Der Aufstieg basiert auf einer gefährlichen Illusion
Das zweite Halbjahr 2026 startete an den Börsen spektakulär. Der Dow Jones erklomm die 52.900er Marke – ein neues Allzeithoch. Der DAX durchbrach seine bisherigen Rekorde und landete bei 25.581 Punkten. Selbst der europäische Stoxx 600 kletterte deutlich über sein Februar-Hoch von 634 Zählern. Oberflächlich betrachtet sieht das wie der Anfang einer klassischen Sommerrally aus.
Doch unter der Oberfläche liegt etwas Verstörendes. Der Fear-and-Greed-Index des CNN – ein vielbeachteter Stimmungsindikator für die Wall Street – steht bei gerade einmal 32 von 100 Punkten. Das bedeutet: Die Märkte sind nicht optimistisch. Sie sind verängstigt. Anleger sind panisch und misstrauisch. Und trotzdem kaufen sie. Das ist das erste Warnsignal, dass dieses Szenario nicht logisch ist.
Normalerweise folgt der Index solchen Mustern: Die Märkte sind angespannt und pessimistisch. Dann passiert etwas Positives. Dieser positive Impuls zieht Käufer an. Der Index klettert aus der Angstzone in normalere Bereiche. Das ist der klassische Boden-Bildungs-Prozess. Hier aber passiert etwas Anderes. Kurse steigen, während Angst bestehen bleibt. Das ist nicht Vertrauen. Das ist Panik-Käufe und technische Rücksprünge.
Allerdings gibt es einen Punkt, bei dem die Logik wieder Sinn macht: Die Tatsache, dass der Fear-and-Greed-Index noch tief in der Angstzone verharrt, bedeutet auch, dass die Märkte noch Luft nach oben haben. Es kann Wochen dauern, bis dieser Index wieder in den überheizten und damit für Börsen gefährlichen Bereich klettert. Das würde eine Sommerrally tatsächlich begünstigen.
Ölpreise als heimlicher Treiber der Rally
Der eigentliche Motor hinter diesem Aufstieg liegt nicht in der Sentiment, sondern in der Realwirtschaft. Der Ölpreis ist der entscheidende Faktor. Der Irankrieg, der im Februar zur schlimmsten Energieversorgungskrise seit Jahrzehnten führte, hat sich entspannt. Das Öl-Preishoch von 126 Dollar pro Barrel ist gestern. Die Notierungen fallen. Und während Benzin an der Tankstelle noch relativ teuer ist, spielt für die Börsenlogik die Rohöl-Bilanz eine völlig andere Rolle.
Das ist fundamental wichtig, denn günstigeres Öl bedeutet: Weniger Druck auf die Inflationszahlen, bessere Kostenrechnungen für Unternehmen und weniger Angst vor Zinserhöhungen. Für einen Anleger ist das die Nachricht, auf die er seit Monaten wartet. Ein Ölpreis zwischen 60 und 80 Dollar für die Nordsee-Sorte Brent würde vielen Unternehmen Luft zum Atmen geben. Es wäre das Ende der Knappheitslogik.
Getragen wird die aktuelle Rally vor allem von großen, klassischen Unternehmen. Im Dow Jones sind es Johnson & Johnson, Coca-Cola, Travelers und Apple, die zu neuen Höhen vordringen. Microsoft erholt sich von seinen jüngsten Rückschlägen. Das ist nicht überraschend – in schwierigen Zeiten flüchten Anleger in defensive, profitabel etablierte Konzerne. Das Muster ist alt und hat sich bewährt.
Bayer ist das Phänomen, das Verständnis erfordert
Der spektakulärste Fall dieser Rally ist jedoch Bayer. Das Leverkusener Unternehmen erlebt einen Comeback der Superlative. Nur zwei Tage, nachdem der Oberste US-Gerichtshof die Glyphosat-Klage-Lawine entschärfte, verkündete Bayer die strategische Ausgliederung eben jenes Glyphosat-Geschäfts. Für die Börse waren das nicht einfach gute Nachrichten. Das war eine Sensation. Die Marktkapitalisierung sprang um 14 Milliarden Euro nach oben.
Das ist nicht willkürlich. Das ist die Berechnung eines Befreiungsschlags. Bayer war zehn Jahre lang ein Abstiegsfall. Von 120,9 Milliarden Euro Börsenwert im Frühjahr 2015 rutschte der Konzern bis auf weniger als die Hälfte ab. Der psychologische Schaden war größer als der finanzielle – denn bei 46 Milliarden Euro Geschäftsjahresumsatz war die alte 2,6-fache Umsatzbewertung vollkommen rational.
Heute, nach der Glyphosat-Entlastung, sind plötzlich andere Szenarien denkbar. Pharmaaktien wie Sanofi oder GSK notieren bei der zweifachen Umsatzbewertung. Der Agrarchemiker Corteva kommt auf das Dreifache. Für einen Bayer-Konzern ohne Glyphosat-Ballast könnte also genau diese zweifache Bewertung wieder realistisch werden. Bei 46 Milliarden Euro Umsatz würde das einen Börsenwert von 92 Milliarden Euro bedeuten – und damit Aktienkurse um die 94 Euro.
Das ist nicht irrational. Das ist sogar konservativ. Praktisch würde das bedeuten: Luft bis in den Bereich um 100 Euro. Allerdings – und das ist entscheidend – könnte es Jahre dauern, bis dahin. Der Weg nach oben dürfte von Korrektionen durchzogen sein. Doch im Gegensatz zu den zehn Jahren Baisse von 2015 bis 2025 könnten solche Rücksetzer nun endlich zu Kaufgelegenheiten werden statt zu Fallen.
Auto-Branche zeigt das echte Beben unter der Rally
Während Bayer einen Befreiungsschlag feiert, offenbaren sich anderswo existenzielle Krisen. Der DAX ist zwar auf neue Höhen geklettert, aber nicht überall. Volkswagen, BMW und Mercedes-Benz sind nach Gewinnwarnungen und Massenentlassungs-Spekulationen abgerutscht. VW ist auf den tiefsten Kurs seit 2010 gefallen. Das ist nicht eine technische Korrektur. Das ist Panik.
Die Zahlen in den Gewinnrechnungen sind zwar noch nicht desaströs, aber die Trend-Richtung ist verheerend. Was Anleger früher mit einem Schulterzucken ignorierten – tendenziell schwächere Gewinne – führt jetzt zu Verkaufslawinen. Das zeigt, dass der Vertrauensverlust tiefer geht als die reinen Zahlen. Anleger haben das Gefühl, dass die deutschen Autobauer in einem System stecken, das zusammenbricht.
Dieser Prozess könnte sich in drei Phasen abspielen. Zunächst müssen die Kurse nach der jüngsten Verkaufswelle neue Tiefs ausloten. Bei VW wurden vier markante Tiefpunkte seit 2011 gerissen – das ist nicht ein Signal, sondern eine Struktur-Beschädigung. Diese erste Phase kann Monate dauern. In der zweiten Phase pendeln sich die Aktien auf ein neues, tieferes Niveau ein, und geschäftliche Nachrichten rücken wieder in den Fokus. Das erfordert aber vorher eine echte Bereinigung, ein Schmerz, der sich über mehrere Quartalberichte zieht.
Erst in einer dritten Phase – ähnlich wie jetzt bei Bayer – könnte es zu einer echten Wende kommen. Das erfordert aber positive Meldungen, attraktive Bewertungen und wieder anziehendes Kaufinteresse. Wann das bei den Auto-Aktien der Fall sein wird? Das bleibt völlig offen. BMW könnte um die 60-Euro-Marke stabilisieren, Mercedes-Benz historisch um die 40-Euro-Zone, VW irgendwo um die 70-Euro-Spanne. Doch das sind nur Spekulationen über technische Widerstände, nicht Hoffnungen auf echte Besserung.

Das Szenario für die Sommerrally ist realistisch – aber zerbrechlich
Der DAX hat nach einer zweimonatigen Korrektion neuen Schwung bekommen. Moderate Ölpreise, Entspannung bei Inflationsdaten und starke Favoriten wie Allianz, Deutsche Post, Merck und besonders Bayer haben den Index nach oben getrieben. Der Anstieg über das alte Hoch von 25.500 ist noch nicht nachhaltig – das wäre erst ab etwa 26.000 der Fall. Und die US-Tech-Aktien an der Nasdaq bestätigen die Höchstkurse noch nicht.
Dennoch: Die Verfassung des deutschen Aktienmarkts hat sich insgesamt verbessert. Kurzfristig kommt es nun darauf an, dass der DAX bei Rücksetzern ein gutes Stück über 25.000 Punkten bleibt. Die 200-Tagelinie verläuft aktuell bei 24.265 Punkten – und wird in den nächsten Wochen stärker nach oben drehen. Das ist ein klassisches Muster für einen beschleunigten Kursanstieg.
Wenn der DAX so wie beim Anstieg von März bis Mai um gut 3000 Punkte zulegt, ergibt das vom jüngsten Tief von 24.000 eine Projektion bis auf rund 27.000 Punkte. Das ist durchaus im Bereich des Möglichen. Solange der DAX nicht unter 24.500 abtaucht, bleibt die Chance auf eine Sommerrally erhalten.
Doch hier liegt das eigentliche Risiko: Das Szenario funktioniert nur, wenn die Auto-Branche nicht völlig kollabiert. Wenn Mercedes, BMW und VW weiter fallen, während Bayer steigt, entsteht ein Ungleichgewicht, das die gesamte DAX-Rally untergraben könnte. Eine Sommerrally ist möglich. Aber sie ist auch eines der zerbrechlichsten Szenarien, die die Börsen derzeit spielen.




