Die Nachricht schlug am Freitagnachmittag in der Berliner Startup-Szene ein wie eine Bombe. Völlig unerwartet gab der Aufsichtsrat von HelloFresh bekannt, dass Mitgründer und Vorstandschef Dominik Richter sein Amt mit sofortiger Wirkung niederlegt. Richter, der das Unternehmen vor fast 15 Jahren aus der Taufe gehoben und zu einem globalen Milliardenkonzern geformt hatte, verlässt die Brücke in einer Phase extrem hoher wirtschaftlicher Unsicherheit. Der Schritt kommt für den Markt vollkommen aus dem Nichts, da Richters Vertrag erst im vergangenen Jahr um weitere fünf Jahre verlängert worden war. Die offizielle Pressemitteilung spricht vage von persönlichen Gründen und dem Wunsch, Platz für eine neue Generation zu machen. Doch an der Frankfurter Börse glaubt kaum jemand an diese harmonische Version des Abgangs.

Binnen weniger Minuten nach der Bekanntmachung brach die Aktie des MDAX-Konzerns im nachbörslichen Handel um mehr als 18 Prozent ein. Das Papier, das ohnehin seit Monaten unter dem nachlassenden Kundeninteresse nach dem Ende der Pandemie-Lockdowns litt, büßte damit Milliarden an Marktwert ein. Das plötzliche Vakuum an der Unternehmensspitze schürt bei den Investoren die nackte Angst vor den anstehenden Quartalszahlen. HelloFresh, das lange Zeit als der unangefochtene Liebling der deutschen Tech-Szene galt und während der Corona-Krise astronomische Gewinne einfuhr, kämpft seit geraumer Zeit mit massiv gestiegenen Marketingkosten und einer spürbaren Kaufzurückhaltung der Verbraucher im Zuge der Inflation. Richter galt in diesem schwierigen Fahrwasser als der einzige Stabilitätsanker, dem die Wall Street den Turnaround zutraute.
Das amerikanische Kerngeschäft entpuppt sich als finanzielle Schlinge
Hinter den Kulissen des Berliner Hauptquartiers brodelte es nach Informationen aus Finanzkreisen schon seit Wochen. Der Hauptgrund für das Zerwürfnis im Führungsgremium soll das extrem schwächelnde Geschäft in den Vereinigten Staaten sein. Die USA sind für HelloFresh der mit Abstand wichtigste Markt, der in den vergangenen Jahren den Löwenanteil des Wachstums garantierte. Zuletzt machten dem Konzern dort jedoch die rasant gestiegenen Kosten für die Kundengewinnung sowie logistische Probleme in den neuen automatisierten Vertriebszentren schwer zu schaffen. Richter hatte bis zuletzt versucht, die Expansion im Bereich der Fertiggerichte (Ready-to-Eat) durch teure Zukäufe wie den Anbieter Factor zu forcieren, stieß damit im Aufsichtsrat aber wohl auf wachsenden Widerstand.
Der Druck der institutionellen Investoren auf das Management war in den vergangenen Monaten ins Unermessliche gestiegen. Große Fondsgesellschaften forderten lautstark radikale Sparmaßnahmen und ein Ende der kostspieligen Marketing-Schlachten, mit denen neue Abonnenten oft mit extremen Rabatten angelockt werden, nur um nach wenigen Wochen wieder zu kündigen. „Wir müssen akzeptieren, dass sich die Dynamik des globalen Lebensmittelmarktes nach der Pandemie dauerhaft verändert hat und wir unsere Strukturen dieser neuen Realität anpassen müssen“, so der Aufsichtsratsvorsitzende John McCallum in einer eilig einberufenen Telefonkonferenz mit Analysten. Richter war offenbar nicht mehr bereit, diesen schmerzhaften Schrumpfkurs mitzutragen, der das einstige Wachstums-Wunder in ein sanierungsbedürftiges Effizienz-Unternehmen verwandelt.
Ein eiskalter Machtkampf im Aufsichtsrat besiegelt das Schicksal des Gründers
Der abrupte Abgang wirft ein Schlaglicht auf die tiefen Gräben, die sich zwischen den Gründern der ersten Stunde und den Vertretern des Kapitals aufgetan haben. Dominik Richter war bekannt für seinen autoritären und visionären Führungsstil, der wenig Raum für Kompromisse ließ. Solange die Wachstumsraten stimmten und die Aktie von einem Rekordhoch zum nächsten eilte, ließen die Kontrolleure dem Chef freie Hand. Doch mit den ersten Gewinnwarnungen im vergangenen Jahr wendete sich das Blatt im Aufsichtsrat dramatisch. Die Vertreter der großen angelsächsischen Fonds drängten auf eine stärkere Fokussierung auf die Profitabilität und die Ausschüttung von Dividenden, anstatt das Geld in riskante neue Auslandsmärkte zu stecken.

In den letzten Wochen eskalierte dieser strategische Richtungsstreit offenbar vollends. Insider berichten von dramatischen Szenen in den Vorstandsetagen am Berliner Schiffbauerdamm, bei denen Richter ultimativ die Schließung unprofitabler Randbereiche und den Abbau von Hunderten Arbeitsplätzen weltweit diktiert werden sollte. Für den Gründer, der HelloFresh stets als Tech-Konzern und nicht als simplen Lebensmittellieferanten verstanden wissen wollte, war diese Neuausrichtung ein unannehmbarer Rückschritt. Mit seinem Rückzug zieht er nun die Reißleine, bevor das Kontrollgremium ihn in einer kommenden Aufsichtsratssitzung offiziell hätte entmachten können.
Die Konkurrenz wittert die einmalige Chance zur feindlichen Übernahme
Das Schlimmste für das Unternehmen ist das perfekte Timing der Krise für die internationale Konkurrenz. Während HelloFresh führungslos dasteht und der Aktienkurs im Keller liegt, bringen sich im Ausland bereits die großen Player in Stellung. Sowohl der US-Gigant Blue Apron als auch europäische Lieferdienste wie Just Eat Takeaway prüfen laut Investmentbankern derzeit die Machbarkeit einer Übernahme des angeschlagenen Marktführers. Für einen Bruchteil des Wertes von vor zwei Jahren könnten sich ausländische Investoren nun das gigantische Logistiknetzwerk und die wertvollen Kundendaten der Berliner sichern.
Die kommenden Wochen werden für das Überleben von HelloFresh in seiner jetzigen Form entscheidend sein. Der Aufsichtsrat hat den bisherigen Finanzvorstand Christian Gärtner interimistisch mit der Leitung des operativen Geschäfts betraut. Gärtner gilt als kühler Rechner und Liebling der Analysten, dem man zutraut, den Rotstift ohne emotionale Bindung an die Gründungsgeschichte anzusetzen. Ob er jedoch in der Lage ist, die verunsicherte Belegschaft zu motivieren und das Vertrauen der Millionen Kunden zurückzugewinnen, steht auf einem völlig anderen Blatt. Der Mythos vom unbesiegbaren Berliner Tech-Märchen hat an diesem Freitag Risse bekommen, die sich vermutlich nie wieder ganz schließen lassen.


