19. Juni, 2026

Unternehmen

Der Zehn-Prozent-Todesstoß: Wie die Deutsche Nachhaltigkeit AG Millionen anleger in den Ruin treiben könnte

Das schillernde Versprechen von grünem Gewissen und traumhaften Renditen lockt Tausende Investoren nach Frankfurt. Doch hinter der glitzernden Fassade der Deutsche Nachhaltigkeit AG (DN Group) verbirgt sich ein hochgefährliches Firmenkonstrukt, das jeglicher wirtschaftlicher Logik spottet.

Der Zehn-Prozent-Todesstoß: Wie die Deutsche Nachhaltigkeit AG Millionen anleger in den Ruin treiben könnte
Die Deutsche Nachhaltigkeit AG lockt mit 10 Prozent Rendite. Doch die Investments schreiben Millionenverluste und besitzen kaum Substanz.

Ein Countdown läuft ab, dramatische Bässe wummern durch den vollbesetzten Frankfurter Kongresssaal, und bunte Scheinwerfer schneiden durch künstlichen Nebel. Rund 1.000 Anleger applaudieren, als Tim Nixdorff, operativer Geschäftsführer der DN Group AG, auf die Bühne joggt. Die Kulisse gleicht einem Popkonzert, doch verkauft wird hier die vermeintlich perfekte finanzielle Zukunft: Rette die Welt und kassiere dafür satte zehn Prozent Zinsen im Jahr. Unter dem Label „Impact Investing“ sammelte die Gesellschaft in den vergangenen zwei Jahren rund 50 Millionen Euro von Privatanlegern ein. Wer das Papier erfolgreich an den nächsten Gutgläubigen vermittelt, streicht bis zu fünf Prozent Provision ein.

Doch wer hinter die Kulissen der feierlichen Veranstaltung blickt, stößt auf ein hochexplosives Geflecht, das an den Grundfesten seriöser Finanzwirtschaft rüttelt. Das Geschäftsmodell wirft eine fundamentale Frage auf, die auf der Bühne niemand beantworten will: Woher soll das Geld für die üppigen Ausschüttungen kommen, wenn das Unternehmen selbst operativ überhaupt nichts verdient?

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Ein insolventer Motorrad-König zieht im Hintergrund die Fäden

Die Beteiligungsstruktur der DN Group gleicht einem verschachtelten Labyrinth, an dessen Ende ein Name für extremes Unbehagen sorgt. Rund 85 Prozent der DN-Aktien liegen bei der SP1 Equity GmbH. Über diverse Tochterfirmen hält ein prominenter Pleitier rund ein Viertel dieser Anteile: Stefan Pierer.

Der einstige Vorzeigeunternehmer und ehemalige CEO des österreichischen Motorradbauers KTM blickt auf ein unternehmerisches Trümmerfeld zurück. Erst schlitterte sein Autozulieferer Leoni in eine tiefgreifende Restrukturierung, die Pierers Beteiligung pulverisierte. Ende 2024 folgte das absolute Desaster: KTM, die weltbekannte Motorsport-Ikone, krachte wegen hoher Lagerbestände und kollabierender Nachfrage in die Insolvenz. Pierer verlor seinen Chefposten und seine Anteile an den indischen Partner Bajaj Auto.

Dass ausgerechnet ein im schweren Gelände der Realwirtschaft steckengebliebener Manager nun beim vermeintlichen Retter der Welt ein gewichtiges Wort mitspricht, wirft einen tiefen Schatten auf das gesamte Konstrukt. Ein grünes Saubermann-Image kommt da wie gerufen, um von den Milliardenverlusten der jüngsten Vergangenheit abzulenken. Zumal die DN Group selbst eine Historie besitzt, die Finanzexperten die Haare zu Berge stehen lässt.

Unter dem alten Namen Neon Equity verbuchte die Firma im Jahr 2023 einen gigantischen Buchverlust von 134 Millionen Euro. Damals hielt man Anteile an der Immobilienfirma Publity AG im Wert von 143 Millionen Euro, die nach dem plötzlichen Abgang von CEO Thomas Olek für lächerliche neun Millionen Euro an eben diesen zurückverkauft wurden. Wenig später war Publity pleite. Auch die Finanzaufsicht BaFin schritt bereits ein und verdonnerte das Management zu einer Geldbuße, weil Führungskräfte millionenschwere Eigengeschäfte mit Papieren der eigenen Firma verschwiegen hatten.

Wertlose Klitsche für 93 Millionen Euro an der Börse platziert

Ein neuer Name und ein neues Gesicht an der Spitze sollten die Altlasten vergessen machen. Ole Nixdorff übernahm das Ruder. Die Methode, mit der die DN Group seither vorgibt, Werte für die nächste Generation zu schaffen, wirft allerdings noch größere Rätsel auf. Bei der Übernahme von Start-ups fließt so gut wie nie echtes Bargeld. Stattdessen wird mit verschachtelten Aktientauschgeschäften und Sachkapitalerhöhungen jongliert.

Wie absurd diese Bewertungen ausfallen, zeigt das Beispiel der Susmata AG, die auf der Frankfurter Messe Lederalternativen aus Teeresten präsentiert. Die Gründer schwärmen von großem Interesse bei Toyota und McDonald's, doch ein Blick in den Jahresabschluss 2023 offenbart die bittere Realität: Eine Bilanzsumme von mageren 7.407 Euro steht einem Jahresfehlbetrag von 3.500 Euro gegenüber. Das Unternehmen ist tief in den roten Zahlen und faktisch ein Kleinstbetrieb.

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Tdennoch verkündete die DN Group die Übernahme der Susmata AG über eine börsengehandelte Holding und bezifferte den Unternehmenswert auf astronomische 93,8 Millionen Euro. An der Börse verpuffte der Traum schnell; die Marktkapitalisierung der gesamten Holding implodierte zeitweise und dümpelt heute bei rund 720.000 Euro. Wie aus einer unprofitablen Teerest-Bude mit wenigen tausend Euro Vermögen ein zweistelliger Millionenwert konstruiert wird, bleibt das exklusive Geheimnis der DN-Strategen.

Ein ähnliches Muster zeigt sich bei der Firma Algene, die mit Mikroalgen für Kosmetik und Ernährung handelt und das Messepublikum mit kostenlosem Eis bei Laune hält. Bei einer Bilanzsumme von 226.000 Euro und Verlusten im Jahr 2024 schluckte die DN Group Ende 2025 die Mehrheit für stolze 105 Millionen Euro – rein virtuell verrechnet durch den Tausch von 30 Millionen Aktien einer anderen DN-Tochtergesellschaft.

Das Kartenhaus zittert ohne operatives Einkommen am Abgrund

Für die gutgläubigen Anleger, die ihr Erspartes in die zehnprozentige Unternehmensanleihe gesteckt haben, sind diese Luftbuchungen eine existenzielle Bedrohung. Das Gesamtvermögen der DN Group wird zwar mit rund 460 Millionen Euro angegeben, doch diese Summe besteht zu 98 Prozent aus ebensolchen hochbewerteten Unternehmensbeteiligungen und Wertpapieren. Der tatsächliche Kassenbestand, also das echte, liquide Bargeld, liegt bei gerade einmal 3,5 Millionen Euro.

Im eigenen Wertpapierprospekt muss die Gesellschaft sogar die nackte Wahrheit beichten. Dort wird explizit davor gewarnt, dass die DN Group über „nur unwesentliche eigene Einkünfte aus Beratungstätigkeiten und keine weiteren Einkünfte aus operativen Tätigkeiten“ verfügt. Das gesamte System hängt damit am Tropf zweier Kerngesellschaften: der More Impact AG und der First Move! AG.

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Wer hier auf sprudelnde Gewinne hofft, wird bitter enttäuscht. Die More Impact AG, die einen medizinischen Inhalator für Cannabis und Tabak vermarktet, wies für 2024 einen Bilanzverlust von massiven 4,2 Millionen Euro aus. Ihre Bilanz von 70 Millionen Euro besteht ebenfalls fast nur aus anderen Firmenanteilen. Die in der Schweiz ansässige First Move! AG, Entwicklerin von platzsparenden Elektro-Parkhäusern, hüllt sich ganz in Schweigen und veröffentlicht gar keine Abschlüsse. Im Prospekt wird lediglich eingeräumt, dass für 2024 keinerlei Umsätze, dafür aber Kosten im sechsstelligen Bereich anstehen.

Wenn die Zinszahlungen für die 50 Millionen Euro an Anleihen fällig werden, muss die DN Group jedes Jahr mindestens fünf Millionen Euro an Cash auf den Tisch legen – die üppigen Vertriebsprovisionen noch gar nicht eingerechnet. Da aus den Beteiligungen und dem eigenen Geschäft kein Cent fließt, bleibt der Ursprung dieser Zahlungen ein finsteres Geheimnis. Die Parallelen zu klassischen Systemen, bei denen die Zinsen der Alt-Anleger nur durch das frische Geld neuer Investoren beglichen werden, sind für unabhängige Beobachter kaum noch zu übersehen. Solange der Strom an Neukunden nicht abreißt, läuft die Party im Scheinwerferlicht weiter.