,8 Prozent, während die neu gegründete Partei BSW von Sahra Wagenknecht mit 5,9 bis 6 Prozent aus dem Stand heraus beachtliche Erfolge erzielte. Auch die Volt-Partei landete mit 2,5 bis 2,6 Prozent deutlich unter der Fünf-Prozent-Hürde. Ohne Sperrklausel, wie sie bei Bundestags- und Landtagswahlen üblich ist, konnte jedoch jede dieser Parteien Abgeordnete ins Parlament entsenden. Erstmals durften auch 16- und 17-Jährige in Deutschland an der Europawahl teilnehmen, die Wahlbeteiligung stieg auf 65 Prozent.
Die Reaktionen aus den Parteizentralen ließen nicht lange auf sich warten. SPD-Chef Lars Klingbeil sprach von einer "bitteren Niederlage" und kündigte eine intensive Aufarbeitung an. CDU-Chef Friedrich Merz forderte die Ampel-Regierung auf, ihren Kurs zu ändern, während CSU-Chef Markus Söder die Koalition als "de facto abgewählt" bezeichnete. AfD-Chef Tino Chrupalla nannte das Wahlergebnis seiner Partei „historisch“ und hofft auf weiteren Rückenwind für die kommenden Landtagswahlen.
Auch auf europäischer Ebene setzte sich der Trend fort. Das Mitte-Rechts-Bündnis EVP, angeführt von Ursula von der Leyen, konnte starke Zugewinne verzeichnen. Trotz des Aufstiegs rechter Parteien bleibt das proeuropäische Lager die dominierende Kraft im Europäischen Parlament.
Insgesamt waren rund 360 Millionen Bürger aus den 27 EU-Staaten wahlberechtigt, darunter etwa 61 Millionen Deutsche. In Deutschland wurden parallel zur Europawahl in acht Bundesländern auch kommunale Wahlen abgehalten, in Thüringen gab es zudem Stichwahlen für zahlreiche entscheidende Positionen.