In Israel haben sich Hunderttausende bei den größten Massenprotesten seit Beginn des Gaza-Kriegs versammelt, um ein sofortiges Abkommen mit der islamistischen Hamas zu fordern. Diese Protestbewegung wurde durch den Fund der Leichen von sechs Geiseln im Gazastreifen noch verstärkt. Israels Gewerkschafts-Dachverband plant heute einen beispiellosen Generalstreik, um das Land zum Stillstand zu bringen und den Druck auf Regierungschef Benjamin Netanjahu zu erhöhen, damit er einen Deal zur Freilassung der verbliebenen Geiseln abschließt.
In Tel Aviv und anderen Städten kam es zu teils heftigen Zusammenstößen mit der Polizei, wobei Dutzende festgenommen wurden. Allein in Tel Aviv sollen rund 300.000 Menschen demonstriert haben, wie die „Times of Israel“ berichtete. Offizielle Zahlen liegen derzeit noch nicht vor.
Gewerkschaftschef Arnon Bar David betonte, dass ein Abkommen mit der Hamas oberste Priorität habe: „Wir können nicht weiter zuschauen. Dass Juden in den Tunneln von Gaza ermordet werden, ist inakzeptabel.“ Der Generalstreik soll um 06:00 Uhr Ortszeit beginnen, auch der internationale Flughafen Ben Gurion soll bestreikt und der Flugbetrieb lahmgelegt werden.
Die Proteste richteten sich auch gegen die israelische Regierung, insbesondere gegen den rechtsradikalen Finanzminister Bezalel Smotrich und Polizeiminister Itamar Ben Gvir, die sich vehement gegen Zugeständnisse an die Hamas aussprechen und Netanjahu mehrfach mit dem Platzen der Regierung drohten. Smotrich soll sogar den Generalstaatsanwalt aufgefordert haben, den Generalstreik per einstweiliger Verfügung zu verhindern.
Der Fund der Leichen von sechs Geiseln hat die Dringlichkeit eines Abkommens noch einmal verdeutlicht. Die israelische Armee entdeckte die Leichen in einem Tunnel im Süden des Gazastreifens. Das Nationale Forensische Institut bestätigte, dass die Geiseln aus nächster Nähe erschossen wurden. Ein Sprecher der Hamas behauptete dagegen, sie seien durch israelisches Bombardement ums Leben gekommen.
Demonstranten skandierten in Tel Aviv: „Wir werden sie nicht im Stich lassen“, und marschierten mit blau-weißen Nationalflaggen auf zentralen Straßen der Stadt. In anderen Städten Israels wurden ebenfalls Proteste gemeldet. Die Demonstranten fordern eine rasche Freilassung der Geiseln im Austausch gegen palästinensische Häftlinge.
Unterdessen laufen im Gazastreifen Impfkampagnen gegen das Poliovirus. Nach dem ersten Fall von Kinderlähmung seit 25 Jahren sollen rund 640.000 Kinder immunisiert werden. Israels Armee kündigte an, zeitlich und örtlich begrenzte Kampfpausen einzuhalten, betonte jedoch, dass dies keine klassische Waffenruhe darstelle.
Inmitten dieser angespannten Lage arbeiten Vermittler intensiv daran, den Konfliktparteien einen letzten Vorschlag für ein Abkommen vorzulegen. Sollten diese Bemühungen scheitern, könnte dies das Ende der Verhandlungen bedeuten.
Die Tragödie des Gaza-Kriegs begann mit einem Massaker im israelischen Grenzgebiet am 7. Oktober des vergangenen Jahres und hat seither zahlreiche Opfer gefordert. Laut Angaben der von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörde sind seitdem mehr als 40.700 Palästinenser ums Leben gekommen. Diese Zahl unterscheidet jedoch nicht zwischen Kämpfern und Zivilisten und lässt sich kaum überprüfen.