Die unbequeme Parallele zwischen Washington und Paris
Frankreich und die Vereinigten Staaten befinden sich in einer bemerkenswert ähnlichen haushaltspolitischen Situation. Beide Länder kämpfen mit Schuldenquoten, die sich ihrer Bruttoinlandsprodukte annähern und strukturelle Defizite aufweisen, die Jahr für Jahr wachsen. Die französische Staatsschuld liegt bei etwa 110 Prozent des BIP, während die USA mit über 120 Prozent bereits tiefer in die Schuldenfalle geraten sind. Trotz dieser oberflächlichen Ähnlichkeit befinden sich die beiden Nationen in grundlegend unterschiedlichen wirtschaftlichen Positionen – und das könnte für Paris verheerende Konsequenzen haben.
Die Parallelen sind unübersehbar: Beide Länder haben überalterte Bevölkerungen, die ihre Sozialausgaben nach oben treibt. Beide kämpfen mit Rentendefiziten, die sich bis 2050 weiter verschärfen werden, wenn nicht drastische Reformen eingeleitet werden. In Frankreich hat Emmanuel Macrons Rentenreform gerade erst massive Proteste ausgelöst, während in den USA die Reform des Social-Security-Systems ebenfalls politisch vergiftet ist. Doch hier beginnen die Unterschiede.

Das Dollarmonopol als wirtschaftliche Geheimwaffe
Das entscheidende Unterscheidungsmerkmal liegt in der globalen Währungsrolle. Der US-Dollar ist die Leitwährung der Welt. Zentral- und Geschäftsbanken halten Billionen Dollar an Reserven. Jeder internationale Handel, der abgewickelt wird, läuft zu großen Teilen über Dollar-Transaktionen. Das bedeutet: Die USA können ihre Schulden in der eigenen Währung finanzieren – ein riesiger Vorteil, den Frankreich nicht besitzt. Die Federal Reserve kann Staatsanleihen kaufen, kann das Geldangebot erweitern, kann durch Inflation einen Teil der Schuldenlast abbauen. Das ist wirtschaftlich problematisch für die Gesamtgesellschaft, aber es ist möglich.
Frankreich hat diese Option nicht. Als Mitglied der Eurozone ist die französische Währungspolitik an die Europäische Zentralbank gebunden. Paris kann nicht einfach die Druckerpresse anwerfen und die eigene Währung abwerten, um Schulden zu relativieren. Frankreich muss sich auf den internationalen Märkten Kapital zu kompetitiven Zinssätzen beschaffen. Und je höher die Schuldenquote, desto teurer werden diese Kredite. Das ist die klassische Schuldenfalle: Steigende Zinsen führen zu höheren Defiziten, die wieder Schulden anhäufen.
Warum Amerika noch Zeit hat, Frankreich aber nicht
Die USA nutzen ihre Dollarposition als Puffer. Die Federal Reserve hält die Zinssätze niedrig, stimuliert die Wirtschaft und akzeptiert dabei vorübergehend höhere Inflation. Obwohl auch dieses Modell nicht nachhaltig ist, kauft es Washington Zeit für strukturelle Reformen – oder zumindest Zeit, um über sie zu streiten. Investoren weltweit sind bereit, US-Staatsanleihen zu halten, weil der Dollar sicher erscheint und weil die USA die größte Wirtschaft der Welt mit umfangreichen Rohstoffvorkommen und technologischer Führerschaft sind.
Frankreich dagegen muss härter arbeiten für jeden Kredit. Die EZB kann zwar Staatsanleihen kaufen, aber sie tut dies unter Beschränkungen und immer unter dem Druck der deutschen und niederländischen Hardliner, die Fiskalregeln einfordern. Wenn die französischen Spreads – also die Zinsaufschläge – gegenüber deutschen Bundesanleihen zu stark anwachsen, könnte eine Krise entstehen, die kaum noch zu kontrollieren ist. Die Spekulationswellen gegen südeuropäische Länder während der Schuldenkrise 2011 bis 2015 haben gezeigt, wie schnell es eskalieren kann.

Die unbequeme Wahrheit für Frankreich
Dies führt zu einer düsteren Erkenntnis: Frankreich muss tatsächlich das tun, was die USA nur theoretisch müssen. Paris braucht echte Sparmaßnahmen, echte Reformpaket und echte Strukturanpassungen. Die Rente muss steigen, der öffentliche Sektor muss schlanker werden, die Steuern könnten erhöht werden. Macron hat versucht, diese Botschaft zu vermitteln, ist aber auf massiven Widerstand gestoßen. Die USA können dagegen mit einer Art strukturellem Defizit leben – zumindest für die nächsten Jahre oder Jahrzehnte.
Diese asymmetrische Situation erklärt auch, warum die USA weiterhin als globale wirtschaftliche Supermacht agieren können, während Frankreich zunehmend unter Druck gerät. Das Dollarmonopol ist nicht nur eine ökonomische Tatsache, sondern ein politisches Machtinstrument. Und Frankreich wird diese Macht nicht haben.

