Der Börsengang übertraf jede Erwartung noch am ersten Handelstag
Zwanzig Jahre lang hatten Anleger darauf gewartet, an Elon Musks Raumfahrtimperium teilhaben zu können. Am 12. Juni 2026 war es endlich so weit. SpaceX platzierte 555,6 Millionen Aktien zum Preis von 135 Dollar und sammelte damit 75 Milliarden Dollar ein, mehr als jedes Unternehmen zuvor in der Geschichte der Kapitalmärkte. Zum Vergleich, Saudi Aramco brachte es 2019 auf 29,4 Milliarden Dollar. Alibaba wirkt gegen SpaceX wie ein Nebendarsteller.
Schon die Eröffnung geriet zur Machtdemonstration. Die Aktie startete bei 150 Dollar, kletterte im Tagesverlauf bis auf 176,52 Dollar und schloss schließlich bei 160,95 Dollar, ein Plus von 19,2 Prozent zum Ausgabepreis. Über 500 Millionen Aktien wechselten allein am ersten Tag den Besitzer. Die Emission war vierfach überzeichnet. Mehr als 4.400 neue Millionäre entstanden binnen weniger Stunden, wie mehrere Marktbeobachter errechneten. Mit einer Bewertung von rund 2,1 Billionen Dollar überholte SpaceX noch am Debüttag Tesla und zog an Konzernen wie Coca-Cola, Samsung und Netflix zusammengenommen vorbei.
Der eigentliche Treiber hinter diesem Kurssprung war längst nicht mehr nur Raumfahrt-Romantik. Im Februar 2026 hatte Musk SpaceX mit seiner KI-Firma xAI verschmolzen, samt Chatbot Grok, dem Rechenzentrum-Cluster Colossus und der Plattform X. Aus dem Raketenbauer wurde über Nacht eine der größten KI-Wetten der Welt, und genau diese Doppelrolle trieb die Nachfrage der Anleger ins Extreme.
Nur wenige Tage später begann der Absturz aus schwindelnder Höhe
Der Rausch hielt keine zwei Wochen. Am 16. Juni erreichte SPCX mit 225,64 Dollar sein bisheriges Allzeithoch, ein Plus von 67 Prozent zum Ausgabepreis und eine Bewertung von fast drei Billionen Dollar. Von diesem Gipfel aus ging es danach steil bergab.

Am 22. Juni brach die Aktie an einem einzigen Handelstag um 16,4 Prozent ein. Am 8. Juli folgte der nächste Schock, ein Minus von 6,8 Prozent auf 149,47 Dollar, mitten in einer breiten Verkaufswelle bei Technologiewerten, ausgelöst unter anderem durch Sorgen um die Nachhaltigkeit des KI-Chip-Booms nach schwachen Signalen von Speicherherstellern wie SK Hynix. Am 8. Juli markierte die Aktie mit 145,20 Dollar sogar ein neues Allzeittief, knapp unter dem Ausgabepreis. Aktuell, am 9. Juli, pendelt SPCX um die Marke von 150 bis 153 Dollar. Wer zum Höchstkurs eingestiegen ist, sitzt auf einem Buchverlust von rund einem Drittel.
Die Schwankungsbreite ist auch statistisch außergewöhnlich. Der Beta-Koeffizient der Aktie liegt bei 7,46, ein Wert, der SpaceX zu einer der volatilsten Einzelaktien überhaupt macht. Verschärfend kommt hinzu, dass der Wettbewerber Blue Origin von Jeff Bezos gerade rund 10 Milliarden Dollar an frischem Kapital einsammelt und damit den Wachstumsanspruch von SpaceX offen infrage stellt.
Der Nasdaq 100 nahm SpaceX auf während der S&P 500 die Tür verschlossen hielt
Für viele Privatanleger ist genau dieser Punkt der interessanteste, und zugleich der am meisten missverstandene. Am 7. Juli 2026 wurde SpaceX offiziell in den Nasdaq 100 aufgenommen, nachdem die Nasdaq ihre Regeln für besonders große Neuemissionen gelockert hatte, um eine schnellere Indexaufnahme zu ermöglichen. Auch im MSCI World ist die Aktie inzwischen vertreten. Beide Aufnahmen bedeuten automatische Käufe durch passive Fonds, die diese Indizes nachbilden, ein struktureller Rückenwind, der die Aktie aber im Fall der Nasdaq-100-Aufnahme kaum stützen konnte, wie der Kursrutsch am selben Tag zeigte.
Der S&P 500 bleibt SpaceX dagegen bislang verwehrt, und das hat zwei triftige Gründe. Erstens verlangt der Index seit einer Regeländerung von 2017 eine einfache Aktienstruktur ohne überproportionale Stimmrechte. SpaceX erfüllt dieses Kriterium nicht. Elon Musk hält zwar nur rund 42 bis 48 Prozent der Kapitalanteile, kontrolliert über eine zweite Aktiengattung mit Mehrfachstimmrecht aber 82 bis 85 Prozent der Stimmrechte. Normale Aktionäre haben damit faktisch keinen Einfluss auf strategische Entscheidungen des Konzerns.

Zweitens verlangt der S&P 500 nachhaltige Profitabilität, gemessen am jüngsten Quartal und an der Summe der vergangenen vier Quartale. SpaceX schrieb im jüngsten Quartal einen Nettoverlust von 4,28 Milliarden Dollar, nach einem Minus von 528 Millionen Dollar im Quartal davor. Ein Unternehmen mit zwei Billionen Dollar Marktkapitalisierung, das gleichzeitig tiefrote Zahlen schreibt und die Kontrolle in einer Hand konzentriert, bleibt für den strengsten aller US-Leitindizes schlicht ungeeignet, solange sich an dieser Struktur nichts ändert.
Die Bewertung hängt an einem einzigen Wort Starlink
Wer verstehen will, warum der Markt so nervös auf jede Nachricht reagiert, muss auf die Umsatzstruktur schauen. Von den 18,7 Milliarden Dollar Gesamtumsatz im Jahr 2025 stammten 11,4 Milliarden Dollar allein aus Starlink, dem Satelliteninternet-Geschäft. Raketenstarts, einst der Markenkern von SpaceX, sind längst zum kleineren Umsatztreiber geworden. Genau dieses Missverhältnis macht die Aktie so schwer einzuordnen, denn der Markt bewertet SpaceX weder wie ein reines Raumfahrtunternehmen noch wie einen klassischen Telekomanbieter, sondern wie eine KI-Infrastrukturwette mit Raketenanhang.
Das Kurs-Umsatz-Verhältnis liegt inzwischen jenseits des Hundertfachen, ein Wert, der selbst in der überhitzten Tech-Welt als Ausreißer gilt. Zusätzlicher Sprengstoff kommt aus der geplanten Übernahme des KI-Coding-Anbieters Cursor für rund 60 Milliarden Dollar, bezahlt in eigenen Aktien. Der Abschluss wird für das dritte Quartal 2026 erwartet, und die daraus resultierende Verwässerung bereitet vielen Investoren mehr Sorgen als der Kaufpreis selbst.
Analysten streiten wie kaum bei einer anderen Aktie zuvor
Die Meinungsspanne unter professionellen Beobachtern ist außergewöhnlich groß. Das Analysehaus Morningstar hält SpaceX für massiv überbewertet und beziffert den fairen Wert auf lediglich 780 Milliarden Dollar, weniger als die Hälfte der aktuellen Marktkapitalisierung. Selbst im optimistischsten Moonshot-Szenario von Morningstar, dem die Analysten nur sieben Prozent Wahrscheinlichkeit einräumen, käme SpaceX auf etwa 154 Dollar je Aktie, kaum mehr als der aktuelle Kurs.

Andere Häuser sehen deutlich mehr Potenzial. Raymond James startete die Coverage am 7. Juli mit der Einstufung Strong Buy. Die Konsensschätzung mehrerer Analysten liegt bei einem Zwölfmonatsziel zwischen 164 und knapp 240 Dollar, mit einer Spanne von 62 Dollar am unteren bis 800 Dollar am oberen Ende. Eine solche Bandbreite bei einer Aktie mit zwei Billionen Dollar Marktwert ist selbst für Wall-Street-Verhältnisse ungewöhnlich und zeigt, wie unklar die fundamentale Substanz hinter dem Namen SpaceX bewertet werden kann.
Die Lock-up-Fristen werfen bereits ihren Schatten voraus
Der nächste Belastungstest steht bereits fest. Bestehende Altaktionäre dürfen erst zwei Tage nach der Veröffentlichung der Quartalszahlen zum zweiten Quartal verkaufen, die für den 6. August 2026 angesetzt sind. Danach folgen gestaffelt zehn weitere Lock-up-Fristen, bevor nach einem Jahr sämtliche Altaktien frei handelbar werden. Rund 20 Prozent der bislang gesperrten Aktien werden mit der ersten Freigabe verfügbar, ein potenzieller Angebotsüberhang, den der Markt bereits jetzt einpreist.
Musks eigener Aktienblock unterliegt einer noch längeren Sperrfrist bis 2027. Für Anleger bedeutet das, dass die eigentliche Bewährungsprobe der SpaceX-Aktie noch bevorsteht, lange bevor Starship kommerziell etabliert ist oder die KI-Sparte profitabel wird.
Ein Konzern, der binnen vier Wochen von der teuersten Neuemission aller Zeiten zum Kandidaten für ein neues Allzeittief wurde, hat der Börse gezeigt, wie schmal der Grat zwischen Legende und Lehrstück sein kann.


