Die Herausforderungen auf den deutschen Schienenwegen sind seit langem bekannt, aber die jüngste Fußball-Europameisterschaft hat die Probleme deutlich sichtbar gemacht. Im Juni, während der ersten Turnierphase, war fast jeder zweite Fernzug verspätet, teilte die Deutsche Bahn nun mit. Ein solch schlechter Pünktlichkeitswert wurde zuletzt im November des Vorjahres und lange Jahre zuvor nicht erreicht. Die Bahn hat daher ihre Pünktlichkeitsziele für das laufende Jahr bereits kassiert. Ursprünglich sollten bis 2024 über 70 Prozent der Züge pünktlich sein. Doch das Ziel scheint für dieses Jahr unerreichbar.
Im ersten Halbjahr 2023 kamen nur 62,7 Prozent der Fernzüge pünktlich an, fast sechs Prozentpunkte weniger als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Auch die "Reisendenpünktlichkeit" fiel mit 66,8 Prozent nicht wesentlich besser aus. Hierbei wird analysiert, wie viele Fahrgäste ihr Ziel ohne größere Verspätung erreichten, wobei auch Zugausfälle berücksichtigt werden. Ab einer Verspätung von 15 Minuten gilt ein Fahrgast als verspätet angekommen. Laut Bahn waren massive Streiks, Bauarbeiten und vor allem Extremwetterereignisse entscheidende Faktoren, die diese Zahl nach unten drückten.
Juni war besonders herausfordernd für Bahn und Fahrgäste. Über 400 Züge pro Tag waren von externen Einflüssen wie Hangrutschen, Überflutungen und Dammschäden betroffen, doppelt so viele wie normalerweise. Dies bedeutete eine 33-prozentige Steigerung verglichen mit bisherigen Höchstwerten während der Flutkatastrophe im Sommer 2021. Doch auch Streiks und schlechtes Wetter sind nicht allein verantwortlich. Die seit Jahren marode Infrastruktur, bedingt durch mangelnde Finanzierung, trägt erheblich zur Verspätungsquote bei – ein Umstand, der während der Fußball-EM besonders schmerzhaft sichtbar wurde.
Nicht nur Fans, auch prominente Persönlichkeiten wie Turnierchef Philipp Lahm waren betroffen. Negative Schlagzeilen und laute Kritik aus der Politik ließen nicht lange auf sich warten. Einige Teams und Fans mussten sogar auf alternative Reisemöglichkeiten ausweichen, weil Züge nicht pünktlich waren.
Die Kritik an der Bahn war so intensiv, dass sogar Konkurrenten dem staatlichen Konzern zur Seite sprangen. Peter Westenberger, Hauptgeschäftsführer des Wettbewerberverbands Die Güterbahnen, machte deutlich, dass der Bund die Probleme des Schienennetzes nicht länger ignorieren dürfe. „Deutschland spart sein Schienennetz noch immer kaputt“, so Westenberger.
Doch es gibt Hoffnung: Der Bund hat begonnen, beträchtliche Gelder in die Modernisierung des Schienennetzes zu investieren. Die Rundum-Sanierung der Riedbahn zwischen Frankfurt und Mannheim, die seit dieser Woche läuft, ist ein erster Schritt. Bis 2031 sollen weitere 40 stark frequentierte Streckenabschnitte modernisiert werden, um die Pünktlichkeit stückweise zu verbessern und das Netz widerstandsfähiger gegen Extremwetter zu machen. Nicht nur Fußballfans hoffen auf den Erfolg dieses Plans.